Die Liebe zur Geschichte war seine Triebfeder

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 Voller heiterer Würde und mit großem Wissenschatz: Waldsees langjähriger Stadtarchivar Michael Barczyk ist am Dienstag im Alter
Voller heiterer Würde und mit großem Wissenschatz: Waldsees langjähriger Stadtarchivar Michael Barczyk ist am Dienstag im Alter von 72 Jahren verstorben. Mehr als 40 Jahre lang betreute der ehemalige Gymnasiallehrer das Archiv in der Kurstadt. (Foto: Archiv: Karin Kiesel)

Geschichte lebendig und begreifbar machen, und dies mit einer ansteckenden Faszination, das hat den begeisterungsfähigen Historiker Michael Barczyk ausgezeichnet. Die Historie Bad Waldsees kannte er wie kein anderer, mehr als 40 Jahre lang war der ehemalige Gymnasiallehrer als Stadtarchivar tätig. Im Januar wurde er mit der Bürgermedaille der Stadt ausgezeichnet. Nun ist der 72-Jährige aus Abetsweiler bei Bergatreute nach schwerer Krankheit am Dienstag verstorben.

Als der Vater von vier Kindern zum Ende des Jahres seinen Posten als Stadtarchivar abgab, ging in Bad Waldsee eine Ära zu Ende. Seit Sommer 1977 hatte sich Barczyk mit einem unvergleichbaren Enthusiasmus der Stadthistorie gewidmet und dabei auch viele unbekannte Details herausgefunden. Sein umfassendes Wissen, das er in Gesprächen stets mit leuchtenden Augen schilderte, hat er in den vergangenen vier Jahrzehnten in mehr als 200 Publikationen veröffentlicht. Darunter auch ein Werk („Im Spitzbubenland“) mit Kostproben der „Räubersprache“ Rotwelsch, die der sprachkundige Historiker ebenso beherrschte wie Latein, Griechisch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch und Englisch.

Der im September 1946 geborene Barczyk wuchs in Bad Saulgau auf und studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen und Wien. Das „Lieben und Leben der einfachen Leute“ interessierte ihn besonders. Mit 30 Jahren kam er nach Waldsee und unterrichte ab 1975 Deutsch und Geschichte am Gymnasium. „Er konnte die Schüler unglaublich faszinieren. Vor allem im Geschichtsunterricht war er ein großer Erzähler mit sehr fundiertem Wissen“, teilte das Gymnasium am Donnerstag mit und brachte die Betroffenheit in der Schule über seinen Tod zum Ausdruck. Auch im Ruhestand (seit 2009) sei Barczyk als Archivar immer für die Schule offen gewesen, habe bei Projekten unterstützt oder fesselnde Vorträge gehalten.

Mit 31 Jahren wurde Barczyk zum ehrenamtlichen Stadtarchivar ernannt. „Geschichte, Kultur und Leben ist für mich eins“ – so umschrieb der gleichermaßen warmherzige wie inspirierende Historiker sein Verständnis der Welt. Voller Hingabe und Herzblut hat er aus dieser Triebfeder heraus „sein“ Stadtarchiv im Gebäude im Klosterhof 3 aufgebaut, das dort 1992 eröffnet wurde.

Die Stadt Bad Waldsee kannte der Stadtarchivar wie „seine Westentasche“. Keine Frage blieb bei ihm unbeantwortet, sei es über die Geschichte einzelner Häuser, zur Historie der Stadt, zum Hexenwahn oder zu kleinen Details wie die unterschiedliche Höhe der beiden Kirchtürme von St. Peter.

Zudem war Barczyk, der sich in seiner Amtszeit auch nicht vor kritischen Äußerungen scheute, an Sanierungen von historischen Gebäuden in Bad Waldsee maßgeblich beteiligt. So beispielsweise an der Restauration der Stiftskirche St. Peter (1979), des Rathauses (ab 1976) oder der Sanierung des Spitals (1978). Als „historischen Höhepunkt“ seines Wirken bezeichnete er selbst seine Ausstellung „Bevor es Legende wird. Waldsee 1918 bis 1945“ im Jahr 2012.

Als er im Januar mit der Bürgermedaille geehrt wurde, bezeichnete ihn Bürgermeister Roland Weinschenk als „bescheidenen Bad Waldseer Kultur- und Geschichtsbotschafter“, der einen „sofort in seinen Bann nahm und neugierig auf Geschichte und Geschichten machte“.

Schon als Kind begeistert

Die Liebe zur Geschichte entdeckte Barczyk bereits als Kind. „Märchen ohne Wahrheitsgehalt fand ich langweilig. Wenn aber in einer Geschichte Wahrheitsgehalt steckte, war ich begeistert“, erzählte er selbst einmal. Frohsinn, Güte und Bescheidenheit zeichneten den heiteren Historiker aus, der seinen Wissensschatz gerne teilte und geschichtliche Details auch mal mit einem spitzbübischen Grinsen untermalte. Daten und Fakten konnte er genauso verständlich wie spannend vermitteln. Geschichte sei „Teil meines Lebens“, sagte er zu seinem Abschied aus dem Archiv.

Eigentlich wollte er in einem separaten Raum im Stadtarchiv noch zu speziellen Zeiten für Bürger ansprechbar und weiterhin historisch tätig sein. Weil der 72-Jährige trotz schwerer Erkrankung voller neuer Ideen und Vorhaben war, wollte er zudem ein kompaktes Buch über die Geschichte Bad Waldsees schreiben. Dazu ist es nun leider nicht mehr gekommen.

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