Kleiderstube arbeitet gegen den Wegwerf-Trend an

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Gegen die Wegwerfgesellschaft: Unter Leitung von Maria Kaphegyi und Uschi Hirsch (vorne von links) engagieren sich seit gut zwe
Gegen die Wegwerfgesellschaft: Unter Leitung von Maria Kaphegyi und Uschi Hirsch (vorne von links) engagieren sich seit gut zwei Jahrzehnten mehr als 20 Frauen ehrenamtlich in der Kleiderstube. Hier ist die „Dienstagsgruppe“ versammelt. (Foto: Sabine Ziegler)
Freie Redakteurin

Seit mehr als 20 Jahren sorgt die kirchliche Kleiderstube im Waldseer Dachsweg 7 für eine nachhaltige Zweitverwertung gebrauchter Damen-, Herren- und Kinderbekleidung. Die ehrenamtlich betriebene Einrichtung ermöglicht es Menschen mit geringem Einkommen, sich preiswert einzukleiden und günstig Haushaltsgegenstände zu erwerben. Die beiden Frauenteams unter Leitung von Uschi Hirsch und Maria Kaphegyi halten für ihre Kunden zudem wertvolle Tipps für Behördengänge bereit. Ab kommender Woche ist die Kleiderstube nach der Sommerpause wieder geöffnet und das Team freut sich auf Kleiderspenden in allen Größen für Herbst und Winter.

Zwar wuselt es in der Kleiderstube derzeit nicht mehr ganz so, wie das auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzuges vor zwei Jahren der Fall war. Aber auch an diesem letzten Öffnungstag vor den Sommerferien hat das Team um Uschi Hirsch mehr als genügend zu tun in den Räumlichkeiten, die bis unter die Decke voll sind mit gut erhaltener, gebrauchter Bekleidung, Schuhen, Heimtextilien und Haushaltsgegenständen. „Kommet no rei, hier isch’s angenehm kühl“, lacht Hirsch. Sie winkt die potentielle Kundschaft freundlich herein, die bei mehr als 30 Grad im Freien geduldig darauf gewartet hat, dass sich die Türen öffnen an diesem Dienstagnachmittag.

„Wir finden hier immer schöne Sachen“

Unter den Besuchern sind zwei jüngere Frauen mit dunkler Hautfarbe, die sich in der „Kinderabteilung“ Passendes aussuchen für ihre Kleinkinder. „Wir finden hier immer schöne Sachen - und das sehr preisgünstig“, freut sich eine andere Kundin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Zu groß ist ihre Scham darüber, dass sie Gebrauchtes kaufen muss für ihre Kinder, obwohl sich diese gerne in Trendshops einkleiden möchten wie ihre Klassenkameraden. „Das geht leider nicht, weil ich zu wenig verdiene“, sagt die Mutter traurig und untersucht die sorgsam aufgestapelten Stapel mit Shirts und Jeans nach passenden Größen.

Auf der gut 100 Quadratmeter großen Verkaufsfläche herrscht babylonisches Sprachengewirr, aber die Mitarbeiterinnen der ökumenisch ausgerichteten Kleiderstube wissen sich zu helfen. „Notfalls einfach mit Händen und Füßen, das hat noch immer geklappt - auch bei fehlenden Deutschkenntnissen mancher Besucher“, erläutert Hirsch. Und ihre Kollegin vom Donnerstagsverkauf Maria Kaphegyi stimmt kopfnickend zu. „Hauptsache wir unterbrechen mit dieser Einrichtung den Kreislauf der Wegwerfgesellschaft. Zumal vieles von dem, was uns aus Privathaushalten angeliefert wird, gute und modische Ware ist“, weiß eine der Mitbegründerinnen der Kleiderstube aus langjähriger Erfahrung zu berichten.

Ware, die das Team aus Platzgründen nicht unterbringt, wird übrigens weitergereicht an die „Aktion Hoffnung“ oder an das Rote Kreuz. Regelmäßig fließe auch ein Teil der Einnahmen in andere soziale Hilfsprojekte und man werde auch tätig in der Einzelfallhilfe. „Immer wieder werden uns kurzfristig Notlagen in Waldseer Familien gemeldet und da helfen wir gerne aus. Alles in allem arbeiten wir sehr nachhaltig und daher sinnvoll!“, freut sich Kaphegyi, die auch für die Aufstellung der Jahresrechnungen verantwortlich zeichnet.

Soziale Anlauf- und Informationsstelle

Der Dachsweg 7 hat sich längst auch als soziale Anlauf- und Informationsstelle etabliert. „Unsere Kunden erkundigen sich bei uns beispielsweise nach der Zuständigkeit von Ämtern und Behörden. Oder sie suchen günstige Möbel, die wir hier aus Platzgründen leider nicht lagern können. Deshalb verweisen wir sie an ,Fairkauf’ in Weingarten. Oder sie haben andere Anliegen, bei denen wir als Einheimische weiterhelfen können, weil man sich halt auskennt in der Stadt“, berichtet Hirsch, die bekanntlich gut vernetzt ist.

Die von der Stadt mietfrei überlassenen, weit verzweigten Räume im Dachsweg 7 sind seit vielen Jahren mehr als gut gefüllt mit gespendeter Bekleidung. Nach dem kürzlich erfolgten Auszug des direkt angrenzenden Kolping-Sozialladens sei im Team über eine mögliche Expansion der Kleiderstube in die nun leerstehenden Räume nachgedacht worden. „Das Gebäude gehört der Stadt und wir sind miteinander im Gespräch. Mehr können wir von Seiten der katholischen Kirchengemeinde dazu im Moment aber noch nicht sagen“, erklärte Diakon Marcel Görres dazu auf SZ-Anfrage.

Insgesamt ist die Kleiderstube im Dachsweg nach Einschätzung der vielen Helferinnen gut aufgehoben. „Sie hat sich etabliert, wird gut angenommen von Spendern wie Käufern und es gibt eine Bushaltestelle in der Nähe“, beschreibt Hirsch die Vorteile dieses Standorts bei den „Dachs“-Hochhäusern.

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