Bis zu 14 Stunden im Operationssaal

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Dr. Rainer Fischbach und Schwester Monika Blaser beim OP-Einsatz im Ifunda Health Center in Tansania.
Dr. Rainer Fischbach und Schwester Monika Blaser beim OP-Einsatz im Ifunda Health Center in Tansania. (Foto: klumpfuss-feuerkinder/Blaser)
Schwäbische Zeitung

Ein Hilfseinsatz hat Gabriel Tewes nach Tansania geführt. Dort unterstützte der Kinderchirurg gemeinsam mit einem Team die Arbeit des Bad Waldseer Ehepaars Monika und Horst Blaser. Die beiden haben die Hilfsorganisation Kinderhilfe Tansania in Ifunda gegründet.

Mit dabei waren die Anästhesisten Dietmar Crass und Willfried Pöppler, die Kinderchirurgen Naim Fahrat und Gabriel Tewes, die Kinderorthopäden Johannes Correll und Rainer Fischbach, der Plastische Chirurg Denis Simunec, die Anästhesiepflegekräfte Janusz Kowollik, Manuela Günder, Alia Garcia, Rainer Neundörfer, die Instrumentierschwestern Gabi Frerk-Westphal und Elisabeth Auer, die zuarbeitende Ärztin Ute Correll und das Organisatoren Ehepaar Monika und Horst Blaser. Über seine Eindrücke und die Arbeit des Hammer Forums dort berichtet Teamleiter Tewes in folgendem Text:

Über Zürich ging die Reise mit dem Flugzeug nach Dar es Salaam in Tansania. Mit dem Bus, das Gepäck teils auf dem Dach verstaut, fuhren wir zu einem Hotel. Früh starteten wir dann zu unserem Einsatzort Ifunda in der Provinz Iringa. Zwölf Stunden führte die Route entlang des Tansania-Zambia-Highway durch die osttansanische Hochlandregion, vorbei an Sisalplantagen und landwirtschaftlich genutzten Flächen, dem „Brotkorb“ Tansanias, den leuchtenden Uluguru-Bergen, dem Mikumi Nationalpark, durch das enge Tal des Great Ruaha River ins Gebirge und durch das einzigartige Baobabtal (Tal der Affenbrotbäume).

Unser Einsatzort, die Missionsstation Ifunda, liegt südlich der alten Deutschen Provinzhauptstadt Iringa. Dort wurden wir von Monika und Horst Blaser begrüßt. Ihnen ist es mit viel Idealismus und Ausdauer gelungen, mit ihrer eigenen Hilfsorganisation Kinderhilfe Tansania(Klumpfuß/Feuerkinder) sowie der Unterstützung der Diözese Iringa und des Staates die Dispensary in ein Health-Center (kleinste Krankenhauseinheit) umzuwandeln. Die beiden Organisationen – das Hammer Forum und die Kinderhilfe Tansania – ergänzen sich sehr gut.

Erwartet wurden wir aber vor allem von den Patienten. Bis zu 700 Kilometer transportieren die Mütter ihre Kinder in Tragetüchern. Etliche warteten schon tagelang auf unsere Ankunft. Uns standen zwei Operationssäle für die Behandlung zur Verfügung. Um effektiver arbeiten zu können, hatten wir einen Kinderorthopäden und einen plastischen Chirurgen in unser Team gebeten. So waren wir in der Lage, ohne Zeitnot auch große, anspruchsvolle Eingriffe fachgerecht durchzuführen. Während in einem Saal überwiegend ausgedehnte Kontraktionsnarben nach thermischen Verletzungen und riesige Nabel/Bauchwandhernien, Leistenbrüche und ein Hypospadierezidiv operativ korrigiert wurden, führte das zweite Operationsteam Umstellungsosteotomien und Klumpfußoperationen durch.

241 Patienten in der Ambulanz

Insgesamt führten wir 72 Eingriffe aus und unternahmen 40 große Verbandswechsel in Narkose. Die großen Wundflächen mussten regelmäßig angesehen und mit frischen Auflagen und fixierenden Gipsschienen versorgt werden. In der Ambulanz wurden 241 Patienten untersucht und behandelt, 32 mal wurde ein Verbandswechsel vorgenommen. Das tägliche Programm bescherte uns Arbeitszeiten von zwölf und an einigen Tagen bis zu 14 Stunden. Nach Abschluss der täglichen Operationsarbeit freuten wir uns auf das gute Abendessen, das wir gemeinsam mit den Priestern der Missionsstation einnahmen. Manchmal genehmigten wir uns eine Flasche Safaribier, oft waren wir aber müde und wollten nur noch schlafen. Am Ende unseres Einsatzes blieb noch ein Kollege zur Wundnachsorge vor Ort und übergab dann die Wundpflege an die einheimischen Schwestern, die in das Prozedere eingewiesen waren.

Wochenmarkt in Iringa besucht

Der Besuch von Iringa, der alten Provinzhauptstadt aus deutscher Kolonialzeit, bot uns eine kleine Abwechslung. Wir schlenderten über den lebhaften Wochenmarkt und betrachteten die Stände der Massai mit ihren handgearbeiteten Erzeugnissen. Zum Schluss besuchten wir ein Café, das von Behinderten betrieben wird. Sonntags nahmen wir gemeinsam mit 500 Gläubigen am Hauptgottesdienst teil. Mit ihren wunderbaren Stimmen fielen die Gläubigen in das Spiel des Harmoniums ein. Am Sonntagnachmittag besuchten wir die Isimila Stone Age Site, ein canyonartiges Tal, in dem durch Erosion Stelen und andere säulenartige Gebilde entstanden sind. Hier fand man bis zu 100 000 Jahre alte Steinäxte und geschliffene Faustkeile.

Am Freitagabend vor der Abreise ergab sich noch eine dramatische Situation. Es musste ein letzter Verbandswechsel in Narkose durchgeführt werden. Das zu behandelnde Kind hatte drei Tage zuvor eine plastische Operation an der Hand. Die Wunde hatte sich infiziert. Gegen Ende des Eingriffs musste das Kind von Hand beatmet werden, da keine Exturbation möglich war. In der Umgebung gibt es kein Krankenhaus, in dem es hätte weiter behandelt werden können. Ein Transport auf dem Landweg über 600 Kilometer erschien dazu unmöglich.

Dramatischer Einsatz am Ende

Schließlich beschlossen wir das intubierte Kind per Flugzeug nach Dar es Salaam ins Muhimbili Hospital zu fliegen. Die Kontakte der italienischen Anästhesistin Alessandra Canneti zum Flugdienst „flying doctors (Tansania)“ halfen uns. Auf dem Weg zum 40 Kilometer entfernten Flughafen hatte der Krankenwagen dann einen Motorschaden. Das Kind musste also in einen sehr alten klapperigen Krankenwagen umgelagert werden, bevor es dann Stunden später vom Flugzeug abgeholt wurde. Mittlerweile erholt sich das Mädchen aber im Muhimbili von seiner Pneumonie.

Obwohl danach keiner Lust auf eine Fotosafari hatte, haben wir einen kurzen Ausflug in den Mikumi-Nationalpark unternommen und kamen unter den wilden Tieren wieder auf andere Gedanken. Nach mehreren Staus und einem zehnstündigem Nachtflug trennten wir uns schließlich in Zürich – müde aber froh, dass wir dabei sein konnten.

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