Premiere des Marienlandprojekts

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 Marienland-Premiere: Lore Kipphan, die Moderatorin Annette Maria Rieger, Dorothea Schrade Hannelore Nussbaum und Marlies Grötzi
Marienland-Premiere: Lore Kipphan, die Moderatorin Annette Maria Rieger, Dorothea Schrade Hannelore Nussbaum und Marlies Grötzinger (von links). (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Mitte des vergangenen Jahres hat das Büro für Regionalkultur in Bad Schussenried Frauen mit Lust am Verfassen eigener Gedichte und Erzählungen zur Teilnahme an dem Projekt „ Frauen.Land.Oberschwaben. Die 3 Marien“ eingeladen. In der Folge setzten sich 17 schreibende Frauen, kompetent begleitet von der Autorin und Schauspielerin Dietlinde Elsässer, mit ihren Werken auseinander und fassten Ideen und Mut zu weiterer schriftstellerischer Tätigkeit.

Bei der ersten von insgesamt vier Veranstaltungen traten Marlies Grötzinger, Hannelore Nussbaum, Lore Kipphan und Dorothee Schrade ans Mikrofon, um sich und Beispiele ihres Schreibens vorzustellen. Dass der erste von vier literarischen „Marien“-Zirkeln so viele Besucher anziehen würde, hätte sich Moderatorin Annette Maria Rieger nicht träumen lassen: Der geräumige Rittersaal des Hotel Rad platzte schier aus allen Nähten. In ihrer Begrüßung enträtselte sie die Begriffe „ Marienland“ und „die drei Marien“, die im Zusammenhang mit dem Schreibprojekt immer wieder fallen.

Nein, sie hätten keinesfalls eine religiöse Bedeutung, sondern stünden für drei herausragende Dichterinnen aus dem Raum Oberschwaben, die den Vornamen Maria trugen: Maria Menz, Maria Müller-Gögler, und Maria Beig. Deren Verdienst: In einer von Männern dominierten Literaturszene hatten sie sich als Frauen einen Namen „erschrieben“. Welche schriftstellerischen Talente weiblichen Geschlechts sich auch heute in unserer Region befinden, bewiesen vier Frauen, die sich mit Beispielen aus ihrer Schreibwerkstatt dem Publikum vorstellten.

Marlies Grötzinger aus Burgrieden trat als erste ans Lesepult und nahm das Publikum mit auf einen geschichtlichen Rückblick bezüglich der Situation und Wertschätzung schreibender Frauen. Süddeutschland sei mit Dichtern schon immer gut bestückt gewesen. „Doch wo bleiben die Dichterinnen?“ lautete die Frage. Nach ihren Recherchen wurde das älteste Gedicht im deutschen Sprachraum, „Ich bin din, du bist min“, um 1180 von einer Nonne verfasst, doch statt des Hinweises auf eine Frau als Urheberin des Textes erscheine der Ausdruck „Anonymus“ – unbekannt – in der Literaturgeschichte.

Erst im 19. Jahrhundert hätten sich die Dichterinnen „aufgemanndelt“ sprich bemerkbar gemacht. Doch selbst im 20. Jahrhundert bedurfte es eines Mannes, des Schriftstellers Martin Walser, um die Poetik und Ausdruckskraft der „drei Marien“ bekannt zu machen.

Hannelore Nussbaum, Schriftstellerin aus Bad Schussenried, hat sich die Freundschaft von Maria Menz erworben und die Verfasserin von über 900 meist geistlich geprägter Gedichte in dem Buch „Die offene Tür“ gewürdigt. Klar, dass sich ihr Beitrag am Mikrofon hauptsächlich um die von Martin Walser so geschätzte Literatin drehte. Eine „geniale Denkerin“ sei sie gewesen, ernst, gradlinig, unverbiegbar und auf eine bestimmte Art distanziert. So habe es trotz herzlicher Verbindung nie zu dem vertrauten Du gereicht. Lore Kipphan aus Opfenbach griff für die Lesung in ihre Sammlung schwäbischer Gedichte und Sprüche. Darin beleuchtete sie die Situation von Frauen in Oberschwaben, wie sie sich zum Teil bis heute darstellt. Ihre Stärke: Knappheit, Prägnanz, ein Schuss Ironie und eine gute Prise Humor. Waren Frauen und Mädchen früher Geburtsmaschinen, Aschenputtel oder kapriziöse Schneewittchen, so wird heute von ihnen erwartet, „se sollet allaweil de Starke sei - aber nia dr Boss“. Und man erfuhr – vermutlich aus männlicher Sicht: „Starke Fraua send it emmer de nett‘schte.“ Dazu passte auch das chauvimäßige Kompliment für eine Kollegin, die ihre Haare nicht länger färbte: „So wie du aussiehscht, sottescht scho Rente kriaga.“ Den vierten und letzten Teil der Lesungen bestritt die Leutkircher Malerin Dorothea Schrade mit einer Premiere.

Aus ihrer soeben fertiggestellten Biografie „Oh Fortuna, du Luder“ wählte sie ein Kapitel, das ihren Lebensabschnitt auf dem bodenseenahen Schienerberg beschrieb. Dies gelang ihr so lebendig und witzig, dass sich große Lust auf weitere „G‘schichten“ aus ihrem Leben breitmachte. Herzlicher Applaus war der Dank des Publikums an die Organisatorinnen und Mitwirkenden des informativen wie unterhaltsamen Nachmittags, der von der Sängerin Fiona Skuppin an der Gitarre eindrucksvoll umrahmt wurde. Am 2. Februar findet die vierteilige Veranstaltungsreihe ihre Fortsetzung in der „Alten Mühle“ in Burgweiler.

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