Trotz Corona: Entwicklungshelfer aus Zollenreute bleiben in Tansania

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Symbolischer Spatenstich für das neue Mensagebäude.
Symbolischer Spatenstich für das neue Mensagebäude. (Foto: Fotos: pr/Ahnert)

Das Safina Education Center entsteht mit der tansanischen Partnerorganisation Safina Street Network, die sich um Straßenjungen kümmert. Ahnerts selbst sind über die Organisation Christliche Fachkräfte International (CFI), einem staatlich anerkannten Entwicklungsdienst, vor Ort. Der christliche Glaube prägt ihre Arbeit und ist ihnen Auftrag und Stütze. (pau)

Thomas und Doris Ahnert sind weiterhin als Entwicklungshelfer in Tansania tätig. „Es geht uns den Umständen entsprechend gut“, sagt das Zollenreuter Ehepaar, das vor rund zweieinhalb Jahren mit zwei seiner Kinder nach Morogoro gegangen ist und dort auch in Corona-Zeiten weiter an einem Schul- und Ausbildungsinternat für ehemalige Straßenjungen arbeitet.

Neben erfreulichen Fortschritten – wie dem Spatenstich für den Bau einer Schulkantine –, berichten die beiden auch von einem Wechselbad der Gefühle in diesen Tagen der Unsicherheit.

„Ja, es war schon eine Überlegung, aber uns blieb keine große Wahl“, sagt Thomas Ahnert über den Gedanken, Tansania mit Ausbruch der Cornona-Pandemie zu verlassen. Sie hätten ganz zu Beginn eine sehr spontane Gelegenheit gehabt. „Aber wir haben auch eine Verantwortung unserer Schule und den Mitarbeitern gegenüber.“

2017 in das Entwicklungsprojekt eingestiegen

Als Ahnerts Ende 2017 auf dem Gelände etwas außerhalb der Stadt Morogoro ankamen, starteten sie bei beinahe null. Mittlerweile gibt es ein Schulgebäude, zwei Schülerwohnhostels und ein Erzieherhaus. Zuletzt wurden rund 15 Jugendliche und junge Männer, die beinahe alle als Jungen auf der Straße lebten, im Safina Eduction Center unterrichtet.

Die Arbeit auf dem zur Schule gehörenden Feld geht weiter.
Die Arbeit auf dem zur Schule gehörenden Feld geht weiter. (Foto: Fotos: pr/Ahnert)

Sie werden auf einen staatlichen Schulabschluss, vergleichbar etwa mit der Mittleren Reife, vorbereitet oder erhalten eine landwirtschaftliche Ausbildung samt schulischer Grundbildung. Ahnerts fanden einen Landwirtschaftslehrer, der sich um die Landwirtschaft auf dem Schulgelände kümmert und der mittlerweile auch Thomas Ahnert als stellvertretender Schulmanager zur Seite steht.

Rückflug nach Deutschland wurde storniert

Also blieben Ahnerts; Entschieden sich, nicht zu versuchen, in einen Rückholflug der Bundesregierung für Touristen zu kommen, auch, um die Kinder nicht aus dem Schuljahr zu reißen, und hatten dabei im Hinterkopf, dass sie Ende Juni ohnehin geplant nach Deutschland fliegen würden. Sie erlebten, wie der Flughafen geschlossen wurde und wie Botschaften anderer Länder ihre Entwicklungshelfer nach hause holten. Und sie arrangierten sich in der neuen Situation – auch als die internationale Schule ihrer Kinder schloss, die Kinder zuhause lernen sollten und noch unklar war, ob der Sohn seine bislang erbrachten Leistungen fürs Abitur auch ohne die diesjährigen Prüfungen angerechnet bekommt.

So soll das neue Mensagebäude einmal aussehen.
So soll das neue Mensagebäude einmal aussehen. (Foto: Fotos: pr/Ahnert)

Zumindest das ist geklärt: es klappt. „Heute morgen kam eine E-Mail, dass unser Flug storniert wurde, mit dem wir Ende des Monats nach Deutschland kommen wollten“, erzählt Thomas Ahnert. Damit ist unklar, ob ihr über die Sommerpause geplanter Deutschlandaufenthalt möglich sein wird. Doris Ahnert sagt, sie bete nun mehr, das helfe ihr, zur Ruhe zu kommen.

Kein Lock-down, wenig Veränderung im Straßenbild

„Wir sind dankbar, dass die Epidemie bislang nicht ganz so heftig ausgefallen ist, wie in anderen Ländern, aber genaue Zahlen weiß keiner hier“, berichten Ahnerts, die auch Swahili sprechen. Das letzte, was man so höre sei, dass sich die Situation in den Krankenhäusern etwas entspanne, aber es würden sie auch Nachrichten von immer noch außergewöhnlich vielen Beerdigungen in den umliegenden Dörfern erreichen. „Es gab hier auch nie einen totalen Lock-down.

