Ein Laufdrama in drei Akten mit dem „Schweinehund“

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Wolfgang Heyer (Mitte) hat beim Altstadt-Teamlauf teilgenommen.
Wolfgang Heyer (Mitte) hat beim Altstadt-Teamlauf teilgenommen. (Foto: Karin Kiesel)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Die Aufgabe: Beim Altstadt-Teamlauf in 42 Minuten so viele Kilometer wie möglich zurücklegen. Der Protagonist: Redakteur Wolfgang Heyer (Laufmuffel). Das Ergebnis: Ein Laufdrama in drei Akten.

Prolog: Hochmotiviert stehe ich zwischen den 822 Läufern auf dem Rathaus-Platz. Die Textzeile der Toten Hosen „Durch das Gedränge der Menschenmenge“ schallt aus den Boxen und beschreibt die Szenerie vortrefflich. Mein überambitioniertes Ziel sieht vor, in jeweils sechs Minuten einen Kilometer zu laufen. Der Startschuss fällt. Langsam setzt sich die Masse in Bewegung. Ich bin Teil des Laufstroms. Noch.

Drama: Im Slalom umkurve ich die jungen Läufer. In den ersten beiden Runden lege ich Punktlandungen hin. Jeweils sechs Minuten pro Kilometer. Plötzlich höre ich am Wegesrand jemanden über Seitenstechen klagen. Meine Gedanken kreisen um Seitenstechen. Ich versuche mich abzulenken. Es gelingt nicht. „Seitenstechen, Seitenstechen“, ruft mein innerer Schweinehund, der wie aus dem Nichts gegen mich arbeitet. Er schreit mir zu, dass meine Beine müde wären und ich einfach anhalten soll. Eine Pause sei gut. Ich versuche ihn zu ignorieren. Hole mir an der Verpflegungsstation ein Wasser. Schütte es während des Laufens in mich hinein, verschlucke mich. „Setz Dich hin, ruh Dich aus“, brüllt der Schweinehund. Ich verfluche dieses innere Tier (die nun folgenden Zeilen sind auf Schwäbisch verfasst, weil Ausdrücke im Dialekt so viel schöner klingen): „So ein Rotzleffel - en elendiger, so sen granata Saudackel, a mords Moschtkuah - a nixige, so en Vollpfoschda, echt wohr so en Heckabrunzer.“

Meine Fluch-Gedanken lenken mich ab. Ebenso wie die vielen Zuschauer am Laufrand. Vor allem auf dem Rathausplatz, in der Ravensburger Straße und auf der Hochstatt merke ich, wie die Anfeuerungsrufe und der aufmunternde Applaus mir neue Energie verleihen. Die Schritte werden wieder federnder, die Bewegungen flüssiger. Während des Laufens motivieren wir Läufer uns gegenseitig, freuen uns auf das kühle Getränk danach und malen diese Fantasie in den schillernsten Farben aus. Doch da ist er wieder. Sitzt scheinheilig am Biertisch, nimmt einen großen Schluck aus dem Glas und lächelt mich höhnisch an: der innere Schweinehund ist zurück. Dieses Mal noch mächtiger als zuvor. Er setzt sich auf meine Schulter. Lässt nicht los, macht sich schwer. Die Schritte verlangsamen sich, mein Körper gibt sich geschlagen.

Epilog: Die Zeit ist beinahe vorbei, mit letzter Kraft schleppe ich mich über die Ziellinie. Geschafft. Jubel. Erleichterung. Der innere Schweinehund zieht vergnügt von dannen. Er hat sein Ziel erreicht – ich aber auch. Sieben Runden stehen am Ende zu Buche. Es war eine Lauferfahrung, die bereichert. Ob ich es nochmal mache? Vielleicht.

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