Geburtshilfe auf dem Stundenplan

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Geburtshilfe an der Plastikkuh
Schwäbische Zeitung

Das Landwirtschaftliche Zentrum Baden-Württemberg (LAZBW) mit Sitz in Aulendorf hat eine neue Kuh. Das alleine wäre wohl keine Nachricht, aber diese Kuh ist etwas Besonderes: Sie ist die Einzige ihrer Art, und in ihrem Inneren liegt ein Kalb aus Gummi. Denn die neue Kuh ist selbst aus Plastik und ein Geburtssimulator. Das LAZBW will Landwirte daran in Sachen Geburtshilfe aus- und weiterbilden. Günstig war die lebensechte Modellkuh samt zwei Gummikälbern dabei nicht. Rund 35000Euro hat die Spezialanfertigung aus Kanada gekostet.

Wenn eine Kuh ein Kalb bekommt, schafft sie das in 75Prozent aller Fälle alleine. Manchmal aber benötigt sie Hilfe. Wie sie Geburtshilfe bei Kühen leisten können, das üben drei Auszubildende und eine Praktikantin des LAZBW beim Pressetermin mit der neuen Plastikkuh.

Was auf den ersten Blick wie eine Deko-Kuh aussieht, entpuppt sich als ausgefeiltes Lernmodell. So lässt sich etwa der Rücken der Kuh abnehmen und ins Innere blicken. Dort kommt ein Plastiksack zum Vorschein, der die Gebärmutter simuliert. Darin liegt – mit Gel als Fruchtwasserersatz eingerieben – ein Gummi-Kalb. Der Sack führt durch das Becken aus Hartplastik und endet am silikonenen Schambereich der Kuh. Verschieden stark aufblasbare Luftkissen stellen die Organe der Kuh dar – entsprechend wenig Platz ist im Inneren der Kuh für ein realistisches Übungsszenario auch vorhanden.

Zum Einstieg üben die Teilnehmer eine normale Geburt

Für die weiteren Übungen kommt der Deckel wieder auf die Kuh – schließlich kann der Landwirt im Stall auch nicht einfach in die Kuh schauen, um zu sehen, wie das Kalb liegt. Zum Einstieg dürfen die Auszubildenden eine normale Geburt üben. Sie erfühlen die Lage des Kalbs im Mutterleib, lernen, wie sie Stricke an den Vorderbeinen anlegen und wie stark und wann sie daran ziehen dürfen – nämlich immer nur, wenn eine Wehe kommt.

„Wir sind die erste Bildungseinrichtung im landwirtschaftlichen Bereich in Deutschland, die so ein Geburtssimulationsmodell für die Ausbildung anbietet“, betont LAZBW-Leiter Franz Schweizer. Bislang lernten die Auszubildenden in der Landwirtschaft zwar in der Berufsschule, was es theoretisch zum Thema Geburt zu wissen gibt. Praktisch Geburtshilfe zu unterrichten, gestalte sich aber schwierig. „Die Frage bei der realen Kuh ist: bekommt sie gerade dann, wenn wir einen Lehrgang da haben, ein Kalb?“, verdeutlicht Schweizer. Zudem könnte ein großer Lehrgangsbetrieb die Kühe, die bei der Geburt Ruhe suchten, stören.

„Wir können die Auszubildenden auch üben lassen, was sie tun müssen, wenn das Kalb anormal liegt“, zählt Anita Herre, Fachbereichsleiterin Lehrgangs- und Versuchswesen, einen weiteren Vorteil auf. Dass dabei die Theorie nicht ausreicht, zeigt sich, als die Auszubildenden den angewinkelten Vorderlauf des Gummikalbs in der „Gebärmutter“ ertasten und in die richtige Lage bringen sollen. In der Theorie haben sie alle gelernt, dass sie das Bein einfach wieder ausklappen müssen. In der Praxis merken sie schnell, dass so richtig viel Platz in einer Gebärmutter gar nicht ist, um das Bein zu bewegen. Zusätzlich realistisch wird das Szenario durch die Bauweise des Kalbs. Nicht nur, dass es mit 35 Kilogramm genauso viel wiegt, wie ein leichtes echtes Kalb. Es ist trotz Gummi auch nur genauso beweglich.

„Hier kann man alle Varianten testen, wie das Kalb drinnen liegen könnte“, zieht Christoph Hofer, Landwirt-Azubi im zweiten Lehrjahr, sein Fazit zur Geburtshilfestunde. Klar sei er schon bei echten Geburten dabei gewesen, aber gerade deshalb weiß er die Modellkuh zu schätzen. „An einer echten Kuh hast du einen Versuch und der muss klappen. Hier hast du mehrere Versuche zum Üben, bis du es kannst.“

Geburtsablauf und -hilfe im Unterricht

Alle angehenden Landwirte Baden-Württembergs, die in die Rinderhaltung gehen wollen, kommen für Lehrgänge im Rahmen ihrer überbetrieblichen Ausbildung ans Landwirtschaftliche Zentrum nach Aulendorf. Zu diesen 400 Auszubildenden kommen nochmals 250 Fachschüler auf dem Weg zur Meisterprüfung. Sie alle sollen künftig an der Geburtssimulatorkuh fachgerechte Geburtshilfe lernen. Dazu will das LAZBW die Unterrichteinheit „Geburtsablauf und -hilfe“ ab dem kommenden Lehrgangsjahr fest in den Stundenplan aufnehmen. Von dem Geburtshilfeunterricht verspricht sich der Direktor der Einrichtung Franz Schweizer weniger Totgeburten und weniger Probleme für die gebärende Kuh – aus Tierschutzgründen und letztlich auch aus wirtschaftlichen Gründen. „Gerade auch um die Geburt und bei den Kälberverlusten sehen wir in der Landwirtschaft noch ein gewisses Optimierungspotential.“

Geburtshilfe an der Plastikkuh
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