Jedes achte Kind ist übergewichtig

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Petra Laux-Schumpp (links) und Tina Beyer zeigen anhand der Ernährungspyramide auf, welche Lebensmittel anteilig pro Tag gegesse (Foto: Wolfgang Heyer)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Rund 25 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind krankhaft übergewichtig, sie leiden an Adipositas. Jedes achte Kind ist zu dick - das geht aus aktuellen Studien des Robert-Koch-Instituts hervor. „Das ist schon ein hohes Niveau“, bekräftigt Petra Laux-Schumpp, Projektleiterin von „Kinder im Gleichgewicht“ vom Landratsamt Ravensburg, den aktuellen Trend, der laut der Expertin auch im Landkreis bei Untersuchungen zur Einschulung festgestellt werden konnte.

Panik sei gleichwohl nicht angebracht. „Es ist so, dass der Anteil der übergewichtigen Kinder in den vergangenen Jahren nicht weiter angestiegen ist, sondern stagniert“, macht Laux-Schumpp zumindest keine weitere negative Entwicklung aus. Das hänge auch mit den vielen Initiativen und Projekten zusammen, die sich der Thematik Übergewicht annehmen, wie auch das Projekt „Kinder im Gleichgewicht“ (siehe Kasten) zeigt.

Aus langjähriger Erfahrung kennt Laux-Schumpp die simplen Gründe, warum Kinder mit Übergewicht zu kämpfen haben. Einerseits sei der Lebensstil und die nicht gelebte Vorbildfunktion der Eltern dafür verantwortlich. „Wer selbst nur einen Kaffe zum Frühstück trinkt, kann nicht als Vorbild dienen.“ Außerdem nehme der sitzende Lebensstil überhand. Das „Taxi Mama“ würde die Sprösslinge überall hinfahren. Eine Entwicklung, die auch Tina Beyer vom Ernährungszentrum Bad Waldsee, ausmacht: „Das Übergewicht fängt bei der Bequemlichkeit der Eltern an. Egal ob der Weg zur Schule, zum Kindergarten oder zum Einkaufen, für alles wird heute das Auto benutzt.“ Dabei sei gerade die Bewegung im Alltag im Kampf gegen die überflüssigen Pfunde besonders wichtig. Laux-Schumpp berichtet in diesem Zusammenhang von einem Modellprojekt in der Schweiz, wo einzelne Eltern ganze Kindergruppen beim Weg in die Schule zu Fuß begleiten. „Außerdem gibt es mittlerweile sogar Fernsehprogramme für Säuglinge. Das muss man sich mal vorstellen“, zählt die zertifizierte Ernährungsberaterin einen weiteren Grund für die mangelnde körperliche Bewegung in frühester Kindheit auf.

Kurz vor den Einschulungsterminen in Bad Waldsee und Aulendorf heben die Spezialistinnen das tägliche, gemeinsame Essenserlebnis als mögliche Präventionsmaßnahme hervor. „Dabei geht es vor allem darum, das Essen als Familie bewusst wahrzunehmen. Auf dem Tisch sollten dann auch keine Spielsachen liegen“, sind sich die Frauen einig und empfehlen, die Kinder bereits in den Einkauf sowie die Zubereitung der Speisen einzubeziehen. „Wenn man selbst mit Spaß und Freude kocht, isst man es hinterher doch auch viel lieber und bewusster“, erklärt Beyer. Zudem sollte dem Kind niemals Essen aufgedrängt werden, es wisse selbst am besten, wann es hungrig oder satt sei. Ständiges Essen trage außerdem zu Übergewicht und Karies bei.

Andererseits führe die mangelhafte, unausgewogene Ernährung die Kinder in die Übergewichtsfalle. „Es ist viel von Amerika zu uns herüber geschwappt. Die Folge: viele Lebensmittel sind zu süß“, verdeutlicht Laux-Schumpp und Beyer ergänzt, dass vor allem Getränke oft zu süß seien. Die Diät-Assistentin empfiehlt daher, Mineral- oder Leitungswasser oder Tee auszuschenken. „Je früher die Kinder an Wasser gewöhnt werden, desto einfacher wird es später in den Alltag übernommen“, so Beyer, die den Eltern auch dazu rät, ihren Kindern saisonale und regionale Produkte anzubieten, um ihnen den Original-Geschmack im Vergleich zu den Aromen, wie sie beispielsweise oft im Joghurt eingesetzt werden, präsentieren zu können. Die Freude an der Alltagsbewegung runde die möglichen Präventionen ab - diese sei aber auch nur wieder über den Spaß zu erreichen. Schnitzeljagden, Fahrradtouren oder Besuche von Abenteuerspielplätzen förderten die Bewegung auf ganz natürliche Art und Weise.

„Es ist aber auch belegt, dass Kinder die bereits übergewichtig sind, immer dicker werden“, berichtet Laux-Schumpp von einigen Adipositas-Kindern, die unter gesellschaftlichen und gesundheitlichen Problemen leiden. Das oft zitierte Beispiel des Sportunterrichts, bei dem die dicken Kinder zuletzt in die Mannschaften gewählt und folglich ausgegrenzt werden, beschäftigt die Experten genau so stark wie die sogenannten metabolischen Syndrome. „Dann führt die Fettsucht auch noch zu anderen Krankheiten wie Diabetes oder Blutgefäßverengung“, skizziert Beyer einen möglichen Teufelskreis.

Ein gesundes Pausenbrot könne teilweise Abhilfe schaffen. „Im Idealfall besteht das Pausenbrot aus Vollkornbrot, Belag nach Wunsch des Kindes - also Käse oder Wurst - und ganz wichtig, Obst und Gemüse, das bereits in Scheiben geschnitten ist.“ Denn zu Karottensticks, Paprikascheiben oder Apfelschnitzen würden die Kinder eher greifen, als zu ganzen Äpfeln, Birnen oder Pfirsichen.

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