Ein kleines Stückchen Märchenwald in Aulendorf

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Ein Heckenschnitt zwischen Hundertwasser und Märchenwald.
Ein Heckenschnitt zwischen Hundertwasser und Märchenwald. (Foto: Claudia Buchmüller)
Claudia Buchmüller

Das Foto einer kunstvoll geschnittenen Hecke in Aulendorf hat sich dieser Tage via Facebook verbreitet, verbunden mit der Rätselfrage, wo in Aulendorf denn diese zu finden ist. Die erste Antwort lautete korrekt: „Das ist auf dem Wegle von der Bachstraße Richtung Kolpingstraße“. Genau dorthin, laut Straßenkarte dem Hofschmiedgässle, machte sich die „Schwäbische Zeitung“ auf, um das Geheimnis der Hecke zu ergründen.

Schon bei der Frage nach dem Hofschmiedgässle schüttelten etliche Passanten verneinend den Kopf. Der alteingesessene Aulendorfer Erwin Spieß dagegen wusste bestens Bescheid und begleitete die SZ in den Stadtteil zwischen dem ehemaligen „Gecklebuckel“ (heute Kolpingstraße), dem Mesnergässle und der Bachstraße, einem einst bedeutsamen historischen Stadtviertel Aulendorfs. Auf dem Weg erinnerte sich Spieß daran, dass der Gecklebuckel früher als Piste für Seifenkistenrennen genutzt wurde und man im Winter mit dem Schlitten den Berg hinunter gefahren sei. Weiter erzählte er von ehemaligen Geschäften wie einem Zigarrenhaus, einer Schreinerei, einer Schmiede, Flaschnerei, Landmaschinen Lampater und dem Bekleidungshaus Geckle. Sogar eine Tankstelle hätte es in diesem Teil der Stadt gegeben. Zeugen dieser Vergangenheit stehen noch immer, so wie das kleine Waschhaus, das wohl einmal ein Backhäusle war oder die ehemaligen Räume der Sattlerei. Das ungeteerte Gässchen passt zu den Erzählungen und lässt den Flair von damals ein klein wenig lebendig werden.

Die Eigentümer der ungewöhnlichen Thujahecke, das Ehepaar Christine und Karl-Erwin Späth, wohnen im ehemaligen Kaplaneihaus, einem mit viel Liebe restaurierten Fachwerkhaus, etwa um 1690 erbaut, und später vom Urgroßvater gekauft.

Die heute mehrere Meter hohe und etwa anderthalb Meter breite Hecke hätte sein Vater vor gut 90 Jahren gepflanzt, berichtete Späth. Der Gärtner, der die Hecke pflegt, habe irgendwann einmal gefragt: „Warum schneiden wir die riesige Hecke nicht interessanter?“ So sei dann im Lauf der vergangenen Jahre das neue Gebilde entstanden, mit kugeligen Elementen, „Löchern“ und abgesetzten Rundungen.

Je nach Blickwinkel versetzt der Anblick in einen Märchenwald der Gebrüder Grimm, vor allem mit dem Schloss im Hintergrund. Kommt man von oben, erinnert es eher an einen „Hundertwasser“ (österreichischer Maler, Anm. d. Red.). Ein vorbeikommender Anwohner berichtet, dass viele Leute bewundernd stehen bleiben und die Hecke fotografieren.

„Leider missbrauchen manche Vorbeigehende gerade die Löcher, um gefüllte Hundebeutel oder leere Flaschen zu entsorgen“, ärgert sich Christine Späth.

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