Gedenken und Mahnung am Volkstrauertag

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 Stadtarchivar Michael Tassilo Wild (am Pult) richtete das Wort an die Anwesenden: „Sehen Sie den Toten ins Gesicht! Fühlen Sie
Stadtarchivar Michael Tassilo Wild (am Pult) richtete das Wort an die Anwesenden: „Sehen Sie den Toten ins Gesicht! Fühlen Sie mit den Trauernden! Und weinen Sie selbst! Denn dies ist unsere Vergangenheit, sorgen Sie nun dafür, dass es nicht unsere Zukunft wird!“ (Foto: Göppel/Stadt Bad Waldsee)
Schwäbische Zeitung

Am vergangenen Volkstrauertag wurde bundesweit der Gefallenen und Opfer der beiden Weltkriege, aber auch der vielen Millionen Verfolgten und Geflüchteten sowie der Gewaltopfer aller Nationen gedacht. Auf dem Bad Waldseer Stadtfriedhof fand eine Gedenkfeier statt. Am Mahnmal wurden Ansprachen gehalten und Kränze niedergelegt. Fahnenabordnungen und die Stadtkapelle gestalteten die Feier mit.

Bürgermeister Roland Weinschenk erinnerte an die Ursprünge des Volkstrauertags als Gedenktag für die Gefallenen der Kriege. Heute stehe der Tag für eine Erinnerungskultur. Es werde „nicht nur der Gefallenen der Weltkriege gedacht, sondern auch der Opfer von Nationalsozialismus, Gewalt und Rassismus“. Erst vor wenigen Wochen habe sich in trauriger Weise gezeigt, dass Gewalt und Rassismus in Deutschland wieder erstarken. „Das Morden von Menschen in Halle und die antisemitischen Vorfälle der letzten Monate fordern uns auf, nicht nur an die Opfer zu denken, sondern auch daran, wie Rassismus und Gewalt auch bei uns – in einer aufgeklärten Gesellschaft – wieder zu erstarken scheint“, so Weinschenk.

Die zentrale Gedenkansprache hielt Stadtarchivar Michael Tassilo Wild (im Bild am Pult). Er erinnerte daran, dass Europa „zu allen Zeiten ein kriegerischer Kontinent“ gewesen ist. „Das Wüten dieser Kriege verschonte keine Familie.“ Die lange Friedenszeit heutiger Tage bezeichnete er als „eine in der Geschichte der Menschheit einmalige Errungenschaft, die jedoch Gefahr läuft, beliebig und selbstverständlich zu werden“. Die Schriftstellerin Christa Wolf zitierend sagte Wild, dass es „einen Krieg vor dem Krieg“ gebe, der sich in der Sprache zeige. „Der Ton wird rauer, die politische Auseinandersetzung hitziger. Hass und Hetze verbreiten sich zuerst im Wort, der Konflikt beginnt nicht mit dem ersten Schuss, sondern mit dem ersten Wort.“ Daraus schloss er: „Auch deswegen stehen wir, die wir hier versammelt sind, in der Pflicht.“

Denn es gebe Menschen, die sich fragen, warum wir hier stehen. Die sagten, die Weltkriege wären lange her, sie hätten damit nichts zu tun. Die sagten, sie wären nicht schuld. „Es geht hier nicht um Schuld. Es geht um das Trauern. Um das Gedenken. Und um unsere Verantwortung für die Zukunft. Denn die Vergangenheit können wir nicht ändern, die Zukunft aber gestalten. Und deswegen ist es unsere Pflicht, Lehren aus dieser Vergangenheit zu ziehen“, so Wild.

Während die Stadtkapelle das Lied vom „Guten Kameraden“ spielte, legten Bürgermeister Roland Weinschenk und der Deutsche Bundeswehrverband, vertreten durch Carl-Friedrich von Wuthenau, einen Kranz nieder. Neben dem Gemeinderat der Stadt Bad Waldsee und dem Ortschaftsrat Mittelurbach nahmen darüber hinaus eine Abordnung des Roten Kreuzes, der Verband der Kriegsgeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner, die Truppenkameradschaft Ehemaliger Soldaten, Reservisten und Hinterbliebener sowie Bürger an der Feier teil.

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