Der Bürgermeister, ein Stadtarchivar und eine Straßenlampe

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 Lasen aus dem Buch vor: Helmfried Schäfer und Bernhard Bitterwolf (rechts).
Lasen aus dem Buch vor: Helmfried Schäfer und Bernhard Bitterwolf (rechts). (Foto: Ulrich Gresser)
Ulrich Gresser

Der Bergatreuter Bürgermeister Helmfried Schäfer hat sich getraut: Gemeinsam mit Bernhard „Barny“ Bitterwolf hat er das Buch „Und alles wegen einer Straßenlampe...“ über seinen von gegenseitigem Respekt geprägten und höchst amüsanten Mailverkehr mit dem vor einem halben Jahr verstorbenen Michael Barczyk im Bürgersaal in Bergatreute vorgestellt.

Sie hätten ihn einige schlaflose Nächte gekostet, die Vorbereitungen für die Buchpräsentation, gab Schäfer zu. Aber an diesem Abend war dann alles vergessen: Gemeinsam mit Barny Bitterwolf, der die Rolle von Michael Barczyk bei der Lesung ausfüllte, las er einige Passagen aus dem elektronischen Briefwechsel, den Schäfer und Barczyk zwischen 2009 und 2012 führten. Denn Bitterwolf war mit Barczyk eng befreundet und kannte diesen und seinen etwas eigenen Humor bestens.

Die Vorgeschichte: Michael Barczyk, ehemaliger Gymnasiallehrer und jahrzehntelanger Stadtarchivar von Bad Waldsee, lebte in dem Ortsteil Abetsweiler ruhig und friedlich, bis ihm die Gemeinde Bergatreute eine Segnung vor sein Haus hingestellt hatte, die ihn um den Schlaf brachte: Direkt vor seinem Schlafzimmerfenster brannte nun Nacht für Nacht durchgängig eine Straßenlampe, die die benachbarte Straßenkreuzung beleuchten sollte. Um seine Nachtruhe wiederzufinden, schrieb er also eine Mail an den Bürgermeister, die dieser ob der elegant verpackten Kritik zunächst nicht einzuordnen wusste. Schäfer ließ seine zunächst sehr geharnischte Antwort – getreu dem Ratschlag von Stuttgarts Alt-OB Manfred Rommel – erst einmal eine Nacht liegen, um sie dann am Tag danach noch einmal zu überarbeiten und dem bissig ironischen Ton von Barczyk anzugleichen. Was sich in der Folge als Glücksgriff herausstellen sollte...

Selten war der Begriff „Lampenfieber“ angebrachter als an diesem Abend. Zum einen beim Bürgermeister, der im Vorfeld der Präsentation manche Nacht fast schlaflos verbracht hatte, zum anderen aber weil sich im Bürgersaal annähernd 80 erwartungsvolle Besucher drängten, als Bitterwolf mit seiner Gitarre gemeinsam mit dem ehemaligen Lehrer an der Bergatreuter Schule, Hans-Peter Hirthhammer mit seiner Querflöte, die Buchpräsentation und Lesung musikalisch eröffnete. Schäfer wäre nicht Schäfer hätte er sich nicht extra dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen: So stand doch tatsächlich das „Corpus Delicti“ auf beziehungsweise neben der kleinen Bühne. Auf diese Weise bekam das Publikum einen guten Eindruck vermittelt, wie in das Barczyksche Heim hineingeleuchtet wurde.

Mit dem Licht der Straßenlampe lasen Schäfer und Bitterwolf nun die aus dem März 2009 beginnenden verbalen Kabbeleien – oft unterbrochen von Einwürfen Bitterwolfs, etwa als Barczyk den lateinischen Ausdruck für „Meine Schuld“ einflocht („Mea culpa, des woisch?“) oder als er dem Bürgermeister bissig – ob dessen geöffneten Sakkos auf dem Begrüßungsbild der Homepage – noch „eine mitgab“.

Nebenher erfuhren die Besucher, die dank der Bewirtung durch die Bürgerstiftung Bergatreute nicht auf dem Trockenen saßen, auch noch einiges Hintergrundwissen, weil Bitterwolf nebenbei noch mit Schäfer ein Interview führte. Ob der Schriftwechsel wohl als Buch geplant worden sei, wollte er wissen. Die Antwort Schäfers: „Nein, aber wir haben hin und wieder damit kokettiert, zwei Exemplare zu drucken und sie dann irgendwo für die Nachwelt zu vergraben.“

Schäfer war Paul Sägmüller, dem Verleger des Büchleins, sehr dankbar, dass es ungekürzt so erscheinen konnte. Die Sache sehr erleichtert habe, dass Karina Barczyck, die Witwe des sehr belesenen Michael Barczyck, die als Lektorin bei einem Verlag arbeitet, dem Projekt Ihren Segen gegeben hatte. Der Erlös des Buchverkaufs geht an die Bürgerstiftung.

Am Ende der rund eineinhalb Stunden dauernden Lesung lüftete Schäfer dann auch noch das Geheimnis, wie die Gemeinde die Nachtruhe für Barczyk wiederherstellen konnte. Der ehemalige Bauhofleiter Vonier habe damals die geniale Idee gehabt: mit Alufolie.

Zum Abschluss bedankte sich Bürgermeister Schäfer bei allen, die an dem Projekt und dem Abend mitgewirkt hatten, beim Verleger, der Volksbank Ravensburg-Weingarten, die einen Großteil der Druckkosten übernommen habe, bei den Musikern, und speziell bei Barny Bitterwolf, der die Rolle von Barczyk übernommen hatte. Sein Dank galt ebenfalls der Bürgerstiftung für die Bewirtung, ehe er sich an dem Verkaufstisch zum Signieren des Büchleins niederließ.

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