Am Unbekannten entzündet sich seine Kunst

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 Galerieleiter Axel F. Otterbach, Künstler Wolfgang Stöhr und Laudatorin Anne Bösenberg (von links) eröffnen die Ausstellung.
Galerieleiter Axel F. Otterbach, Künstler Wolfgang Stöhr und Laudatorin Anne Bösenberg (von links) eröffnen die Ausstellung. (Foto: BAC)
Babette Caesar

Kunst ist nicht gleich Kunst, denn jeder Künstler hat seine eigene Herangehensweise. So auch der in Tübingen lebende Wolfgang Stöhr, wie seine am Sonntag eröffnete Ausstellung „Immer alles offen“ im Kunstraum „Kleine Galerie“ im Haus am Stadtsee zeigt. Zeichnung, Malerei und Collage vereinigen die 67 Mischtechniken auf Papier, gebündelt in Serien. Rätsel geben sie auf, was Stöhr mit ihnen meinen könnte.

Laudatorin Anne Bösenberg sprach in ihrer Einführung von „Eine Welt der Wunder – das waren Bilder immer“. Am leichtesten würden sie das Auge beeindrucken und verblüffen im Unterschied etwa zur Musik. Verwunderung, Neugier und Bezauberung entstünden daraus. Von magischen Zügen war ihre Rede, wenn es darum geht, Unergründbarem fassbare Form und Gestalt zu verleihen. Dies beschreibt den Eindruck, den Besucher beim Betreten der Ausstellung haben können. Nicht auf den ersten Blick genau zu wissen, was dargestellt oder gemeint ist. Irritiert vom Gesehenen zu sein, die eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen und auf diesem Weg zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Wolfgang Stöhr, 1952 in Ochsenhausen geboren, Staatsexamen an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und 40 Jahre als Kunsterzieher tätig, sieht das so: „Die Kunst gäbe es nicht, wenn die Welt in sich klar wäre. Über den letzten Grund wissen wir letztlich nichts.“

Besucher haben es also mit einem „paradoxen Unterfangen“ zu tun. Mit jemanden, der sich auf die Suche nach Klarheit gemacht hat, zugleich aber von vornherein weiß, dass sie nicht zu finden ist. Für die einen ist das das Aus, für die anderen die Freiheit, alles offen zu lassen. Bösenberg führte zum Vergleich das Bogenschießen im Zen-Buddhismus an. Eine Loslösung des Willens ist erforderlich, um die tiefer gelegenen Schichten menschlichen Seins aufzuspüren. Darum geht es in Stöhrs tagebuchartig angelegten Blättern. Regelmäßig tauchen Gestalten in Form von Umrissen auf, die verharren oder sich bewegen. Die kommunizieren mit zuvorderst nicht genau benennbaren Dingen. Mögen diese pflanzlichen oder amorphen Charakters sein. Möglicherweise handelt es sich um frei erfundene Gerätschaften und um von Stöhr Gesehenem, das uns bis dato fremd war. Ob Mensch und Dinge sich wirklich in einem Dialog befinden, bleibt ebenso offen wie die Frage nach einer definitiven Existenz. Was auffällt, sind die explizit farblichen Betonungen. Vornehmlich in Orange, Graublau und hellem Violett. Mal bieten die Blätter dem Auge mehr an weißem Umraum an, sind also offener. Mal sind sie vollständig mit Farbe gefüllt und erinnern so an Landschaftliches. Wer glaubt, in wenigen Minuten alles gesehen zu haben, der täuscht sich oder ist am Oberflächlichen hängen geblieben.

Die in Blöcken installierten Serien mit Titeln wie „kleine_welten“ und „traum_zeit“ erfordern vom Betrachter einiges an Imagination, um sich in Stöhrs Vorstellungswelten einzufühlen. Um selbst aktiv zu werden und neue eigene Ideen zu gebieren. Zum Beispiel die, dass das Menschsein aus mehr besteht als funktionalem Tun. Wie entstehen Stöhrs Arbeiten? Von ihm Gesehenes überträgt er auf Transparentpapier. Manchmal würden da an die 40 Blätter vor ihm liegen, die Schablonen gleich kommen. Sie schiebe er so lange übereinander, bis sich aus seiner Sicht schlüssige Ergebnisse heraus kristallisierten. Oft ist von Chiffren die Rede, die im Regelfall auf Zeichenhaftes verweisen. Aber auch dies lässt Stöhr offen und stellt eine Deutung der Fantasie des Betrachters anheim.

Axel F. Otterbach freute sich über ein volles Haus zu Jahresbeginn und verpasste es in seiner Begrüßung nicht, kurz auf die vergangene Saison zurück zu blicken. Das Leiten einer Galerie sei nicht immer ganz einfach. Die Auswahl der Künstler stehe gelegentlich in der Kritik.

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