Patres sollen Jungen missbraucht haben

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Seit Wochen werden fast täglich neue Missbrauchsvorwürfe in katholischen Einrichtungen bekannt: Am Studienkolleg St. Johann soll
Seit Wochen werden fast täglich neue Missbrauchsvorwürfe in katholischen Einrichtungen bekannt: Am Studienkolleg St. Johann soll
Schwäbische Zeitung

Ordensbrüder sollen in den 60er und 70er Jahren Schüler des Studienkollegs St. Johann sexuell missbraucht haben. Dies hat gestern Pater Bernd Werle mitgeteilt, das Oberhaupt der deutschen Steyler Missionare. Der katholische Orden hat das Studienkolleg in Blönried bis 2008 betrieben.

Von unserer Redakteurin  Stefanie Järkel

Die Missbrauchsfälle sollen in den 60er und 70er Jahren stattgefunden haben. Laut Werle sind die drei Täter mittlerweile gestorben. Keines der Opfer ist ihm namentlich bekannt. Werle ist diese Woche nach Blönried gekommen, um auch Schulleiter Klaus Schneiderhan zu informieren. Dies ist gestern Morgen geschehen.

Werle hat nach eigenen Angaben am 4. Februar eine E-Mail von einem ehemaligen Schüler des Studienkollegs erhalten. Der Mann hat Anfang der 60er-Jahre das damalige Internat besucht. „Er wies mich darauf hin, dass es seines Wissens nach bei den Steylern in Blönried Vorfälle von sexuellem Missbrauch gegeben hat“, sagt Werle. „Er hat keine Namen gesagt.“

Werle forscht nach. Bereits am 5. Februar verdächtigt er drei mutmaßliche Täter. Ein Mann soll in den 60er-Jahren einen oder mehrere Jungen missbraucht haben, ein Mann soll dies 1971 getan haben und einer um das Jahr 1974. Dabei stellte sich auch heraus, dass alle drei mutmaßlichen Täter bereits tot sind. In dem Fall Mitte der 70er Jahre soll es auch ein Gerichtsurteil des Amtsgerichts Ravensburg gegeben haben. Die Eltern eines Schülers hatten einen Ordensbruder wegen eines sexuellen Übergriffs angezeigt. „Der Bruder wurde rechtskräftig verurteil“, sagt Werle. Dies war im September 1975.

Bischof am Montag informiert

„Daraufhin habe ich Pater Devis beauftragt, hier in den Akten in Blönried gezielt zu suchen, um die anderen Verdachtsmomente zu erhärten“, sagt Werle. Schulleiter Klaus Schneiderhan habe er informiert, dass er Nachforschungen anstellen lasse. Zudem habe er aber auch mit ehemaligen Blönrieder Oberen im Missionshaus in St. Wendel gesprochen. Seit Ende vergangener Woche ist er sich auch bei den anderen beiden Verdächtigen sicher. Am Montag hat er den Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit einem Brief über die Ergebnisse seiner Untersuchungen informiert.

Über die Art des mutmaßlichen Missbrauchs am Studienkolleg sagt Werle: „Es waren keine Vergewaltigungen – es ging eher um sexuelle Spielereien.“ Doch weil sie mit Minderjährigen geschahen, seien sie verletzend und zerstörerisch gewesen. „Es hat keine sadistischen Übergriffe gegeben“, sagt der 54-Jährige.

Alle drei Ordensbrüder aus Blönried wurden versetzt, nachdem die Vorfälle bekannt geworden waren. Der mutmaßliche Täter aus den 60ern kam ins Mutterhaus nach Steyl in den Niederlanden. Der mutmaßliche Täter aus dem Jahr 1971 wurde nach Tirschenreuth in der Oberpfalz ins Kloster versetzt. Der verurteilte Täter von 1975 kam ins Presseapostolat nach Nettetal in Nordrhein-Westfalen.. Üblich war es, die Täter an Orte zu versetzen, wo sie nicht mehr mit Jugendlichen und Kindern in Kontakt kamen. „Meine Nachforschungen haben ergeben, dass es dort zu keinen Vorfällen mehr kam“, sagt Werle. „Aber die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.“

Dem ehemaligen Schüler, der ihm die E-Mail geschickt hat, hat Werle geschrieben, wie er reagiert hat und was er hat prüfen lassen. Der Mann soll nicht selbst missbraucht worden sein. Zudem hat Werle seine Nachforschungen auf die elf Niederlassungen in Deutschland ausgeweitet. „Ich will alles über Missbrauch von Steyler Missionaren wissen, egal wo.“ Am Montag habe sich nun ein ehemaliges Opfer bei ihm gemeldet, keines aus Blönried. „Die Person hat mir mitgeteilt, dass sie Anfang der 60er-Jahre sexuell missbraucht worden ist.“ Gestern Morgen hat sich ein zweites Opfer aus derselben Einrichtung und derselben Zeit gemeldet. Um welches Haus es sich handelt, wollte Werle gestern nicht sagen. „Es ist höchstwahrscheinlich der gleiche Täter, der auch tot ist.“

Bei der Polizei hat sich Werle nicht gemeldet. „Ich habe keine Opfer und keine Täter.“ Wenn er ein Opfer kennen würde und das Anzeige erstatten wolle, würde er ihren Beauftragten für sexuellen Missbrauch einschalten, einen Psychotherapeuten aus Bamberg. „Ich darf als Ordensoberer wegen Verdunkelungsgefahr nicht mehr eingebunden sein in die Prozesse.“

Über 1981 hinaus hat Werle nach eigener Aussage keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei den Steylern. „Das hängt aber höchstwahrscheinlich damit zusammen, dass wir ab Ende der 70er-Jahre unsere Internate aufgegeben haben.“ Über Opferzahlen kann Werle in Blönried nichts sagen. „Jeder Opferkontakt wäre mir wichtig, um dieses Kapitel unserer Geschichte aufzuarbeiten.“

Der Pater sagt: „Ich bin entsetzt und tief betroffen.“ Er sei auch Schüler der Steyler Missionare gewesen. Er wisse auch durch andere Opfer, welch starke Verletzungen ein Missbrauch zufügen und wie es die Biographie beeinflussen könne. „Ich erlebe aber auch, wie durch einen offenen Umgang mit den Opfern eine Versöhnung mit ihrer Lebensgeschichte möglich ist“, sagt Werle.

Schulleiter Klaus Schneiderhan zeigt sich gestern schockiert: „Es ist ein scheußliches Verbrechen.“ Wichtig sei, dass die Sachen geklärt werden würden, dass man aus dieser Situation lerne. Werle hat gestern bereits den Elternbeirat informiert, der zufällig eine Sitzung hatte. Schneiderhan möchte heute ebenfalls die Eltern informieren. Der Schulleiter sagte gestern: „Ich muss das jetzt auch erst einmal verarbeiten.“

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