Alltagsgegenstände von blitzblanker Ästhetik

Lesedauer: 4 Min

Sabine Christmann deutet auf die Nahtstelle des Bildes "Tüten, grün-blau" (80x160 cm, Öl/Lw., 2013), wo die Spiegelung auf der
Sabine Christmann deutet auf die Nahtstelle des Bildes "Tüten, grün-blau" (80x160 cm, Öl/Lw., 2013), wo die Spiegelung auf der Glasplatte in die Umrisse der Objekte übergeht. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten im Haus am Stadtsee täglich von 10 bis 19 Uhr bis zum 9. September zu sehen.

Einklappen  Ausklappen 

Was ist denn das? Nur Tüten, Flaschen, Gläser, Tassen und Becher? Die Ausstellung von 22 Malereien in Groß- und Kleinformaten der Künstlerin Sabine Christmann zieht den Blick auf Gegenstände des Alltags: inzwischen schon vielerorts verbotene bedruckte Plastiktüten, große Tüten aus Karton mit Kordelhenkel, auf zerdrückte Bonbontüten, Geschenktütchen mit Kindermotiven, Tüten des Bildungsbürgertums aus der Tate Gallery, der Fondation Beyeler oder von Konsumtempeln wie Printemps in Paris. Da kommt eine kleine Weltreise des Shoppings und des Visitings zusammen. Daneben Darstellungen von roten und grünen Flaschen – vom Budweiser bis zur Pennertrost-Miniflasche.

„Das sind alles einzelne Persönlichkeiten“, sagt Sabine Christmann mit einem nachfolgenden Lachen. Ihr ist dieser langjährige Umgang mit den Alltagsutensilien, die in einem Stillleben – das sie sorgfältig auf einer Glasplatte arrangiert – ihr eigenes ,Leben’ entwickeln, vertraut. Wenn man sie lange genug ansehe, würden sie zu sprechen anfangen – so wie der Nussknacker im Weihnachtsmärchen. Das fällt übrigens bei den oft kuriosen Texten und Aufdrucken der Tüten gar nicht so schwer. Eine mit einem Eichendorff-Gedicht aus einer Buchhandlung hat sie gleich mehrfach verwendet. Sind auch welche erfunden? „Nein“, sagt sie spontan, „das könnte ich nicht“.

Sabine Christmann, 1960 in Offenbach geboren, ist eine erfrischend lebhafte und zugewandte Persönlichkeit. Von 1981 bis 1983 hat sie nach einem Jahr an der Freien Kunstschule Stuttgart an der Kunstakademie Karlsruhe bei Peter Dreher und danach noch mal drei Jahre an der Kunstakademie Stuttgart bei Rudolf Haegele studiert. Von Peter Drehers minimalistisch gegenständlicher Malerei – zum Beispiel ein leeres Wasserglas vor einer Wand – hat sie sich vielleicht insoweit inspirieren lassen, als sie die Reflexe ihrer Bildgegenstände auf der Glasplatte darunter interessieren. Aber ansonsten ist ihre gegenständliche Malerei eine völlig andere, nämlich farbenfroh, ästhetisch formuliert in Komposition und sensibler Farbschattierung und minutiös ausgearbeitet. Nach ihrem Studium hat sie zusammen mit ihrem Mann Oliver Christmann, der ebenfalls Künstler ist, den erfolgreichen Sprung ins Freischaffende gewagt. Die beiden leben und arbeiten in Schloss Bartenstein, Hohenlohe.

Von viel Esprit und Charme durchwirkt war die gedankenreiche Einführung von Barbara Renftle von der pro arte-Kunststiftung Biberach. Sie sah in dem „geselligen Beziehungsgeflecht ohne Generationenkonflikt“ von altem Blümchenporzellan und zerknitterten Tüten einen „Sinn für gepflegte Ästhetik“ und las aus der „erquickenden“ Wirkung dieser Malerei mit ihren blitzblanken Gegenständen – staubfrei und fleckenlos – eine inhärente Therapie gegen Überdruss an der Konsumwelt und ihrem Endlosabfall heraus. Mit „similia similibus curentur“, dem Wahlspruch der Homöopathie von Samuel Hahnemann, dass Ähnliches mit Ähnlichem behandelt werden solle, rücke Christmann ebendiesem falschen Wertverständnis unserer Gesellschaft zu Leibe.

Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten im Haus am Stadtsee täglich von 10 bis 19 Uhr bis zum 9. September zu sehen.

Einklappen  Ausklappen 
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen