Gewerkschaft fordert mehr Zeit für Schüler

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 Fordern mehr Zeit für Schüler (von links): Martina Jenter-Zimmermann, Bezirksvorsitzende der GEW Südwürttemberg, Thomas Reck,
Fordern mehr Zeit für Schüler (von links): Martina Jenter-Zimmermann, Bezirksvorsitzende der GEW Südwürttemberg, Thomas Reck, Sprecher des GEW-Kreisverbands Ravensburg/Bodenseekreis, und Doro Moritz, Landesvorsitzende der GEW. (Foto: Paulina Stumm)

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist die Bildungsgewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund. Sie ist eigenen Angaben zufolge die größte Interessenorganisation im Bildungswesen und hat in Baden-Württemberg derzeit 50 000 Mitglieder. Die GEW will die Interessen aller im Bildungsbereich Beschäftigten vertreten: Lehrer an allgemein bildenden und beruflichen Schulen, an staatlichen, privaten und kirchlichen Schulen, Erzieher, Beschäftigte an Hochschulen, in der Jugendhilfe, im Weiterbildungsbereich, in der Schulverwaltung und der Lehrerbildung, Studierende und Arbeitssuchende. Sie setzt sich auf politischer Ebene für bessere Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder und eine gute finanzielle Ausstattung im Bildungsbereich ein. (sz)

Rund 70 Vertrauensleute und Personalräte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind am vergangenen Montag in Aulendorf zu einer Konferenz zusammengekommen. Zentrales Thema, so berichtet GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz im Pressegespräch, sei gewesen, dass „für die Unterstützung, die Schüler bräuchten, nicht genug Zeit da ist“. Das hätte Teilnehmer aus verschiedenen Schularten beschäftigt.

Inklusion, Integration, spezielle Förderbedarfe und immer größere Leistungsunterschiede innerhalb einer Klasse – die Liste mit Herausforderungen für Lehrer und Erzieher im heutigen Bildungssystem ist lang. Einiges davon wurde auch im Hofgartensaal in Aulendorf von den Teilnehmern der GEW-Konferenz angesprochen. Die Frage, wie Schüler mit sehr unterschiedlichen Leistungen ihren Bedürfnissen entsprechend speziell gefördert werden können, wie sich etwa eine gute Sprachförderung umsetzen lässt, komme in allen Schularten auf, berichtet Moritz. Vor allem die Grundschulen in Baden-Württemberg beschäftige das Thema stark, denn dort stünden im deutschlandweiten Vergleich die wenigsten Lehrer pro Schüler zur Verfügung. „Die Grundschulen sind die einzigen, die keine Förderstunden bekommen“, klagt die GEW-Landesvorsitzende.

Förderbedarf steigt

Was das konkret bedeutet, macht Thomas Reck, Sprecher des GEW-Kreisverbands Ravensburg/Bodenseekreis, deutlich. Reck leitet selbst eine Grundschule in Wilhelmsdorf und beschreibt, dass etwa Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund im Rahmen des regulären Unterrichts geschehen müsse. Eine Aufgabe, vor der einige Grundschulen stehen dürften, auch in Aulendorf, wo im Schuljahr 2016/2017 mehr als 40 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund hatten, wie aus einer Stellungsnahme des Kultusministeriums hervorgeht. „Tatsache ist, dass wir mittlerweile sehr viele Kinder mit speziellem Förderbedarf haben“, sagt Moritz und hat dabei nicht nur die fehlenden Sprachkenntnisse von Kindern mit Migrationshintergrund im Blick, sondern auch Kinder, die sich schwer konzentrieren können oder sehr unselbstständig sind.

In der Praxis werde versucht, mit guter Vorbereitung und Planung einen Unterricht zu gestalten, der schwächeren und stärkeren Schülern gerecht wird. Dazu, wie gut das funktioniert, sagt Reck: „Man kann nicht in gleichem Maße allen gerecht werden, wenn immer mehr in einer Klasse geleistet werden muss und nicht mehr Zeit im Sinne von Lehrerstunden bereitgestellt wird.“ Deshalb brauche er Förderstunden, die ihm verlässlich jedes Jahr zur Verfügung stünden und die Möglichkeit böten, mit nur wenigen Schülern in einer Kleingruppe zu arbeiten.

Schwache Schüler leiden

Dass es vor allem die stärkeren Kinder seien, die ausgebremst würden, weil ihre Lehrer immer mehr mit der Förderung schwächerer Schüler beschäftigt seien, will Reck so nicht stehen lassen: „Es leidet letztlich das gesamte System.“ Soll heißen: Der Unterricht wird insgesamt schlechter. Nicht zuletzt, da es aus Sicht der GEW-Vertreter noch einen weiteren Punkt gibt, der den Unterricht schwieriger macht. Immer weniger Kinder, so Moritz, würden keinen Religionsunterricht besuchen, die Grundschule könne die Kinder dann aber nicht einfach nach Hause schicken. Sie müsse sie auch in diesen Schulstunden beaufsichtigen, obwohl dafür gar keine Lehrerstunden zur Verfügung stünden. Also würden die Schüler auf andere Klassen verteilt. Auch deshalb spricht sich die GEW für ein verpflichtendes Fach Ethik an der Grundschule aus.

Einig sind sich die GEW-Landesvorsitzende, Kreissprecher Reck und die Bezirksvorsitzende der GEW Südwürttemberg, Martina Jenter-Zimmermann, darin, dass es gerade die schwächeren Schüler seien, die letztlich „den Kürzeren“ ziehen würden. „Die Kinder, die keinen zusätzlichen Unterricht bekommen können, leiden unter den Zuständen am meisten“, glaubt Jenter-Zimmermann. Abhilfe könnten mehr Förderstunden schaffen, für die es aber auch mehr Lehrern bedürfe. Die GEW hat der Landesregierung deshalb Vorschläge unterbreitet, wie dem Lehrkräftemangel begegnet werden könnte. Ein Punkt davon: mehr Lehrer ausbilden. „Wenn die Politik jetzt nicht bereit ist, mehr Studienplätze zu bezahlen, fehlen uns später die Lehrer“, so Moritz.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist die Bildungsgewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund. Sie ist eigenen Angaben zufolge die größte Interessenorganisation im Bildungswesen und hat in Baden-Württemberg derzeit 50 000 Mitglieder. Die GEW will die Interessen aller im Bildungsbereich Beschäftigten vertreten: Lehrer an allgemein bildenden und beruflichen Schulen, an staatlichen, privaten und kirchlichen Schulen, Erzieher, Beschäftigte an Hochschulen, in der Jugendhilfe, im Weiterbildungsbereich, in der Schulverwaltung und der Lehrerbildung, Studierende und Arbeitssuchende. Sie setzt sich auf politischer Ebene für bessere Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder und eine gute finanzielle Ausstattung im Bildungsbereich ein. (sz)

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