Kippa mal anders: Provokant oder humorig?

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 Die Künstlerin Dorothea Grathwohl aus Ulm vor ihren fragilen Objekten mit Kippa-Teilen auf Bütten, die wuchtige Titel tragen wi
Die Künstlerin Dorothea Grathwohl aus Ulm vor ihren fragilen Objekten mit Kippa-Teilen auf Bütten, die wuchtige Titel tragen wie "temporäre Schwarzarchitektur", "Gebäude eins", "Schwarzgebirge" oder "Rautenstapel". (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Bei dieser neuen Ausstellung in der Kleinen Galerie wird dem Betrachter sämtliche Freiheit der Deutung überlassen. Vermutlich polarisiert sie, nicht etwa durch krasse Motive oder schrille Farben. Die Arbeiten von Dorothea Grathwohl bewegen sich in der Palette der Nichtfarben Schwarz, Weiß und Grau. Es ist eher das Grundmotiv all ihrer Zeichnungen, Objekte und Fotocollagen: die Kippa, die Kopfbedeckung der männlichen Juden beim Gebet, eine halbrunde Kappe, sehr ähnlich der islamischen Takke, die auch nur zum Gebet getragen wird.

In der reflektierten Laudatio des Kulturjournalisten Otfrid Käppeler wurde deutlich, woher das Motiv kommt. 1968 im piemontesischen Biella geboren, wurde Grathwohl als Kind von einer katholischen Familie adoptiert. Erst vor wenigen Jahren fand sie heraus, dass ihre leibliche Mutter Jüdin ist und selbst erlebt hatte, wie ihre eigene Mutter nach Auschwitz deportiert wurde. Sie hat früh eine Schneiderlehre gemacht, war dann auf der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd und arbeitet als Dozentin an der Volkshochschule Ulm, außerdem ist sie ehrenamtliche Vorsitzende des Kunstvereins Senden.

Aber trotz der Herkunft stellt sich doch die Frage – warum immer wieder die Kippa? Ist das nicht ziemlich obsessiv? Ja, das sei es wohl, sagt Grathwohl im SZ-Gespräch. Als geistige Schülerin der Ulmer Hochschule für Gestaltung, überdies als Agnostikerin und als ein an Mathematik und Physik interessierter Mensch, sieht sie die Kippa zunächst streng formal und konzeptuell: ein partiell formbares Stoffteil, das sich in seine geometrischen Einzelteile zerlegen lässt, das aus zwei verschiedenen Materialien besteht, einer Art Tuch und einer transparenten Gaze als Innenfutter. 150 Stück davon, industriell gefertigt und einfachster Machart, hat sie im Kippa-Shop gekauft, wobei ihr die Frage gestellt wurde, wozu sie diese brauche. „Um damit künstlerisch zu arbeiten“, war ihre Antwort, „Da muss ich unseren Rabbiner fragen“ die Entgegnung. Aber solche angedeuteten Restriktionen wecken bei ihr eher so etwas wie Trotz.

Und so hat es schon etwas mit Zerpflücken, Zerlegen oder vielleicht auch mit dem wissenschaftlicheren „Sezieren“ zu tun, wenn sie dieses symbolische Objekt auftrennt, an eine weiße Schnur anleint oder kurze Schnurstücke einnäht und wie den Stundenzeiger einer Uhr darauf anordnet. Wenn der schwarze Stoff mit Farbe besprüht ist und wie Rost wirkt, könnten die aufeinander gesetzten Halbkugelformen auch eine Waffe sein, ein anderes Mal wirken sie in einer Fotocollage auf Aludibond völlig unkörperlich und untaktil.

In ein paar Aquarellen oder Tuschzeichnungen werden dieselben Motive zu Flossen oder Schuppen einer animalischen Existenz. Die früheste Arbeit stammt von 2015, war anlässlich der 21. Triennale in Ulm auf dem Boden der Kunsthalle Weishaupt ausgestellt, und ist hier eine Assemblage von Kippot (Plural von Kippa) auf der linken Ausstellungswand. Gegenüber große Büttenpapiere, darauf zarte Gebilde aus dem Gazefutter der Kippa: zur Blüte, zu länglichen Blättern oder einer doppelten Schichtung poetisch umgeformt. Oder ziemlich provozierend wie in „Crazy Kippa“ die halbrunden Formen in der Mitte mit einem rosafarbigen Punkt bestickt und über einem neogrünen Untergrund an vier Metallkleiderbügeln aufhängt – diese Assoziation geht ja doch stark in Richtung Busen.

Muss einen da nicht ein ungutes Gefühl beschleichen? Nein, sagt Grathwohl entschieden unbekümmert, „das macht Laune“. Gab es nie Ressentiments, keinen Protest von religiöser Seite? Nein, ihr direkt gegenüber eigentlich nicht, sagt sie nach kurzem Überlegen. So viel Freiheit müsse es doch beim Spiel mit der Form geben.

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