Blühpflanzen schwächeln bei der Gasausbeute

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Neues für die Biogasanlage: Rainer Tippelt-Sander, Experte für pflanzliche und tierische Erzeugung am Regierungspräsidium Tübin (Foto: Christina Schaffelke)
Schwäbische Zeitung
Christina Schaffelke

Die feinen, hellbraunen Samen der Silphie-Pflanze fühlen sich glatt an. In Rita Strieckmanns Hand türmen sie sich kreuz und quer übereinander. Auf dem Versuchsfeld des Landwirtschaftlichen Zentrums Baden-Württemberg in Aulendorf (LAZBW) hält sie die Zukunft der Bioenergiegewinnung in den Händen – zumindest wenn es nach den Gegnern der bisherigen Mais-Monokultur geht.

Denn die Biogasproduktion wird bisher zu 80 Prozent von Mais dominiert. Dass aber nicht nur Mais eine typische Energiepflanze ist, sondern auch Blüh- und Wildpflanzen in einer Biogasanlagen genutzt werden können, erstaunt auch die Teilnehmer der Sommerexkursion des Regierungspräsidiums Tübingen zum Thema Biogas. Das LAZBW spürt seit einem Jahr Alternativen zur Maissilage auf (wir berichteten: „Forscher suchen nach Alternativen zur Maissilage“, SZ vom 6. Juli). Das Versuchsfeld ist daher bunt bepflanzt: Von der Wildpflanzenmischung mit Färberkamille, Schafgarbe, Wilder Möhre und Wegwarte bis hin zur gelb blühenden Silphie-Pflanze – fünf verschiedene Dauerkulturen werden auf Energieausbeute, Konservierungseignung und Methanbildung untersucht.

Die Reaktionen auf die ersten Versuche: verhalten. LAZBW-Direktor Franz Schweizer erklärt: „Die ersten Ergebnisse sind schon ernüchternd. Denn Höchstens die Hälfte an Gaserträgen pro Fläche, die der Silomais sonst einbringt, können mit allen Alternativpflanzen gemeinsam eingeholt werden.“ Dennoch spricht LAZBW-Bioenergieberater Jörg Messner gerade der Silphie-Pflanze Chancen in der Praxis zu: „Sie hat beachtliches Potenzial. Immerhin fährt sie schon jetzt 65 Prozent des Maisertrages ein.“

Einziger Nachteil: Einige umliegende Anwohner werden wohl bei der Lagerung dieser Pflanze die Nase rümpfen. „Denn bei der Silolagerung bilden sich durch den Sickersaft unangenehme Gerüche, weil die Pflanzen bei der Ernte relativ feucht sind“, erklärt Messner weiter. Die Lösung: Die Pflanze wird mit Mais konserviert und die Gerüche so getilgt.

Dass Alternativpflanzen in der Gasausbeute Schwächen haben, liege für LAZBW-Direktor Schweizer auf der Hand: „Man muss einfach nüchtern anerkennen, dass Mais die Brot- und Butterpflanze im Futterbau der Landwirtschaft ist und damit voll hochgezüchtet ist. Diesen züchterischen Vorteil können Alternativpflanzen noch nicht wettmachen.“

Statt Enttäuschung – weiterer Forschungsdrang. Das Ziel: Die Dauerkulturen auch in der Praxis etablieren. Denn immerhin muss Mais jedes Jahr neu gesät werden. Bioenergieberater Messner sieht die Pflanzen schon auf den Höfen angekommen: „Praktiker suchen schon jetzt nach Alternativen zum Mais, aber wir können nach diesem ersten Versuchsjahr noch keine verlässlichen Ergebnisse präsentieren. Die Bauern in der Praxis sind uns da oft schon einen Schritt voraus, weil sie einfach mal eine neue Kultur anpflanzen und wenn sie merken: Hoppla der Ertrag ist ja doch nicht so toll, dann streichen sie diese eben.“

Die Stärken sehen vor allem auch die Teilnehmer der Sommerexkursion, wie Rita Strieckmann aus Bad Saulgau: „Mit den Dauerkulturen könnten die bisher mit Mais bestückten Moorstandorte ersetzt werden. Denn solche Feuchtstandorte mit Mais sind klimaschädlich. Und die Vorteile der Alternativpflanzen liegen klar auf der Hand: Ich tue was für den Artenschutz, weil die Pflanzen für Insekten und Schmetterlinge das Blütenangebot sichern.“

Dass der Maisanbau nicht überall in der Bevölkerung Beifall auslöse, weiß auch Bernfried Höfner aus Nürtingen. Dennoch glaubt er, „dass die Alternativpflanzen im Moment noch nicht zukunftsfähig sind und den Mais nicht ablösen, ihn höchstens ergänzen werden“. Trotzdem ist zumindest die Akzeptanz der Alternativpflanzen deutlich höher in der Bevölkerung als die von Mais. „Die Abwechslung auf dem Feld würde die Branche bereichern und die frühere Drei-Felder-Wirtschaft ersetzen“, sagt Höfner weiter.

Für LAZBW-Direktor Schweizer aber bleiben die regionalen Pachtpreise noch immer das schlagende Argument in der Debatte um Alternativen zur Maissilage. „Ein Landwirt wird sich immer fragen, mit wie viel Fläche er sein Produktionsziel am schnellsten erreichen kann und da liegt der Silomais immer noch vorne. Klar wirtschaften Bauern danach, wie viel Strom hinten für ihren Motor rauskommt.“

Der Landwirt muss dann selbst entscheiden, ob ihm die ökologischen Vorteile ein Weniger an Ertrag wert sind und er den Samen in Rita Strieckmanns Hand eine Zukunft geben wird.

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