Zollenreuter Paar baut Internatsschule in Tansania auf

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 Die ersten Schüler haben ihre Abschlussprüfungen geschrieben und wurden Ende November feierlich verabschiedet.
Die ersten Schüler haben ihre Abschlussprüfungen geschrieben und wurden Ende November feierlich verabschiedet. (Foto: Ahnert)

In einem Blog unter www.elibariki.de berichten Ahnerts regelmäßig, was sie erleben. Elibariki ist dabei ein Bergriff aus der ostafrikanischen Sprache Swahili und bedeutet übersetzt: Gott segnet.

Gute zwei Jahre ist es her, dass Doris und Thomas Ahnert aus Zollenreute ihre Koffer gepackt haben und mit zwei ihrer vier Kinder in ein Flugzeug nach Tansania gestiegen sind. Zwei Jahre, in denen sie bei Morogoro, knapp 7000 Kilometer Luftlinie von Aulendorf entfernt, eine Art Internatsschule für ehemalige Straßenjungen aufbauten.

Mittlerweile ist bei vielen Dingen im Safina Education Center eine gewisse Routine eingekehrt und die ersten Schüler haben ihre Abschlussprüfungen geschrieben. Langweilig wird es Ahnerts aber sicher nicht: der Alltag als Entwicklungshelfer in dem ostafrikanischen Land hält regelmäßig Überraschungen bereit.

„Ich habe seit einer guten Woche wieder eine Arbeitsgenehmigung“, berichtet Doris Ahnert im Telefongespräch Anfang Dezember über den guten Ausgang einer eher unschönen Überraschung. Denn seit September war sie ausgebremst; der tansanische Staat hatte ihr zunächst keine Arbeitserlaubnis mehr erteilt. Das sei zur Zeit ein generell schwieriges Thema in Tansania, dahinter stecke die Furcht, dass Einheimischen Arbeitsplätze weggenommen würden.

 In der Landwirtschaftsausbildung lernen die Schüler auch Wissenswertes über den Umgang mit Obstbäumen.
In der Landwirtschaftsausbildung lernen die Schüler auch Wissenswertes über den Umgang mit Obstbäumen. (Foto: Thomas Ahnert)

Dass Ahnerts als Entwicklungshelfer nicht vor Ort sind, um Geld zu verdienen – ihnen steht ein Unterhaltsgeld zu, das zu drei Vierteln vom deutschen Staat, zu einem Drittel durch Spenden finanziert wird – sondern sie Arbeitsplätze schaffen, spielte dabei keine Rolle. Für das Ehepaar eine frustrierende Situation, die an den Nerven zerrte. „Wir wussten nicht: müssen wir bald nach hause? Und das in einer Situation, in der wir erst angefangen haben aufzubauen und das Projekt noch schlecht in andere Hände hätten übergeben können“, erklärt Thomas Ahnert. Denn genau das ist langfristig das Ziel. Erste Schritte sind dabei bereits gegangen.

Häuser und Strukturen erst aufbauen

Als Ahnerts vor zwei Jahren ankamen, starteten sie baulich und schulkonzeptlich quasi bei null. Mittlerweile gibt es auf dem Schulgelände ein Gebäude mit zwei Klassenzimmern und Lehrerbüro, zwei Schülerwohnhostels und ein Erzieherhaus mit Platz für Gäste.

„Vor einem Jahr waren wir so mittendrin, etwas auf die Beine zustellen, jetzt macht man manche Sachen schon zum wiederholten Mal“, berichten die beiden, „auch in der Schule ist schon deutlich mehr Struktur da und die Mitarbeiter wissen was sie zu tun haben“.

Die Mitarbeiter, das sind vier Lehrer und eine Mutter, die in Teilzeit als Erzieherin arbeitet. Der Landwirtschaftslehrer ist seit März an der Schule und mittlerweile Thomas Ahnerts Stellvertreter als Schulmanager. „Das war wichtig, damit nicht immer alles an mir hängt, sondern sie auch selbständig vor Ort Entscheidungen treffen können.“ Ein weiterer Erzieher, der bereits als Streetworker gearbeitet und Erfahrungen mit Straßenkindern hat, steht in Aussicht.

„Die Erzieher sind ganz zentrale Persönlichkeiten. Tagsüber ist Schule, aber morgens und abends braucht es jemanden, der schaut, dass sie keinen Unfug machen“, sagt Thomas Ahnert.

Christlicher Glaube trägt Ahnerts Arbeit

Sie, das sind zur Zeit 14 Schüler im Alter zwischen 16 und 24 Jahren, die beinahe alle als Jungen auf der Straße lebten und nun als Jugendliche und junge Erwachsene Schul- und Persönlichkeitsbildung nachholen und lebenspraktische Fähigkeiten vermittelt bekommen.

Dass es nur junge Männer sind, liegt am Zuschnitt der tansanischen Partnerorganisation Safina Street Network, die sich um Straßenjungen kümmert. Ahnerts selbst sind über die Organisation Christliche Fachkräfte International (CFI), einem staatlich anerkannten Entwicklungsdienst, vor Ort. Der christliche Glaube prägt ihre Arbeit und ist ihnen Auftrag und Stütze.

