War früher wirklich alles besser?

Lesedauer: 7 Min
Claudia Buchmüller

Welche Werte von früher vermissen Sie oder auch nicht? Welche Werte sollten auch an künftige Generationen weitergeben und hochgehalten werden? Diskutieren Sie mit zum Thema schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an:

redaktion.waldsee@schwaebische.de.

Alle Texte zum Thema „Unsere Werte im Wandel der Zeit“ unter:

www.schwäbische.de/werte

Wie nehmen Aulendorfer Jugendliche und Senioren Werte wahr? Darüber hat die „Schwäbische Zeitung“ mit Vertretern beider Generationen gesprochen.

Das Ehepaar Kläre (Jahrgang 1939) und Beat Härle (Jahrgang 1937) aus Aulendorf hat drei eigene Kinder und ein Pflegekind ins Leben begleitet. Heute sind sie stolze Großeltern von fünf Enkeln. Auf die Frage, ob an der Behauptung, dass früher alles besser war, etwas dran ist, antwortet Kläre Härle kopfschüttelnd: „Natürlich war nicht alles besser, aber vieles war anders.“ Etwa in der Erziehung, wo heute manche Eltern der Meinung seien, dass hierfür Schule und Lehrer zuständig sind, führt sie aus. „Anstand zum Beispiel können Kinder doch nur durch das Vorbild der Eltern lernen, nicht erst im Kindergarten oder in der Schule“, äußert sie bestimmt. Es sei nicht notwendig, dass Kinder jedem die Hand geben, aber Höflichkeit in Form eines Grußes oder die Worte „Bitte“ und „Danke“ müsse das Elternhaus vermitteln. Passend zu dieser Aussage stürmen die Enkelkinder Lucie und Elly (neun Jahre) ins Zimmer, stutzen kurz weil die Großeltern nicht alleine sind und werfen dann ein fröhliches Hallo in den Raum. Es gäbe Regeln im Haus, die für alle, auch für die Enkelkinder gelten, wie etwa das Sitzenbleiben am Tisch während des Essens, betont die Großmutter und erklärt den Zwillingen liebevoll, dass sie unten spielen sollen, damit die Großen in Ruhe reden können. „Es gibt Flegel, aber es gibt auch noch junge Menschen, die Respekt vor dem Alter haben und im Zug ihren Sitzplatz zur Verfügung stellen“, freut sich die Seniorin, die diese positive Erfahrung erst kürzlich auf einer Reise machen durfte.

Beat Härle äußert sich zum Wertewandel aus Sicht seiner mehr als 35-jährigen Berufung als Diakon und stellt die Worte „Die Jugend ist unsere Zukunft“ in den Vordergrund. „Es freut mich ungemein, dass so viele junge Menschen sich zum Glauben bekennen, wie man beim jüngsten Ministrantentreffen in Rom sehen konnte“, bekräftigt er. Unzählige Tauf-, Ehevorbereitungs- und seelsorgerische Gespräche hätten ihm gezeigt, dass die christlichen Werte Glaube, Liebe und Hoffnung nie an Bedeutung verlieren. Die Erkenntnis, dass es immer schwieriger wird, junge Menschen zu erreichen und für einen Dienst in der Kirche zu begeistern, stimmt ihn traurig. „Glaube ja, Institution Kirche nein“, sei das, was junge Menschen ihm im Gespräch mitteilen würden. „Dennoch werden die zehn Gebote und die Bergpredigt immer ihre Berechtigung haben“, ist seine feste Überzeugung.

Der 16-jährige Nicolas Huchler bessert derzeit bei der Stadt Aulendorf mit einem Ferienjob sein Taschengeld auf und wird im neuen Schuljahr die zehnte Klasse der Realschule Aulendorf besuchen. Danach möchte er das Abitur in Angriff nehmen. Später kann er sich vorstellen, etwas mit Informatik zu machen. Auf die provokante Behauptung, dass den jungen Leuten von heute nachgesagt wird, dass sie keine Manieren und keinen Respekt mehr haben, erwidert er trocken: „Das ist nicht falsch, bei ganz vielen ist es doch so.“ Das würden seine Kumpels und er selbst oft genug fest stellen.

Respekt vor älteren Schülern

Als Beispiel nennt er: „Wir hatten früher vor den älteren Schülern echt noch Respekt. Heute pflaumen uns wildfremde jüngere Kids, sogar Grundschüler an und werfen mit den übelsten Ausdrücken um sich.“ Die Ursache sieht der selbstbewusste Jugendliche darin, dass viele Kinder kein richtiges Elternhaus mehr haben und „sich quasi selbst erziehen müssen“, wie er es ausdrückt. Grundtugenden könne man nur in der Familie lernen, wobei er hier besonders Geschwister mit einbezieht. Begriffe wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und Respekt seien wichtig, aber manche Erwachsene würden diese oft zu hoch hängen. Die Sache mit dem Respekt vor der älteren Generation sieht er kritisch. „Wenn ich respektiert werde, respektiere ich auch die Erwachsenen, das muss aber auf Gegenseitigkeit beruhen“.

Dies sei leider ganz oft nicht der Fall, beklagt Nicolas. In der Schule etwa gäbe es Lehrer, die einen gar nicht richtig wahrnehmen und nur den Stoff durchbringen wollten. „Ja, Schüler werden schon immer schlimmer und viele haben keinen Anstand mehr, “ gibt er freiweg zu. Ein klein wenig könne er sogar verstehen, dass Lehrer keinen Bock mehr haben, ergänzt er. Andererseits gäbe es Lehrer, die mit Freude unterrichten würden und bei den Schülern beliebt seien. „Die regen sich zwar manchmal über uns auf und schimpfen ganz ordentlich, aber dann ist wieder gut“, lobt der Realschüler das Miteinander.

Auf die Frage, was ihm im Leben besonders wichtig ist, antwortet Nicolas: „Freunde, Familie, Spaß haben und Glück, Glück vor allem auch für die Zukunft!“ Dann verabschiedet er sich mit Handschlag und bedankt sich höflich für das spendierte Eis.

Welche Werte von früher vermissen Sie oder auch nicht? Welche Werte sollten auch an künftige Generationen weitergeben und hochgehalten werden? Diskutieren Sie mit zum Thema schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an:

redaktion.waldsee@schwaebische.de.

Alle Texte zum Thema „Unsere Werte im Wandel der Zeit“ unter:

www.schwäbische.de/werte

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen