Hakenkreuz-Schmiererei am Stadtsee ist strafbar

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Ein sensibler, geschichtsträchtiger Ort: An der Stelle der antisemitischen Schmiererei nahe des Stadtsee-Ufers stand 1935 ein Schild mit der Aufschrift, dass Juden der Zutritt zum Bad verboten ist. (Foto: Kara Ballarin)
Schwäbische Zeitung
Landes-Korrespondentin

Der Bad Waldseer Stadtarchivar Michael Barczyk kann darüber nur den Kopf schütteln: Auf dem Spielplatz im Bereich des Freibads, ganz nahe des Stadtsee-Ufers, steht ein kleiner Kletterturm. An diesen Turm haben Unbekannte ein Hakenkreuz gesprüht. Darüber prangt das Wort Jude.

„Ich bin mir sicher, dass hier jemand seine Aggressionen loswerden wollte“, sagt Barczyk. Die Kritzeleien seien ein Akt der Provokation, glaubt der Stadtarchivar, der sich als Historiker intensiv mit dem Thema Drittes Reich und der Verfolgung der Juden durch Hitler-Deutschland beschäftigt hat. Gerade auch mit dem braunen Bad Waldsee zur Nazi-Zeit hat er sich befasst und darüber gemeinsam mit dem Heimat- und Museumsverein im Museum im Kornhaus 2012 die Ausstellung „Bevor es Legende wird – Waldsee 1918 bis 1945“ konzipiert.

„Sehen wir einmal davon ab, dass hier jemand provozieren oder seine Aggressionen abreagieren will, müssen zwei Aspekte festgehalten werden“, so Barczyk. „Hunderte von Spaziergängern dürften diese Stelle inzwischen passiert haben, doch niemand regt sich auf und reagiert in irgendwelcher Form. Man geht weiter.“

„Mangelnde Intelligenz“

Tatsächlich ist der Uferweg rund um den See ein extrem beliebter Rundgang für Spaziergänger – besonders an sonnigen Wintertagen wie derzeit. Gleichgültig ist die Kritzelei Anja Ohnewald aus Stuttgart allerdings nicht, die hier mit ihrem Hund entlangläuft. „Der See ist so schön und hat mich eher in seinen Bann gezogen“, erklärt sie. „Deshalb habe ich das erst gar nicht gesehen. Es ist extrem schade, dass Leute so etwas machen.“ Der Meinung ist auch Angelika Rong aus Reute, die das Hakenkreuz zunächst auch nicht gesehen hatte. „Ich denke bei solchen Dingen nur an mangelnde Intelligenz.“

Michael Barczyk weist dabei auf eine Besonderheit der Kritzelei hin: Das Hakenkreuz ist falsch herum aufgesprüht worden, die Arme ranken in die falsche Richtung. „Das zeugt davon, dass die Person dumm und unmündig ist. Daher glaube ich, dass es eine Provokation ist“, sagt also auch Barczyk. Eine weitere Schmiererei an einer anderen Seite des Kletterturms stützt diese These. Hier findet sich eine gänzlich unpolitische, anzügliche Kritzelei.

Geschichtsträchtiger Fleck

Der zweite, besonders heikle Aspekt, den Stadtarchivar Michael Barczyk anspricht: Genau an dieser Stelle wurde 1935 ein Schild angebracht, das darauf hinwies, dass Juden der Zutritt zum Strandbad verboten sei. Diese Wiederholung an eben diesem sensiblen, geschichtsträchtigen Fleck mitten in Bad Waldsee ist für Barczyk unverständlich. Taten wie diese in Bad Waldsee – mögen sie auch noch so lapidar erscheinen – sind es, die den in Europa lebenden Juden ein Gefühl von steigendem Antisemitismus vermitteln. Zu entsprechenden Erkenntnissen gelangte eine Studie der EU-Agentur für Grundrechte, die sie 2012 in acht Ländern durchgeführt und Anfang November 2013 veröffentlicht hat (wir berichteten ausführlich in der SZ-Ausgabe vom 9. November). Auf diese acht Länder entfallen rund 90 Prozent der Bevölkerung jüdischen Glaubens in Europa. Fast 6000 Menschen haben sich daran beteiligt.

Das Ergebnis: Knapp 80 Prozent der befragten jüdischen Bürger äußern die Wahrnehmung, dass der Antisemitismus in ihrem Heimatland in den vergangenen fünf Jahren gestiegen ist. 44 Prozent sprechen davon, dass er stark gestiegen sei, weitere 32 Prozent meinen, die Judenfeindlichkeit sei moderat gestiegen. Lediglich fünf Prozent sind der Ansicht, der Antisemitismus sei in ihrem Heimatland in dem Zeitraum weniger geworden.

Für die Polizei ist solch ein Vorfall ein Straftatbestand, erklärt Peter Korn, Sprecher der Polizeidirektion Ravensburg. Es handle sich hierbei um die „Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuches. „Auch wenn das Hakenkreuz falsch herum aufgesprüht ist, ist der Tatbestand erfüllt“, erklärt Korn. Es komme auf die Absicht des Täters an.

Bis zur SZ-Anfrage am Dienstag habe die Polizei davon keine Kenntnis gehabt, erklärt Korn. Die Bad Waldseer Beamten sind daraufhin aber zum Tatort, um Spuren zu nehmen, die Kritzeleien zu dokumentieren und mit möglichen anderen Fällen zu vergleichen. Führen die Ermittlungen zu einem Täter, wird er angezeigt, erklärt Korn. Sonst stellt die Polizei bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Unbekannt.

Schmierereien entfernt

Die Schmierereien gibt es mittlerweile nicht mehr. Nachdem die Polizei die Tat dokumentiert hatte, hat der Baubetriebshof der Stadt die Kritzelei am Dienstagnachmittag entfernt, berichtet Brigitte Göppel, Sprecherin der Stadtverwaltung.

Hinweise auf den oder die Täter erbittet die Polizei Bad Waldsee telefonisch unter 07524/40430.

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