Einen Nachmittag unterwegs mit der Gruppe „Waldseer Auswärts“

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Redaktionsleiter

Die Waldseer Fasnet zeichnet sich im Besonderen durch die närrischen Gruppen aus, die mit ihren selbstverfassten Anekdoten und Liedern zur großen Narretei beitragen. Auch am Fasnetsmontag zogen die Gruppen wieder durch die Innenstadt – darunter auch „Waldseer Auswärts“, die heuer ihr 30-jähriges Jubiläum feiern. Ein Stimmungsbild:

„Fa-Fa-Fasnetskuss“ stimmen die zehn Fasnetsfreunde an und alle Besucher im „Gasthof Kreuz“ stimmen mit ein. Unweigerlich beginnen die Füße zu wippen, manch einer hakt sich bei seinem Sitznachbarn ein und beginnt zu schunkeln. Lauthals wird der „Fa-Fa-Fasnetskuss“ wiederholt, ehe lauter Applaus aufbrandet und sich Pfiffe zum Zeichen der Freude unter das Klatschen legen. Lautstarke AHA-Rufe durchdringen den Raum und zum Abschluss des rund 25-minütigen Programms trällern alle Anwesenden „ein Prosit“ und prosten sich gegenseitig zu. Die Gruppenmitglieder klatschen sich ab und sind mit ihrer ersten Station nach dem Großen Narrensprung mehr als zufrieden. Zurecht.

Die Gruppe um Georg Müller war 1989 erstmals an der Fasnet unterwegs. Den Anlass gab das damals abgerissene „Mäuerle“ an der Polizei in der Innenstadt. Mit einer Art Protestsong gegen den Mauerabriss zog die kleine Truppe junger Narren durch die Gassen der Stadt. „Ich habe das Lied auf Idee von Sonja Sigg hin geschrieben“, erinnert sich Müller an diesem Fasnetsmontag, während ihm der Wind die Jacke etwas aufplustert. Dass diese Aktion die Geburtsstunde für „Waldsee Auswärts“ sein sollte, war ihm damals nicht bewusst. Obgleich schon zu jener Zeit die Kneipen und die Vermittlung der guten Stimmung das Ziel der Gruppe waren.

Weiter geht es ins katholische Pfarramt. Dort sorgt gerade Pfarrer Stefan Werner in seiner unnachahmlichen Art für gute Laune unter den Gästen. Dann übernimmt Thomas Fricker alias Sonja Faber-Schrecklein das Ruder, respektive das improvisierte Mikrofon. Schließlich übertragen die „Waldseer Auswärts“ eine Live-Sondersendung zum Fasnetsmotto Olympia in Bad Waldsee. Mit Wortwitzen gespickt führt Fricker, ähh Faber-Schrecklein, durchs Programm und sogleich wird die Olympia-Hymne zum Besten gegeben. Stimm- und ausdrucksstark nehmen die Sängerinnen den Raum ein, während sie instrumental mit Flöten-, Trommel- und Gitarrenklängen begleitet werden. Lauter Applaus setzt sein.

In den Anfangsjahren war die Crew als „Czardas-Chaoten“ eher berüchtigt denn berühmt und das Programm eher kurz und laut. Zumindest beschreibt sich die Gruppe im Zunftblatt 2018 selbst so. Doch die Zeit der „Czardas-Chaoten“ ist längst Geschichte. Die Lust an der Fasnet ist ihnen aber geblieben. Jedes Jahr treffen sie sich aufs Neue zur närrischen Zeit und dass obwohl sie weite Anfahrtswege in Kauf nehmen.Von Freiburg, Neu-Ulm, München, Stuttgart, Regensburg und sogar aus dem italienischen Trient fahren die verwurzelten Waldseer in ihre Heimatstadt zurück. Selbst aus Bergatreute ist ein Mitglied dabei, betonen sie und lachen.

In der „Live-Sendung“ kommen zwischenzeitlich allerlei kuriose Charaktere zur Wort. Mal handelt es sich um einen Lettländischen Skispringer, der vom Aussichtsturm Skispringen wird und das dazu passende Lied anstimmt. Mal ist es ein Russischer Arzt, ein Doping-Experte, der mit gewieftem Zungenschnalz Männer und Frauen abwechselnd zum Singen auffordert. Während die Männer „super-super-gut“ skandieren vervollständigen die Frauen den Satz mit „du i dop di, dann bisch super gut“. Zum Takt bekannter Melodien schaffen es die „Waldseer Auswärts“ immer wieder die Gäste zum Mitsingen und Sitztanzen zu animieren. Zwischendurch wird aber auch mal Aufgestanden, denn das „Workout“ der ambitionierten (Vor-)Turnerin will es so und etliche Zuhörer kommen der Animation gerne nach.

Über die Jahre hinweg hat sich bei der Gruppe ein Vorabtreffen zur fasnetlichen Ideenfindung fest etabliert. Schließlich gibt es nicht nur selbstgeschriebene Lieder zu hören, das ganze Programm gleicht einem närrischen Fasnetsmusisal unter dem „Dirigat“ von Stefan Fricker. Bereits im Januar setzten sich die Freunde in der Oberpfalz zusammen und sinnierten über das anstehende Konzept. „In diesem Jahr sind dort sogar schon die Texte entstanden“, lobt Fricker und nickt anerkennend mit den Kopf. Just in diesem Moment präsentiert Müller die Fahne der Gruppe, die Gründungsmitglied Claudi Rist einst auf ihrer Nähmaschine entworfen hatte. Auch eine Tafel und ein Logo hat die Gruppe. Zurück zum Programm:

„Singa“, „Tanza“, „Schunkla“ singen die Narren und die Zuhörer stimmen sogleich ein. Die eingängigen Melodien bleiben im Kopf. Doch besonders auffällig sind Gestik und Mimik der Mitwirkenden. Allein die pantomimischen Fähigkeiten der „Waldseer Auswärts“ treiben so manchem Zuschauer Tränen in die Augen. Da verzieht sich hier mal der Mund, dort mal die Augenbraue und zuletzt noch die Stirnfalten. Und so gleicht das ganze Programm einem kurzweiligen Theater. „Was für ein Theater“, ruft dann auch ein Zuschauer positiv gemeint aus und klatscht sich vor Lachen auf die Schenkel.

Die Besetzung der närrischen Gruppe wechselt indes durch. Mal ist ein festes Mitglied auf Reisen, mal kommt aus dem Dunstkreis der Freunde ein neues Mitglied dazu. Doch der harte Kern ist und bleibt dabei. Und so führt der Weg die zehn an diesem Fasnetsmontag noch in so einige Kneipen, Cafés und Fasnetshäuser.

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