Siebtklässler lernen einiges über Flucht, Asyl und Migration

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Flüchtlingssozialarbeiterin Selina Buchs diskutiert mit den Werkrealschülern der Schule am Schlosspark über Flucht- und Asylgrü
(Foto: Stumm)
Paulina Stumm

Warum fliehen Menschen aus China? Gibt es unter den Asylbewerbern auch welche, die nicht so nett sind? Können wir mal in das Flüchtlingshaus gehen? – Alle drei Fragen stammen von Siebtklässlern der Werkrealschule der Schule am Schlosspark in Aulendorf. Gestellt haben sie die Schüler im Rahmen des vom Europäischen Sozialfonds geförderten Projekts „Asyl, Flucht, Migration“. 14 Wochen lang setzen sie sich immer donnerstag-nachmittags zwei Schulstunden lang mit diesen Themen auseinander.

„Empathie kann man nicht konsumieren, das muss man erleben“, sagt Frank Rotte, Klassenlehrer der Siebtklässler, und hofft, dass das Projekt seiner Klasse dabei hilft. Denn während andernorts noch über eine sich wandelnde Gesellschaft diskutiert wird , ist das multikulturelle Deutschland im Klassenzimmer längst angekommen. Unter den 27 Schülern sind einige mit Migrationshintergrund, auch Kinder, die selbst als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. An diesem Donnerstagnachmittag hat Jugendsozialarbeiter Marco Eckle, der das Projekt über das CJD Bodensee-Oberschwaben an die Schule gebracht hat und leitet, Selina Buchs von der Caritas Bodensee-Oberschwaben eingeladen. Sie kümmert sich in Aulendorf um die Flüchtlingssozialarbeit und koordiniert den Helferkreis. „Aktuell betreue ich Flüchtlinge aus China, Sri Lanka, Georgien, Kosovo, Syrien und Afghanistan“, berichtet sie den Jugendlichen, mit denen sie im Klassenzimmer im Stuhlkreis sitzt. Und die sind ganz bei der Sache, hören aufmerksam zu, etwa als Buchs davon erzählt, wie sie sich mit den Menschen unterhält. „Mit manchen spreche ich Englisch. Manche sind schon ein Jahr da und können Deutsch. Zum Glück hatte ich in der Schule auch Französisch. Mit dem Paar aus Sri Lanka verständige ich mich mit Händen und Füßen – oder mit dem Google-Translator.“

Und Buchs beantwortet die Fragen der Siebtklässler. Erklärt, dass es ökologische Gründe sind, wegen derer Menschen aus China fliehen, dass, wer sich für die Flüchtlingsunterkunft interessiere, ja mal vorbeigehen, klopfen und fragen könne, wie es den Bewohnern geht. „Aggressivität habe ich dort nicht mitbekommen. Ich habe eher das Problem, dass mich alle noch zu einem Tee einladen wollen“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Dann werden die Schüler selbst aktiv. Gegenseitig lesen sie einander kurze Geschichten von Flüchtlingen vor, sprechen über Fluchtgründe. Die Siebtklässler sind interessiert. Ungläubig fragt eine Schülerin nach, als die Geschichte einer Frau vorgelesen wird, die im Gefängnis geschlagen wurde. „Ist das denn nicht Körperverletzung?“

Differenziertes Bild

„Es ist ein Thema, das schnell in eine Richtung Stimmung macht“, sagt Sozialarbeiter Marco Eckle. „Wir wollen die Schüler anregen, sich ein eigenes, differenziertes Bild über diese Gesellschaft im Umbruch zu machen. Sie sollen sich konzentriert und über einen längeren Zeitraum mit diesem Thema beschäftigen.“ In den nächsten Monaten kommen daher noch andere Referenten zu Gast, etwa vom Friedrichshafener Verein „Globales Klassenzimmer“ oder vom Waldseer Verein „Global“. Neben der Auseinandersetzung mit Fluchtgründen lernen die Schüler dann auch den Amtsweg eines Asylverfahrens kennen. Vorgesehen sei auch, so Eckle, verschiedene Aspekte eines Kriegsgeschehens der Welt gemeinsam zu beleuchten. In einem Rollenspiel will er die Schüler zudem Gefühle wie Ausgrenzung und Zurückweisung szenisch darstellen lassen.

In einer der vorigen Stunden haben die Siebtklässler aufgeschrieben, welche Gegenstände sie einpacken würden, wenn sie in einer halben Stunde Zeit nach Marokko fliehen würden. Auf dem weißen Din-A3-Papier steht: Pass, Geld, Gaspistole, Malariatabletten. „Was glaubt ihr, welches Bedürfnis steht hinter den Gegenständen?“, will Eckle nun von den Schülern wissen. Und die brauchen nicht lange, um herauszufinden, dass es eigentlich stets um Sicherheit geht. „Verteidigen“, fällt da, „über die Grenze kommen“ und „damit wir was kaufen können und nicht verhungern und verdursten“.

Wie wichtig es ist, dass gerade Jugendliche mit dem Thema „Flucht, Asyl, Migration“ nicht alleine gelassen werden, zeigt sich auch in den vielen Fragen, die die Schüler dazu stellen. „Was mich überrascht, ist, dass die Schüler betroffen sind“, sagt Klassenlehrer Rotte, „es ist echtes Interesse da.“

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