Mal mit und mal ohne tiefgründige Botschaft

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Vordergründig ein wenig platt, aber im Abgang doch tiefgründiger und mit Botschaft: der Kabarettist Stephan Bauer braucht auf de
Vordergründig ein wenig platt, aber im Abgang doch tiefgründiger und mit Botschaft: der Kabarettist Stephan Bauer braucht auf der Bühne nur ein Mikrophon und einen Barhocker. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Bad Waldsee - Was für eine Art von Jeans trägt dieser Mann? Stonewashed, klar, mit ein paar dekorativen Kunst-Schäden, aber auch einigem Bling-Bling, dazu ein dünnes Sakkoteil, eine Größe zu knapp, und Halbschuhe aus Naturleder mit dunkleren langen Spitzen. Jedes einzelne (eher teure) Teil könnte der Kabarettist Stephan Bauer, Jahrgang 1968, gebürtig aus Stade im Alten Land und aufgewachsen in Dußlingen bei Tübingen, sicher ökologisch-sarkastisch auseinander nehmen. Aber das Thema des alten Hasen – mit 24 Jahren stand er zum ersten Mal solo auf der Bühne – ist ein anderes: das Programm mit dem Titel „Vor der Ehe wollt’ ich ewig leben“ von 2017.

Weitere Markenzeichen des Fünfzigers sind die sympathisch-zerknautschte Mimik, eine sparsame Gestik, die manchmal etwas vernuschelte Sprechweise und die minimalistische Bühne für sein reines Textkabarett. Keine Maske, keine Verkleidung, lediglich ein Barhocker, auf dem er ab und zu das Kreuz entlastet. Im Verzicht auf Requisiten erinnert er stark an seinen älteren Kollegen Dieter Nuhr, auch darin, dass er ständig herumtigert. Man denkt an Kleists „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ und könnte hier das ,Reden’ durch das ,Gehen’ ersetzen. „Alles, was ich kann, ist dummes Zeug zu erzählen“, sagt Stephan Bauer irgendwann beiläufig in den eineinhalb Stunden – dabei hat er in der Zeit vorher gerade das Gegenteil bewiesen.

Seine Themen sind der klassische Mann-Frau-Konflikt, Sex, die Probleme des Lebens und Zusammenlebens, der Kommunikation, in der Ehe, der Paarbeziehung und der Gesellschaft. Alles große Sachen, aus der Sicht des heutigen Mannes, seiner Selbstzweifel, herunter gebrochen auf sein persönliches Problem der Eifersucht auf den blendend aussehenden Fitnesstrainer seiner Frau. Wie er diese Themen verhandelt, das kommt manchmal als zotiger Kalauer, dann wieder als schneller Witz daher – und urplötzlich wechselt er, der nach eigenen Worten niemanden erziehen will, zu einem wirklich ernsten Appell an die Vernunft. Wie er zum Beispiel das völlig überbewertete Thema Sex in Zusammenhang bringt mit dem für Kinder völlig unkontrolliertem Zugang zu Hardcore-Pornos im Netz, oder das Bedürfnis nach Romantik und Schnulzenfilmen mit der Unfähigkeit zur wirklichen Beziehung infolge der autistischen Smartphone-Kommunikation. „Da wischt dann einer über einen Busen und denkt, er wird dadurch größer“, plädiert er für „Kommunikation statt Whatsapp“, wenn’s sein muss per Paartherapie.

Auf den Hund kommt er auch dabei, jedoch ist mit diesem der Konflikt zwischen raffinierter Weiblichkeit und primitivem Männerhirn nicht gelöst. „Wer hat zuhause was zu sagen?“, lautet denn auch eine seiner mehr rhetorischen, interaktiven Fragen ans Publikum. Über Astrologie-Bashing zur Treue in der Ehe, zur Weihnachtsgeschichte, Intimrasur und Analwittern beim Hund, zum Latex-Rollenspiel beim Versuch, den müden Sex in der Ehe aufzupeppen, geht es bis zur suizidalen Stimmung, die allerdings durch die typisch männliche Furcht vor Schmerzen wieder gedämpft wird.

Und der letzte Appell ist wieder ernst: Beieinander bleiben, damit man nicht allein ist im Alter, denn „wahre Liebe fordert nichts“, da führt er sogar den Heiligen Franziskus an. Bauer hält alles in der Schwebe von Esprit und Ulk und steuert vom Ernst sofort wieder ins Triviale – und das Publikum reagiert überwiegend mit Heiterkeit und viel Gelächter. Für den großen Beifall gibt es eine längere Zugabe, ein Teil dieses Programms ist übrigens auch auf Youtube zu sehen.

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