Jürgen Becker weiß um die Vorteile der Fortpflanzung

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Zu Gast im Haus am Stadtsee in Bad Waldsee: der Kölner Kabarettist Jürgen Becker.
Zu Gast im Haus am Stadtsee in Bad Waldsee: der Kölner Kabarettist Jürgen Becker. (Foto: Dietmar Hermanutz)
Dietmar Hermanutz

Dass ein Volkshochschulkurs aus dem Themenkreis Philosophie, Psychologie und Gesellschaft zu begeistertem Applaus führt, liegt nicht unmittelbar auf der Hand. Doch genau das funktioniert, wenn der Kölner Kabarettist Jürgen Becker in seinem Programm „Volksbegehren“ zwei Stunden lang in humorig unterhaltsamer Art doziert. Am Samstagabend im Haus am Stadtsee in Bad Waldsee drehte sich vor rund 160 Zuhörern alles um die Kulturgeschichte der Fortpflanzung. Eine beamergestützte Vorlesung, in der Moral, Sexualität, Macht und Menschheitsträume betrachtet wurden, bis ganz offensichtlich wurde, was das Volk begehrt.

Nein, es war nicht das traditionelle Kölsch, welches Becker am Ende seiner Programme immer gratis an das Publikum ausschenkt. Vielmehr ist für Becker das „Volksbegehren“ ein unterdrückter Teil der Sexualität, der deshalb im Verborgenen stattfindet, weil man nicht ins Gerede kommen möchte. Also wird Sexualität in die Werbung verfrachtet und schafft es sogar bis auf die Werbeplakate der großen Parteien – zugegebenermaßen in teilweise recht skurrilen Ausprägungen, wie Becker anhand von Beispielen zeigte.

Wenn es psychologisch betrachtet so schwierig ist, warum gibt es dann überhaupt Sex? Nun, durch die Paarung kommt es zu einer Durchmischung des Genpools, sodass der menschliche Organismus resistent gegen Angriffe der Bakterien bleibt. „Die Menschheit überlebt nur deshalb, weil sie ihr genetisches Programm permanent ändert“, so Becker. Allerdings ist der Aufwand dafür hoch. Es braucht ausreichend Partner beiderlei Geschlechts, die Frauen locken die Männer an, für die Männer gilt es die Sexualkonkurrenten auszuschalten, egal ob durch Brunftkämpfe wie im Tierreich oder dadurch, dass der Mann etwas bietet, was andere Männer nicht haben. Am Ende gibt es einen Sieger und das ist erstaunlicherweise nicht der, mit dem meisten Testosteron, sondern es sind jene Männer, die bis zu einem gewissen Grad Verhaltensähnlichkeiten zum weiblichen Geschlecht haben – umgekehrt gelte das übrigens genauso.

Philosophisch betrachtet wolle der Mensch etwas schaffen, das bleibt, etwas, das ihn überdaure. Ein Grundbedürfnis des Menschen, auf das sowohl die Religion als auch die Fortpflanzung eine Antwort haben. Nun wird an der Schwelle des Lebens, genauso wie beim Sex, eine Grenze überschritten, die hinein ins Dunkle führt. Dort lauern beim Sex die Triebe und Perversionen, das Anarchische. Elemente, denen die Mächtigen traditionell skeptisch gegenüber stehen. Also läge es nicht nur im Interesse der Religionen sondern vor allem auch der Politik, den Menschen in das Korsett der Ehe zu zwängen und „die Treue“ durch Ehegattensplitting zu belohnen. Für die Gesellschaft kann die Fortpflanzung also auch dazu dienen, den Staat zu erhalten, zitiert Becker rechtspopulistische Propaganda, wobei völlig übersehen werde, dass sich Staatsbürgerschaft gemeinhin über den Ort der Geburt und nicht über eine Abstammungslinie definiere. Das Fremde, das Angst macht, gebiert einen autoritären Menschheitstraum, in dem starke Persönlichkeiten einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen anbieten. Dem stehe der liberale Menschheitstraum gegenüber, der sich auf gut kölnerisch mit „Jeder Jeck is anders“ zusammenfassen lasse erklärt Becker.

Letztendlich ist es aber ganz einfach so: Das menschliche Gehirn ist das komplexeste Hirn im gesamten Tierreich. Es hat unterschiedlichste Begehren und Spielarten entwickelt, allein mit dem Ziel, dass jeder Topf seinen Deckel findet.

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