„Frau Mayer“ sagt Adieu

Lesedauer: 7 Min
Auch Eltern und Großeltern der Kinder des „Mutter-Kind-Turnens“ waren bei der Verabschiedung dabei und ebenso Rita Nüßle, Vorsit
Auch Eltern und Großeltern der Kinder des „Mutter-Kind-Turnens“ waren bei der Verabschiedung dabei und ebenso Rita Nüßle, Vorsitzende des SGA-Breitensports (hinten, Dritte von links). Rechts daneben Christine Mayer. (Foto: Kramer)
Julia Kramer

Für Frau Mayer wird immer noch eine Nachfolgerin oder auch ein Nachfolger gesucht. Von Student bis Rentner darf alles dabei sein. Vorerfahrung wäre wünschenswert, ist aber nicht zwingend erforderlich. Anfragen in der SGA-Geschäftsstelle, Öffnungszeiten: dienstag 10 bis 12 Uhr und freitags 15 bis 17.30 Uhr, Telefon 07525/9235320, E-Mail: info@sg-aulendorf.de

Einklappen  Ausklappen 

„Eins, zwei, drei im Sauseschritt gehen alle Kinder mit!“ So beginnt jede Turnstunde in Frau Mayers „Mutter-Kind-Turnen“ seit sage und schreibe bald 22 Jahren. Und bei „Frau Mayer“, wie Christine Mayer in ganz Aulendorf bekannt ist, gehen die Kinder wahrlich mit-rundherum im Kreis und mit strahlenden Gesichtern.

„Da bin ich damals reingerutscht wie eine Zwetschge ins Kompott“, sagt sie aus vollem Hals lachen. Ihre eigene Tochter sei zu jener Zeit mit ihrer damals kleinen Enkelin im Turnen gewesen und habe ihr traurig erzählt, dass ihre jetzige Vorgängerin nach 20 Jahren in den Turn-Ruhestand gehe und man die Gruppe mangels Nachfolge wohl schließen müsse. Daraufhin habe sich die dreifache Mutter und Großmutter gedacht: „Das tät mir auch gefallen. Ich mag ja Kinder so gern.“ Und dann ging es auch schon „Schlag auf Schlag“.

Nach einem kürzeren „Helferlehrgang“ ging es ab auf die Landessportschule nach Albstadt-Tailfingen zum Lehrgang für Übungsleiter. „Meine Kinder haben mich damals hingefahren, und bei der Anmeldung höre ich noch, wie sie ungläubig hinter mir stehend tuscheln, dass sie ihre Mutter jetzt doch wahrhaftig in die Sportschule brächten“, lacht Mayer in der Erinnerung, fährt jedoch sogleich etwas ernsthafter fort: „Was ich eine Angst hatte! Die Omi unter all den Jungspunds. Und dann war es so eine tolle Erfahrung. Alle haben mich prima aufgenommen und mehr als respektiert.“ Denn Frau Mayer ist kein Turn-Mäuschen, sie ist zwar nicht groß, um genau zu sein sogar ziemlich klein, aber wenn nötig, dröhnt ihre tiefe Stimme, deren leichter Akzent die oberschlesische Herkunft vermuten lässt, schon einmal laut durch die Turnhalle, wenn sich die Mütter mal wieder gar zu sehr verquatschen: „Hey, Mamis, wa glaubat ihr? Das hier ist ein Mutter-Kind-Turnen und kein Kaffeekränzchen!“ Aber genau das macht sie nicht minder sympathisch.

Sich durchzusetzen hat sie schon früh gelernt. Geboren 1945 direkt nach Kriegsende in Oberschlesien, konnte sie erst durch einen Glücksfall nach 14 Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland zurückkehren. „Man hat uns dort festgehalten, obwohl meine Mutter und deren neuer Mann sich standhaft weigerten, polnisch zu sprechen. Diese Jahre waren eine sehr harte und unschöne Zeit für mich“, erzählt Mayer merklich bewegt von der Erinnerung und ergänzt: „Aber insgesamt war mein Leben so voll, voll auch mit vielen schönen Dingen. Ich habe nichts versäumt. Vielleicht hält mich dieser Gedanke auch jung“, meint die 72-Jährige bereits wieder fröhlich.

