Von Räubern, Mördern und unglücklichen Mädchen

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Der Heimatforscher Berthold Büchele und der Gitarrist Ernst Greinacher ließen am Samstag in Ratzenried Allgäuer Sagen und Ballad
Der Heimatforscher Berthold Büchele und der Gitarrist Ernst Greinacher ließen am Samstag in Ratzenried Allgäuer Sagen und Balladen lebendig werden. (Foto: Vera Stiller)
Vera Stiller
Redakteurin

Einen schaurig-schönen Abend gestalteten am Freitag Heimatforscher Berthold Büchele und der Gitarrist Ernst Greinacher im Gasthaus Ochsen in Ratzenried. Die 40 Besucher ließen sich von den erzählten und gesungenen Allgäuer Sagen und Balladen gefangen nehmen.

Es ist Berthold Büchele zu verdanken, dass Bräuche wie Musikstücke und Lieder der Heimat nicht verloren gehen. Einer der Schwerpunkte unter den 3800 vor dem Vergessen bewahrten Liedern gehört in die Kategorie „Balladen“. Und wie Büchele zu Beginn der Veranstaltung des Heimatvereins Ratzenried am Freitagabend sagte: „Beim Forschen kommt immer noch etwas hinzu“.

Noch bis zur Mitte des 19 Jahrhunderts waren im Allgäu gesungene Balladen noch weit verbreitet. Sie dienten den Familien, vor allem in märchenhafter Form erzählt, als spannende Unterhaltung und als Aufzeigen moralischer Vorstellungen. Nach und nach wurden sie dann durch neue Volkslieder ersetzt oder nur noch in abgelegenen Gegenden vorgetragen. Das Fernsehen, vornehmlich die gezeigten Krimis, eroberten mehr und mehr die Wohnstuben.

Büchele trug Balladen in schwäbischer Mundart vor, die aber in Sathmar entstanden sind. Alte schwäbische Volkslieder, die seit 1948 wieder an den deutschen Schulen Sathmars gesungen werden durften und die den Zusammenhang mit der ursprünglichen schwäbischen Heimat erkennen lassen, wurden bei Forschungen durch Sagen und „Geschichtle“ erweitert.

„Die Mühle rauscht. Drunten in der Mondscheinkühle sitzt der Müllersbursch und lauscht“ singt Berthold Büchele - und die Gäste dürfen ihm singend folgen. Doch die Idylle wird alsbald getrübt. Der Bursche darf seiner Geliebten keinen Kuss geben, weil ihr Vater eine Liebe zwischen den Beiden nicht gestattet. Im Freitod finden sie ihre Ruh „und es deckt die Erde zwei Geliebte zu“.

Noch dramatischer geht es der zweiten Ballade zu. Ein Graf verführt seine Magd, sie „stirbt am Kind“ und wird zu Grabe getragen. Ein Glöcklein kündet „von der traurigen Braut und ihrem Kummer“. Zum Mitsingen ist auch die Erzählung von den drei Gesellen gedacht, die gerne beim Mädchen im Federbett schlafen wollten. Doch diese „hört die eigene Schand“ und verschließt ihre Kammer.

Mit ernsten und dramatischen Stoffen, die von Helden, treuer und untreuer Liebe, von Mord und Dieberei handeln, geht es weiter. Insbesondere die Ballade von den zwei Bauernsöhnen, die aus dem Krieg zurückkehren, berührte. Der, der im Wirtshaus Quartier macht und der Wirtin von seinem vielen Gold und Silber erzählt, muss durch ihre Hand den Tod erleiden: Sie gießt ihm heißen Schmalz in den Rachen und verscharrt ihn im Keller. Als sie erfährt, dass sie ihren eigenen Sohn ums Leben gebracht hat, geht sie ins Wasser.

Die Sagen hingegen beschäftigten sich mit Dämonen und Zwergen, mit Hexen und Zauberern, mit Geistern und Betrachtungen, die nicht rational erklärbar waren. So hielt sich die Vorstellung, dass das Ratzenried Schloss nur deshalb so standhafte Mauern hat, weil der Mörtel mit Wein angereichert wurde. Auch der als „grausamer Katzenfresser“ verschriene Schuhmacher, der durch ein Katzenheer gestellt und gerichtet worden war, fand Erwähnung.

Das „Burgfräulein auf Praßberg“, das nach ihrer tragischen Liebesgeschichte und dem am Vater verschuldeten Tod als „weiß gekleidetes Fräulein“ im Turm spukte, wird bekannt sein. Vielleicht auch das einstmals „idyllische Ruheplätzchen in Arnach“, an dem Gesundheit erlangt werden konnte.

Eine zur „Jungfrauenquelle“ gehörige Ballade findet Ausdruck in dem 1908 entstandenen Lied „Es ritt ein Reiter wohl durch das Ried“. Der Reiter trifft ein Mädchen und erfährt von ihrer Traurigkeit: „Ich weine ob jener Tannen, daran elf Jungfräulein hangen“. Als sie zur Antwort bekommt: „So sollst du bald die zwölfte sein, sollst hangen am höchsten Dölderlein“, schreit sie um Hilfe. Zum Glück kommt der Bruder, „ein Jägersmann, der alle Tierlein schießen kann“ und befreit sie. Ende gut, alles gut!

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