Lebensprägende Perspektiven im Ortsgespräch

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Dirk Haselbach (links) übt sich im binokularen Sehen, wie’s geht weiß René Auer (rechts).
Dirk Haselbach (links) übt sich im binokularen Sehen, wie’s geht weiß René Auer (rechts). (Foto: Dietmar Hermanutz)
Schwäbische Zeitung
Dietmar Hermanutz

Die Alte Mälze ist mit rund 100 Besuchern am Samstagabend mal wieder vollbesetzt gewesen. Dirk Haselbach hatte zum neunten Ortsgespräch geladen und als Gesprächspartner saß ihm kein geringerer als der 83-jährige René Auer gegenüber. Ein „Waldseer Kind“, wie er von Haselbach genannt wurde, das bis zurück in die Kriegszeit die Waldseer Geschichte erlebt hatte und die eine oder andere Anekdote über die verschiedenen Epochen berichten konnte.

Nicht wenige Geschichten und Erinnerungen kreisten um die Kindheit von Auer, die er in der Biberacher Straße erlebte. Seine Kindheit fiel in die Kriegszeit und so erlebte er auch wie nach dem Einmarsch der Franzosen das elterliche Haus beschossen wurde – ein offensichtliches Versehen, denn französische Flugzeuge beschossen einen französischen Panzer der vor dem Haus stand. Die Besatzungszeit war in gewisser Hinsicht lebensprägend, denn die praktische Kopfbedeckung der Franzosen hatten es Auer angetan und er entschied sich ebenfalls für das Barett, das Markenzeichen von ihm, an dem er von jedermann erkannt wird. „Oben ohne kennt mich in Waldsee niemand“, so Auer.

Ein Grafiker vom alten Schlag

Auer ist ein Grafiker vom alten Schlag, ein Mann mit einem fotografischen Gedächtnis und einem ungewöhnlich gutem räumlichen Vorstellungsvermögen das er mit seinen Grafiken für das „binokulare Sehen“ zur Perfektion gebracht hat. Man muss ein bisschen schielen – Haselbach blickt etwas skurril auf die Zeichnung, bis ihm ein „s’funktioniert“ entfährt. Für Auer keine Überraschung, denn „ich weiß, was das Gehirn mit den Augen macht und kann es deshalb so manipulieren, dass Objekte sich aus dem Papier heraus erheben“. Auer ist nicht nur in den Augen Haselbachs „der Michelangelo Oberschwabens“, nein er hat auch einen ausgeprägten Sinn für Humor und die Gabe seine Mitmenschen nicht nur zu unterhalten, sondern auch mit diversen Tricks zu verzaubern. Da hat er vermutlich einiges von seinem Vater mitbekommen, der als Musiker auch den einen oder anderen Klamauk veranstaltete. „Heute bin ich selber so ein Clown“ resümiert Auer.

Abschluss als Jahrgangsbester

Das musikalische Erbe schlug sich eher bei seinen neun Geschwistern nieder, René hingegen entfaltete bereits sehr früh seine Talente im grafischen Metier. Der Kunsterzieher Paul Heinrich Ebell erkannte sein Talent als er authentisch ein Pferd von unten malte – klingt sonderbar, aber es gibt eine plausible Erklärung dazu. Zunächst jedoch erlernte Auer nach der Schule den grundsoliden Beruf des Malers, bevor er dann aus privaten Gründen nach Stuttgart an die Kunstakademie ging.

Nach dem Abschluss als Jahrgangsbester gab ihm der Professor folgenden Rat mit auf den Weg: „Machen Sie was aus sich!“ Dies war sehr bald die Selbständigkeit, mit ersten Aufträgen von Erwin Hymer, Arthur Ess und Alfons Walz. Die Qualität der Auer’schen Produktgrafiken sprachen für sich und schon sehr bald standen viele große Industriebetriebe bei ihm auf der Kundenliste.

Bühnenbilder kamen dazu, Kalligraphie ist eine Kunst auf die Auer stolz ist und irgendwann entwarf er auch Skulpturen wie die Personengruppe der Schwäbischen Eisenbahn in Durlesbach oder den Federlesbrunnen, der heuer sein 40-jähriges Jubiläum feiert. Die Erinnerungen daran führen in ein eher trübes Kapitel des sonst eher erfolgsverwöhnten Auer. Zum einen war da der von ihm nicht gewollte Wettbewerb zwischen grafischem Künstler und bildhauerischem Künstler, zum anderen eine heftige Leserbriefschlacht um das „Denkmal für den Teufel“ – beides setzte Auer heftig zu und gipfelte im Dezember 1977 in einem Herzinfarkt. Vor der Ewigkeit jedoch hat Auer keine Angst. „Ich habe Akzente gesetzt, die leben weiter“ sagt er heute.

Der Waldseer Singer & Songwriter Curd Conrad hat speziell für Auer das Lied „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ geschrieben und an diesem Abend präsentiert. Die Kollekte des Abends ging zugunsten einer Ulmer Familie mit zwei Buben, die aufgrund eines Gendefekts an den Rollstuhl gefesselt sind. Um den Herzenswunsch der Buben, Cowboys und Indianer in Amerika live zu erleben, möglich zu machen, haben die Besucher 522 Euro gespendet.

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