Zwischen Galauniform und Burschenkappen

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Schwäbische Zeitung
Monika Fischer

Farbenprächtige Galauniformen und Burschenkappen hat es am vergangenen Dreikönigstag rund um den Aulendorfer Hofgarten zu sehen gegeben. Zum traditionellen „Dreikönigskommers“ trafen sich dort am 6. Januar etwa 250 Mitglieder und Gäste des CV-Gauverbands Bodensee-Oberschwaben, der dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen angehört. Den Festvortrag zum Thema „Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft“ hielt der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Ferdinand Kirchhof. Dabei zeigte er auf, dass der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und die steigende Zahl älterer Menschen zwar ein Umdenken erfordern, doch durchaus Chancen bieten.

Studenten und „Altherrenschaft“

Im Bereich des Aulendorfer Hofgartens dominierte am Dreikönigstag das männliche Geschlecht. Herren verschiedenster Altersklassen strebten in Richtung des Großen Saals und waren dabei echte „Hingucker“. Die im wahrsten Sinne des Wortes „älteren Semester“ trugen Kopfbedeckungen, etwa Tönnchen, Cerevis oder Burschenkappen, sowie Bänder in den Farben ihrer Verbindung. Sie gehörten zur Riege der „Altherrenschaft“, einer Bezeichnung für alle Uni-Absolventen, die im Beruf stehen oder sich im Ruhestand befinden. Daneben sah man junge Männer im farbenprächtigen „Vollwichs“, der Galauniform der sogenannten „Aktiven“, die als Studenten an der Universität eingeschrieben sind.

Die katholisch geprägte CV ist keine schlagende Verbindung, sondern fühlt sich der christlichen Nächstenliebe verpflichtet, wozu auch die Unterstützung sozialer Projekte zählt. So übergab der Vorsitzende des Gauverbandes Bodensee-Oberschwaben, Ex-Landrat Dirk Gaerte, dem togolesischen Mitglied der Freiburger Studentenverbindung Hohenstaufen eine Geldspende, die aus einer spontan arrangierten Sammlung stammte. Sie kommt dem Bruder des „Isi“ genannten Studenten zugute, der in Togo ein Waisenhaus unterhält.

Während Gaerte die Gäste des „Dreikönigskommers“ temperamentvoll-jovial willkommen hieß, hatte Henrik Lorenz von der Stuttgarter Verbindung AV Alania die präsidiale Leitung der Veranstaltung inne und sorgte mit einem dezidierten „Silentium“ oder „Omnes ad sedes“, für die Einhaltung des gestrengen Reglements. Zum Programm eines jeden Kommerses gehören studentische Lieder wie „O alte Burschenherrlichkeit“ oder „Gaudeamus igitur“, die mit Inbrunst intoniert werden. Als Begleitung fungierte in Aulendorf ein etwas in die Jahre gekommenes Klavier, die „Bierorgel“ , auf dem „Kynos“, ein CV-Mitglied aus Appenzell, versiert in die Tasten griff.

Mit Ferdinand Kirchhof, dem stellvertretenden Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, trat ein Redner ans Mikrofon, der seine Einschätzung des „demografischen Wandels und die Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft“ anschaulich und nachvollziehbar vortrug.

Ausgehend von der Frage „Wird Deutschland jünger oder älter“ skizzierte er die Veränderungen, die durch das Schrumpfen der Bevölkerungszahl und den zunehmenden Alterungsprozess in Deutschland zu erwarten sind. Hoffnungen, dass sich die Entwicklung durch die gegenwärtige Migrationsbewegung vor allem junger Flüchtlinge aufhalten lasse, dämpfte er mit dem Hinweis, eine gelungene Integration sei frühestens nach zehn Jahren zu erwarten. Inzwischen gelte es, durch eine Fülle von Einzelmaßnahmen den Bedürfnissen der älteren wie der jüngeren Generation gerecht zu werden. Dabei sei sowohl der Staat wie der einzelne Bürger gefordert. Bedingt unter anderem durch den Geburtenrückgang und steigende Personalkosten seien Änderungen bezüglich der Sozial- und Pflegeversicherung unabdingbar.

Der Hauptumschwung betreffe das Wirtschafts- und Arbeitsleben, führte Kirchof aus. So lasse sich das bisherige Dreistufenmodell von Ausbildung-, Aktivitäts- und Ruhephase künftig nicht mehr halten. Arbeitnehmer müssten sich auf eine längere Arbeitspräsenz einstellen, wozu es eines neuen Arbeitsrechts bedürfe. Landflucht verändere die Städte, wobei die Kommunen mehr und kleinere Versorgungszentren bereitzustellen hätten. Der Personennahverkehr müsse auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden, etwa mittels leicht zugänglicher Verkehrsmittel wie Taxis.

Pessimismus angesichts des Bevölkerungsrückgangs sei jedoch fehl am Platz, den hierdurch würden sich auch Vorteile und Chancen ergeben. Zum Beispiel entstehe weniger Umweltverschmutzung, so Kirchhof geringerer Landverbrauch. Dazu kämen eine Vollbeschäftigung mit Aussicht auf den Traumjob, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für gute berufliche Qualifikationen.

Studenten früherer Zeiten kannten Aulendorf als Eisenbahnknotenpunkt, den sie auf Fahrten zwischen Heimat und Universität regelmäßig passierten. Wer auf Anschlusszüge warten musste, vertrieb sich die Zeit mit anderen Gestrandeten, was hin und wieder als feucht-fröhliches Gelage endete. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus solchen Treffen die Tradition des „Dreikönigskommers“, der heuer zum 130. Mal in Aulendorf stattfand und von CV-Mitgliedern und Gästen als kleines Jubiläum gefeiert wurde.

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