Bad Waldseer feiert seinen 100. Geburtstag

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 Ein Gruß zum runden Geburtstag: Albert Maucher aus Bad Waldsee.
Ein Gruß zum runden Geburtstag: Albert Maucher aus Bad Waldsee. (Foto: Alfred Weißhaupt)
Schwäbische Zeitung

Albert Maucher aus Bad Waldsee feiert am Freitag, 20. November, seinen 100. Geburtstag. Alfred Weißhaupt hat sich mit dem rüstigen Senior getroffen und mit ihm auf sein langes Leben zurückgeschaut.

Wegen der Corona-Pandemie hatte man sich zum gemeinsamen Spaziergang verabredet und so trat der Jubilar Albert Maucher voller Elan vor die Tür. Nicht wie im Roman „Der 100-Jährige, der aus dem Fenster trat und verschwand“ als Fiktion und geträumte Gestalt, sondern als reelle Person mit nicht weniger als 100 Jahren Lebenszeit auf dem Buckel.

Zwei Stunden Zeitungslektüre am Tag

Kein Greis, der in der Fantasie lebt, sondern eine Persönlichkeit, die täglich zwei Stunden Zeitung liest und zu örtlichen Themen wie Bleiche-Umgestaltung, neuem Bürgermeister und Caravan-Umsatz seine Meinung vertritt.

Aber auch die Turbulenzen um die Wahl des amerikanischen Präsidenten sind im Laufe des Spaziergangs Gesprächsthema und so ist die 90-minütige Wanderung geprägt von einer lebhaften beiderseitigen Diskussion.

Früh in der Verantwortung

Natürlich geht das Gespräch auch zurück in die Vergangenheit. In die Zeit der Weimarer Republik und die 1930er-Jahre. In die Jugendzeit von Albert Maucher, in der er vom katholischen Jungmännerbund stark beeinflusst wurde.

Erinnerungen an den schwerverwundet aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrten Vater werden wach und an den in Russland gefallenen Bruder. Der Vater verstarb 1937 an den Folgen der Verwundung und der damals 17-jährige Albert Maucher musste zusammen mit der Mutter und fünf jüngeren Geschwistern den Bauernhof in Atzenreute übernehmen.

„Hatte in meinem Leben viel Glück“

Die Arbeit als Landwirt verschonte ihn nicht vor der Einberufung und dem Kriegseinsatz in Russland. Schwer an Gelbsucht und Diphtherie erkrankt, entging er der Vernichtung des Infanterieregiments vor Moskau, um 1944/45 im Westen nochmals sein Leben einzusetzen für den propagierten Endsieg. „Ich hatte in meinem Leben viel Glück“, fasst der Jubilar in der Dokumentation „Bis alles in Trümmer fällt“ seine Kriegserlebnisse zusammen. An ein langes Leben aber war nach der Erkrankung in Russland nicht zu denken.

Glücklich nach Hause zurückgekehrt heiratete Albert Maucher 1955 und betrieb in Atzenreute mit seiner Frau Maria, geborene Keßler und den vier Töchtern den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb.

Daneben wurde er Aufsichtsratsvorsitzender der Raiffeisenbank Gaisbeuren, war im Vorstand der AOK, Kassier verschiedener örtlicher Vereine und Geschäftsführer der Grastrocknungsanstalt Gaisbeuren.

Führungspositionen bei der Raiba

Als die Geschäfte in der Raiba immer besser liefen, wechselte der Jubilar vom Aufsichtsrat in die Geschäftsführung der Bank, holte alle dafür notwendigen beruflichen Qualifikationen nach und wurde schließlich (gemeinsamer) Geschäftsführer der fusionierten Raiba Reute-Gaisbeuren.

Es wird kein rauschendes Fest zum Geburtstag geben im Wohnpark am Schloss, wo Albert Maucher seit 2002 lebt. Seine Frau verstarb 2016, die Töchter mit ihren Familien müssen corona-bedingt Abstand halten undWeggefährten leben allesamt keine mehr. So bleibt dem besonderen „Geburtstagskind“ die Hoffnung auf eine Nachfeier nach überwundener Corona-Krise und auf anhaltende Gesundheit.

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