Das typisch-schelmische „Frau Mayer-Kichern“

Auch fit halte sie ihre nunmehr fast 50-jährige Tätigkeit des frühmorgendlichen Zeitungsaustragens, die sie auch wirklich regelrecht brauche, den Schritt in die Turn-Rente wolle sie aber trotzdem endlich durchziehen „Nach etwa 15 Jahren habe ich das erste Mal ans Aufhören gedacht. Danach habe ich mich halt doch jedes Jahr wieder breitschlagen lassen“, sinniert Mayer und fährt mit dem ebenso typischen wie schelmischen „Frau Mayer-Kichern“ fort: „Ich habe im Breitensport schon einige Vorstände kommen und gehen sehen.“

In Aulendorf ist „Frau Mayers Kinderturnen“ daher seit vielen Jahren eine feste Größe. Nicht zuletzt aber vor allem deshalb, weil sie weit mehr für die Kinder macht, als die wöchentliche Turnstunde zu leiten. An der Fasnet, an Ostern, im Sommer und an Weihnachten bekommt jedes ihrer zwei bis vierjährigen Schützlinge ein kleines Naschpäckchen geschenkt, welche Mayer stets in liebevoller Bastelarbeit anfertigt. Darüber hinaus gibt es Getränke für die Kleinen, aber auch Kaffee für die Großen und immer mit dabei sind ihre berühmten „Mini-Amerikaner“.

Damit jedoch nicht genug, leiht sie traditionell zum „Fasnetsturnen“ eine sogenannte Hüpfburg aus, auf der die Kleinen kreischend herumtollen dürfen. Dies alles ist wunderbar für die Kinder, doch ist es sicher nicht das allein, was ihre wöchentliche Turnstunde so beliebt macht. Für die Eltern und Großeltern ist es ihre sympathische Art, die einfach „grad raus“ ist, beobachtet man sie mit den Kindern, geht eine Warmherzigkeit von Frau Mayer aus, die ihresgleichen sucht. Besorgt um die Kleinen, schweift ihr Blick zwischen den einfallsreichen Aufbauten umher, stets auf der Suche, Gefahrenquellen auszumerzen. Und abschlagen kann sie den strahlenden Kinderaugen erst recht nichts, auch wenn sich nach dem Turnen Frau Mayers Traubenzuckerbox noch ein zweites oder auch drittes Mal für die heranstürmenden kleinen Turner öffnen muss.

„Neulich kam eine Mutter mit ihrem Kind zu mir ins Turnen und meinte, dass sie selbst auch schon bei mir gewesen sei. Da dachte ich nur: Also, jetzt ist es wirklich an der Zeit, dass ich aufhöre“, lacht Mayer, fährt jedoch etwas ernster fort: „Ich bin zwar noch recht fit, aber auch ich merke, wie langsam alles mühsamer wird.“

Mit Frau Mayer geht eine Ära zu Ende – Aulendorfs Kinder der vergangenen Generation bleibt nur noch „Danke“ zu sagen zum Abschied von ihrer Frau Mayer. Und wiederum Frau Mayers abschiedsrituelles „Taubenhaus“-Lied, was zum Ende jeder Turnstunde gesungen wurde, wird sicherlich immer in den Köpfen all dieser Kinder bleiben – und Frau Mayer in ihren Herzen.

Für Frau Mayer wird immer noch eine Nachfolgerin oder auch ein Nachfolger gesucht. Von Student bis Rentner darf alles dabei sein. Vorerfahrung wäre wünschenswert, ist aber nicht zwingend erforderlich. Anfragen in der SGA-Geschäftsstelle, Öffnungszeiten: dienstag 10 bis 12 Uhr und freitags 15 bis 17.30 Uhr, Telefon 07525/9235320, E-Mail: info@sg-aulendorf.de

Einklappen  Ausklappen 
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen