Wohngruppe Wolfgang verlässt Aulendorf

Lesedauer: 7 Min

Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen sind auf Unterstützung angewiesen.
Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen sind auf Unterstützung angewiesen. (Foto: dpa/Britta Pedersen)

Ein Unfall, ein Hirninfarkt, eine Hirnblutung oder Sauerstoffmangel – die Gründe für erworbene Hirnschädigungen sind vielfältig. Die Betroffenen reißt das geschädigte Gehirn aus ihrem gewohnten Leben. Sie sind nach der akuten Behandlung auf Pflege und Unterstützung angewiesen. Genau das hat die St.-Elisabeth-Stiftung mit ihrer Wohngruppe Wolfgang über Jahre hinweg in Aulendorf angeboten. Am kommenden Montag verlässt die Wohngruppe nun die Stadt und zieht in einen Neubau in die Ravensburger Gartenstraße. Ein Umzug, der nicht bei allen Betroffenen auf Verständnis trifft.

Gemischte Gefühle bei Bewohnern

Bei einigen Bewohnern und deren Angehörigen hatten die Umzugspläne Ärger ausgelöst und sie hatten sich im Herbst vergangenen Jahres mit einem Brief an die Stiftung gewandt (SZ berichtete), in dem sie erklärten, weshalb ihnen die Umzugspläne missfielen, und dass sie gerne in Aulendorf bleiben wollen. Mittlerweile laufen die Vorbereitungen für den Umzug indes auf Hochtouren. „Die Gefühle sind – wie bei jedem Umzug – gemischt. Neugier gepaart mit der Ungewissheit: Was kommt auf uns zu?“, beschreibt ein Sprecher der Stiftung die Stimmung vor Ort. Gewisse Ängste seien bei Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzung normal. Das Krankheitsbild bringe es bei vielen Betroffenen mit sich, dass sie nicht mehr in der Lage seien, in der Zukunft liegende Chancen und Risiken abzuwägen. „Erfahrungsgemäß nehmen die Ängste sehr schnell ab, wenn die neue Situation Realität geworden ist“, teilt die Stiftung weiter mit.

Die Wohngruppe hat derzeit zwölf Bewohner, davon ziehen elf mit um. Gesehen haben sie ihr neues Zuhause bereits, sie haben die Räumlichkeiten mit ihren Angehörigen vorab besichtigt. Eine der Angehörigen, die sich mit dem Umzug ihres 28-jährigen Sohnes konfrontiert sieht, ist Martina Haasemann. Ihr Sohn Philipp lebt seit 2014 in Aulendorf, fühle sich in der ländlichen Struktur wohl, habe in der Stadt Kontakte geknüpft und wolle hier bleiben. Der bevorstehende Umzug belaste ihn sehr, beschreibt Haasemann.

Verschlechterung der Wohnsituation bemängelt

Sie, so schildert sie es der „Schwäbischen Zeitung“, sorgt sich darum, dass es ihrem Sohn in dem neuen Wohnhaus nicht gut gehen werde, weil er dort wie „eingesperrt“ sei: er könne wegen der viel befahrenen Straße, an der das neue Haus liegt, nicht alleine nach draußen, es gebe kein Grün wie den Park in Aulendorf, keine Möglichkeit, Kontakte zu „normalen Mitmenschen“ zu knüpfen. Zudem sei es mit erheblichem Aufwand verbunden, die künftig vom Wohnhaus getrennte Tagesförderstätte zu erreichen, das Pflegepersonal sei aber heute schon überlastet und unterbesetzt. Zudem klagt sie, dass der Umzug eine Verschlechterung ist, weil sich die Bewohner künftig ein Bad teilen müssen.

Bei der St.-Elisabeth-Stiftung kann man diese Bedenken nicht nachvollziehen. Beide Wohneinheiten, die für sechs und die für acht Personen, hätten eine große, begrünte Terrasse. „Dass es keinen Kontakt zu “normalen“ Menschen gibt stimmt nicht“, verteidigt sich die Stiftung. Die Mitarbeiter würden auch im neuen Gebäude dafür sorgen. Im Haus gebe es zudem eine Arztpraxis, dahinter das Elisabethenkrankenhaus mit seinen Besuchern. Richtig sei, dass es aufwändiger werde, von der Wohngruppe zur Tagesförderstätte – in der Casa Elisa (ehemaliges Kinderkrankenhaus) befindet sich auch eine Kita – zu kommen. Es gebe aber einen Fahrdienst für alle nicht mobilen Bewohner. „Von ,Ich arbeite nicht dort, wo ich schon wohne’ versprechen wir uns ja gerade mehr Kontakte“, teilt die Stiftung mit. Die geteilten Bäder seien größer und böten daher mehr Platz für die Versorgung pflegebedürftiger Bewohner. Zudem halte man alle Vorgaben des Landesheimbauverordnung ein. Das gelte auch für das Personal, das „eine gute Betreuung gewährleiste. „Natürlich würden wir uns wünschen, dass der Kostenträger mehr Mittel für mehr Stellen zur Verfügung stellt. Aber wir erfüllen alle gesetzlichen Vorgaben.“

Angehörige will Brief an Gesundheitsminister schreiben

Grundsätzlich weist die Stiftung auch darauf hin, dass „wir mit unseren Wohngruppen ausdrücklich ein Angebot machen – jeder kann frei entscheiden, ob er es annimmt oder nicht“. Ganz so frei klingt es indes nicht, wenn Martina Haasemann berichtet. „Wir haben uns Isny angeschaut, aber das ist zu groß“, da es keine andere Möglichkeit gebe, werde ihr Sohn gezwungener Maßen nach Ravensburg gehen, sagt sie und findet, dass für Menschen wie ihren Sohn zu wenig getan werde. „Ich will unserem Gesundheitsminister schreiben, dass er sich das anschaut, was mit unseren Leuten passiert“, sagt sie und hofft, dass die Politik künftig Rahmenbedingungen schafft, in denen ihr Sohn individueller gefördert wird und selbstbestimmter leben kann.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen