Schuhhaus Weber-Henkel wird 100 Jahre alt

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Jubiläumsfeierlichkeiten

Gefeiert wird das Schuhhaus-Jubiläum beim verkaufsoffenen Sonntag, 26. Mai, mit Rahmenprogramm, angefangen mit einem kleinen Sektempfang zwischen 13 und 14 Uhr, einer Cocktailbar ab 14 Uhr, deren Gewinn Kellinger an ein Entwicklungshilfeprojekt in Tansania spenden will, Fußreflexzonenmassagen, um 15 Uhr gibt es die Verlosung eines Preisausschreibens und um 16 Uhr einen Gesangsauflauf zum Mitsingen.

Der Gebrauchsgegenstand Schuh – im Alltag wenig beachtet, ist er doch steter Begleiter am Fuß. Für Silvia Kellinger vom Schuhhaus Weber-Henkel ist er noch ein bisschen mehr. Denn Kellinger ist nicht nur Ladeninhaberin, sondern auch Enkelin des Schuhmachermeisters Hans Henkel, der vor 100 Jahren den Schuhladen in der Kolpingstraße eröffnete; 100 Jahre in denen sich nicht nur Laden-, sondern auch Familien- und Gesellschaftsgeschichte spiegeln.

Der Raum im Wohnhaus der Familie, in den Silvia Kellinger fürs Pressegespräch führt, liegt hinter dem eigentlichen Laden. Es ist ein mehr praktischer als schmucker Raum mit großer Küchenzeile, Tisch und Eckbank – nicht ganz der Wohnung zugehörig, die sich im oberen Geschoss befindet, aber auch nicht mehr ganz im Geschäft. Ein Zwischenraum quasi, in dem sich, so erzählt Kellinger, ein Großteil des Familienlebens abspielt und abgespielt hat, etwa als die drei Kinder noch zur Schule gingen und sie den Drahtseilakt zwischen Muttersein und Berufstätigkeit ausbalancierte.

Auf der Eckbank steht an diesem Tag ein Bilderrahmen, hinter dessen Glas sich vergrößerte Schwarzweißkopien von Geschäftsanzeigen sammeln. Zwischen der ältesten Anzeige und diesem Maitag 2019 liegen ziemlich genau 100 Jahre; es ist die in Frakturschrift gedruckte Annonce von Kellingers Großvater Hans Henkel, die dieser zur Eröffnung seiner „Maßschuhmacherei und Reparaturwerkstätte“ am 2. Juni 1919 im Aulendorfer Tagblatt schaltete. Im Bilderrahmen daneben: eine alte Fotografie; Hans Henkel lehnt freudig lachend und locker an einem Baum – daneben seine Frau Maria, im Hintergrund die fünf Töchter. Das ist er also, der Mann, der für die Familien- und Schuhhausgeschichte so wichtig ist; dem es nach harten Anfangsjahren in der Nachkriegszeit gelang, in Aulendorf Fuß zu fassen – nicht nur geschäftlich und familiär, sondern auch gesellschaftlich in Vereinsvorständen oder als Obermeister der Schuhmacherinnung des Oberamts Waldsee. Und der im weiteren Verlauf der Geschichte als Kritiker des Nationalsozialismus seine öffentlichen Ämter, aber auch manche Freunde und Kunden wieder verlor. Damals, so erzählt es Kellinger, sei in Aulendorf der Satz kursiert „Wer vom Nationalsozialismus überzeugt ist, kann nicht im Schuhhaus Henkel kaufen.“ In den Zweiten Weltkrieg musste Hans Henkel trotzdem ziehen, und danach sein Geschäft wieder aufbauen. Daneben war er Gründungsmitglied der CDU, Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins, des Kneippvereins, des Kur- und Verkehrsvereins, aber auch Vorsitzender der Stadtkapelle Aulendorf. 1958 starb Hans Henkel, der in den Erzählungen zur Familien- und Ladengeschichte so präsent ist, dass die Frauen fast ein wenig aus dem Blick geraten. Dabei spielen sie für den Fortbestand des Schuhladens die entscheidende Rolle.

„Meine Mutter hat einen sehr verschuldeten Laden übernommen und sich zwei Jahre lang von Kartoffeln und Karotten ernährt, um ihn wieder ins Laufen zu bekommen“, erzählt Silvia Kellinger über ihre Mutter Brigitte, eine der fünf Henkel-Töchter. Unterstützung bekam sie nach der Hochzeit von ihrem Mann, Hans Weber, der die Buchführung übernahm. „Im Laden vorne hatte mein Vater, wie heute mein Mann auch, nichts zu tun“, sagt Kellinger, die die Leitung des Schuhhauses Weber-Henkel 2004 von der Mutter übernahm.

Lehre in Ravensburg

Ganz so vorgezeichnet, wie er klingt, war Silvia Kellingers Weg in den Schuhladen allerdings nicht: Als Jugendliche zieht es sie eigentlich fort aus Aulendorf. Sie macht eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau in einem Schuhhaus in Ravensburg. Als ihr Vater stirbt, ist sie 17 Jahre alt. Sie habe als Einzelkind die Mutter nicht alleinelassen wollen, sagt Kellinger heute dazu, weshalb auf die Sehnsucht nach der Großstadt seinerzeit kein Auszug in die weite Welt folgte. Stattdessen geht sie damals für ein vierteljährliches Praktikum in eine Tuttlinger Schuhfabrik und durchläuft alle Abläufe der Schuhproduktion. „Hinterher wusste ich sicher, dass ich doch furchtbar gerne im Verkauf bin und mit Menschen zu tun habe“, erinnert sie sich. Sie steigt im Familienbetrieb ein und findet in Aulendorf ihr berufliches, privates und familiäres Lebensglück.

Den kleinen Schuhladen in einer Nebenstraße zu erhalten, ist dabei auch ob der Konkurrenz aus dem Internet in der heutigen Zeit eine neue Herausforderung geworden. Vom Wetter abhängig sei man mit einem Schuhladen aber schon eh und je, sagt Kellinger und gibt doch zu, mitunter auch daran gedacht zu haben, den Laden zu schließen. „Meine Mutter hat immer gesagt: Das wird schon wieder, der da oben wird uns schon weiterhelfen.“ Eine Gelassenheit und ein tiefes Gottvertrauen, das auch Kellinger trägt.

Angefangen hat das Schuhhaus mit einer überschaubaren Auswahl, Damen- und Herrenschuhe in Braun und Schwarz, vermutet Kellinger. Wenn sie heute den Blick über die Regale wandern lässt, sieht es deutlich bunter aus und vielfältiger. Für die Zukunft des lokalen Schuhhandels wagt sie eine Prognose: „Es wird eine Spezialisierung geben müssen“, sagt sie, ohne für ihren eigenen Laden konkret zu werden. Auch das Thema Nachfolge und Geschäftsübergabe sieht die 58-Jährige derzeit nicht. „Es gibt keine Überlegungen.“ Ihre Kinder sollen frei über ihre Berufswege entscheiden. Wohl auch deshalb will sie die Wahl des einen Sohnes zwar als Augenzwinkern des Lebens, nicht aber als Schicksalsfügung verstanden wissen: Er hat in diesem Jahr, just 100 Jahre nach seinem Urgroßvater, seinen Meister gemacht – als Orthopädieschuhmacher.

Jubiläumsfeierlichkeiten

Gefeiert wird das Schuhhaus-Jubiläum beim verkaufsoffenen Sonntag, 26. Mai, mit Rahmenprogramm, angefangen mit einem kleinen Sektempfang zwischen 13 und 14 Uhr, einer Cocktailbar ab 14 Uhr, deren Gewinn Kellinger an ein Entwicklungshilfeprojekt in Tansania spenden will, Fußreflexzonenmassagen, um 15 Uhr gibt es die Verlosung eines Preisausschreibens und um 16 Uhr einen Gesangsauflauf zum Mitsingen.

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