Das normale tägliche Leben lief größtenteils weiter. Man hat dazu aufgerufen, nicht mehr so viel zu reisen. Manche tragen eine Maske, aber viele auch nicht. Im Straßenbild merkt man eigentlich keinen großen Unterschied“, beschreibt Thomas Ahnert und seine Frau ergänzt: „Das einzige was wirklich anders ist, ist dass vor jedem Laden ein Wassereimer steht, damit man Händewaschen soll. Das machen auch viele Leute.“

Ziel: Projekt in einheimische Hände übergeben

Vor Kurzem haben nun die staatlichen Schulen und Universitäten in Tansania wieder geöffnet, die zwischenzeitlich geschlossen worden waren. Auch das Safina Education Center musste Mitte März schließen, die Internatsschüler reisten größtenteils ab. Sie kehrten wie in den Schulferien zu Verwandten oder in die über das Land verstreuten Familienhäuser der Safina-Organisation zurück, in denen sie nach ihrem Leben auf der Straße aufgefangen wurden.

Dort gibt es auch ein Art Schulnotbetrieb; auch das Safina Education Center bei Morogoro hat seine Lehrer dafür entsandt. Geblieben sind indes vier junge Männer, die vormittags dem Landwirtschaftslehrer helfen. Denn die Bewirtschaftung von Feld und Garten muss weiter laufen. Auch Ahnerts, die in der nahen Stadt leben, sind regelmäßig zur Schule hinausgefahren. Thomas Ahnert nutzte die unerwartet gewonnene Zeit, um seinen Stellvertreter in ein paar weitere schulorganisatorische Dinge einzuarbeiten. Denn Ziel ihrer Arbeit ist, dass das Projekt eines nicht so fernen Tages in einheimischen Händen fortgeführt wird.

Spatenstich für Kantine und Schulküche

Ab Herbst soll zum Internat auch eine Kantine mit Schul- und Ausbildungsküche gehören, in der die Jungen alle gemeinsam werden essen können und die auch für den hauswirtschaftlichen Ausbildungszweig eine gewichtige Rolle spielen soll. Vergangenen Samstag fand der symbolische Spatenstich für das bisher größte Gebäude auf dem Gelände statt, 30 auf zehn bis 15 Metern wird es groß sein. „Das war ein richtiges Highlight“, sagt Thomas Ahnert und hat dabei die lange und nicht konfliktfreie Vorgeschichte im Kopf; galt es doch, unterschiedliche Vorstellungen, sinnvolle Wünsche und tatsächliche finanzielle Mittel zu einem Kompromiss zu führen und einen Bauunternehmer zu finden, der diesen auch umsetzen wird.

„Wir haben meines Erachtens einen gute Lösung gefunden“, sagt er; auch wenn der Bau kleiner ausfällt, als erhofft, die Kücheneinrichtung noch nicht mitgerechnet ist und weder Geld übrig ist für eine Solaranlage, die Strom für Licht und Kühlschrank liefern könnte, noch für befestigte Wege auf dem Gelände, das sich in der monatelangen Regenzeit recht gummistiefeltauglich zeigt. „Gott wird helfen, dass es auch für die anderen wichtigen Sachen noch eine Lösung geben wird“, ist Ahnert zuversichtlich.

SZ-Leser-Spenden in Tische und Stühle investiert

Noch ist unklar, wann die Internatsschüler zurückkehren. Ahnerts wollen die Entwicklung zunächst weiter beobachten. Eine Überraschung allerdings wird die jungen Männer dann erwarten. Mit Spendengeldern der Leser der „Schwäbischen Zeitung“ wurden ein Schlosser und ein Tischler beauftragt, sodass es in den Zimmern der Schüler künftig Tische und Stühle sowie für jeden ein eigenes Regal und ein abschließbares Fach geben wird.

Die neuen Schultische hat Thomas Ahnert schon vor der Werkstatt des Schlossers im Dorf besichtigt, sie werden in den kommenden T
Die neuen Schultische hat Thomas Ahnert schon vor der Werkstatt des Schlossers im Dorf besichtigt, sie werden in den kommenden Tagen ins Internat geliefert. (Foto: Fotos: pr/Ahnert)

„Damit bekommen auch die Leute vor Ort einen Bezug zu unserer Schule“, erklären Ahnerts einen positiven Nebeneffekt, „die Tansanier sind sehr zurückhaltend mit Aufträgen gerade, der Schlosser war sehr froh über unseren Auftrag“. Auch Putzschränke und ein Medienschrank, um im Klassenzimmer mal ein Film zeigen zu können oder am Wochenende ein Fußballspiel, sollen noch kommen. „Wir sind sehr dankbar für dieses zusätzliche Geld“, sagt Doris Ahnert, „wir freuen uns schon darauf, wenn die Schüler zurückkommen und das sehen, das wird sie sehr freuen“.

Und auch Ahnerts werden im neuen Schuljahr wohl wieder da sein, auch wenn ihr Vertrag eigentlich Ende Juli nach drei Jahren ausläuft: „Wir haben vor, noch ein Jahr zu verlängern.“

Das Safina Education Center entsteht mit der tansanischen Partnerorganisation Safina Street Network, die sich um Straßenjungen kümmert. Ahnerts selbst sind über die Organisation Christliche Fachkräfte International (CFI), einem staatlich anerkannten Entwicklungsdienst, vor Ort. Der christliche Glaube prägt ihre Arbeit und ist ihnen Auftrag und Stütze. (pau)

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