 Doris und Thomas Ahnert mit ihren Kindern Jannis und Franziska, die mit ihren Eltern nach Tansania gegangen sind und an einer i
Doris und Thomas Ahnert mit ihren Kindern Jannis und Franziska, die mit ihren Eltern nach Tansania gegangen sind und an einer internationalen Schule unterrichtet werden. (Foto: Ahnert)

„Ziel war ursprünglich, dass sie mit einem Beruf hier weggehen, aber es hat sich herausgestellt, dass vielen dafür die Grundlagen fehlen“, erklärt Thomas Ahnert. Darum holen die Schüler dort nun in kleinen Klassen zwei Jahre lang den Stoff der Sekundarstufe nach, um an einer staatlichen Schule eine Art Mittlere Reife abzulegen, was oft Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz ist.

Vier Schüler haben haben im November ihre Abschlussprüfung abgelegt – ob sie bestanden haben, wissen sie erst bis Mitte kommenden Jahres. „Während sie warten machen sie ein Volontariat, so ähnlich wie ein Freiwilliges Soziales Jahr. Einer hilft in einer anderen Einrichtungen von Safina einer Erzieherin mit kleinen Kindern. Zu uns kommen welche, um den neuen Schülern Nachhilfeunterricht zu geben.“

Praktische Ausbildung in der Landwirtschaft

„Wir haben auch Schüler, die nicht mal einen Grundschulabschluss haben. Für die haben wir ein spezielles Angebot, was die Landwirtschaftsausbildung angeht“, berichtete Thomas Ahnert. Sie erhalten Unterricht in Lesen, Schreiben, Rechnen und landwirtschaftlicher Theorie – wie geht man mit Ackerboden um, der schnell austrocknet? Wie hält man Feuchtigkeit im Boden? Welche Fallen kann man statt teuren Giftes für Schädlinge bauen? Dazu kommt viel Praxis im internatseigenen Garten, auf dem Feld und mit den Tieren. Der Landwirtschaftslehrer kümmert sich darum, und legt auch Lehrinhalte fest.

50 Küken und Papayabäume

Auf dem Gelände gibt es seit Kurzem 50 Küken, die Legehennen werden, ein paar Hühner, die Schüler mitgebracht haben, zwei Schafe, es gibt eine Hasenzucht und Hunde als Wächter. Angebaut werden etwa Mais, Bananen, Maniok, Okras, Tomaten, Paprika, Kidneybohnen, aber auch Papayabäume und andere Zitrusfrüchte. „Wir wollen Landwirtschaft machen, die vermittelt, wie sie mit wenig Materialeinsatz und Technik aus ihrem Acker etwas rausholen können“, erklären Ahnerts.

 Thomas Ahnert ist Schulmanager im Safina Education Center.
Thomas Ahnert ist Schulmanager im Safina Education Center. (Foto: Ahnert)

„Die allermeisten Tansanier auf dem Land sind selbständig, haben eine Nebenerwerbslandwirtschaft und Gelegenheitsarbeiten. Sie leben vor allem von dem, was sie selber anbauen.“Derzeit sind es vier Landwirtschaftsschüler, mithelfen müssen auf dem Internatsgelände aber alle, etwa in Morgendiensten. „Ehemalige Straßenjungen, die aus der Stadt kommen für die Landwirtschaft zu begeistern ist nicht ganz einfach“, berichtet Doris Ahnert. Aber die körperliche Betätigung tue den jungen Männern gut.

Hauswirtschaftlicher Schulzweig geplant

Im kommenden Jahr will das Safina Education Center in Morogoro einen hauswirtschaftlichen Bildungszweig auflegen.

Dafür sollen eine Ausbildungs- und Lehrküche mit Mensa und zusätzlichem Klassenraum gebaut werden. Eine andere CFI-Entwicklungshelferin gibt bereits jetzt einmal in der Woche Hauswirtschaftsunterricht. Später sollen einheimische Mitarbeiter angestellt werden, die das übernehmen können. Ahnerts und das Internatsprojekt sind in ihrer Arbeit auf Spenden angewiesen.

„Wir sind dankbar für alle Unterstützung. Das Geld ist immer knapp“, berichtet Doris Ahnert. Spendengelder der Leser der „Schwäbischen Zeitung“ flossen in diesem Jahr etwa in eine Solarwasserpumpe, die den teuren Generator ersetzt.

Ahnerts Vertrag ist ursprünglich auf drei Jahre angelegt, bis nächsten Sommer müssen sie überlegen, ob sie länger bleiben wollen – ob sie es können, wird auch von einer Arbeitsgenehmigung abhängen. Im Moment tendieren sie, mindestens um ein Jahr zu verlängern, nicht zuletzt, weil sie ihrem Sohn, der in eineinhalb Jahren Abitur macht, dann einen Schulwechsel ersparen.

Und, weil sie zwischen Widrigkeiten, Herausforderungen und jeder Menge Arbeit, auch Glücksmomente erleben – manchmal sind das ganz kleine Dinge, wie Thomas Ahnert berichtet: „Neulich lief ich übers Gelände, da hat ein Schüler von uns lautstark ein Lied geschmettert, das wir ihm in der Morgenandacht beigebracht haben. Es ist schön, wenn man merkt, da bleibt etwas hängen. Da denkt man: Doch, es hat sich gelohnt!“

In einem Blog unter www.elibariki.de berichten Ahnerts regelmäßig, was sie erleben. Elibariki ist dabei ein Bergriff aus der ostafrikanischen Sprache Swahili und bedeutet übersetzt: Gott segnet.

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