Landwirtschaft mal anders: Wie ein kleiner Erzeugerhof nach dem Solidaritätsprinzip funktioniert

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Drei Personen stehen zwischen Holzkisten voller Obst
Die Ernteteiler kommen jeden Freitag zum „Abholtag“. Sie schätzen an der Solawi, dass das Gemüse biologisch und günstig ist. (Foto: Milena Sontheim)
Milena Sontheim

Das Kilo Karotten richtet sich auf dem Hof von Marion Stadler und Klaus Vochezer nicht nach aktuellen Marktpreisen. Das Konzept der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) soll den echten Wert der Lebensmittel zurückbringen und dabei die Akteure der gesamten Produktkette respektieren.

Es ist Freitagnachmittag auf dem Hof in Baldenhofen – Abholtag. Wie jede Woche kommen Mitglieder der Solawi und packen ihre Kiste voll mit einer Wochenration an Gemüse und Obst, die für einen vierköpfigen Haushalt reicht. Die Saison im Dezember bietet Blaukraut, Weißkohl, Schwarzwurzel, Feldsalat, Kartoffeln, Äpfel und Kürbisse.

Wie viel jeder bekommt, liegt an den zuvor festgelegten Anteilen. Das funktioniert folgendermaßen: „Damit das Projekt der solidarischen Landwirtschaft starten kann, muss zunächst das Jahresbudget festgelegt werden“, sagt Hofbesitzer Klaus Vochezer.

Verteiltes Risiko

2019 benötigte er rund 28 000 Euro. Am Ende des Jahres werde anhand des Budgets aufgeteilt, wie viel Geld jedes Mitglied einbringen müsse. Die sogenannten Ernteteiler, wie Vochezer die Beteiligten nennt, legen monatlich ihren Anteil ein.

„Das Risiko wird so auf mehreren Schultern getragen, falls die Ernte ausfällt“, sagt Vochezer. Im Gegenzug zu ihrer Beteiligung bekommen die Mitglieder einen Ernteanteil.

Dieses Jahr haben 50 Haushalte mitgemacht, die monatlich 45 Euro für ihren Anteil bezahlten. Abweichungen vom Richtwert seien ebenfalls möglich, sagt Vochezer. „In einer geheimen Abstimmung dürfen die Beteiligten selbst einschätzen, wie viel jeder zahlen kann. So können auch finanziell Schwächere an dem Projekt der Solawi teilnehmen.“

Wichtig sei für die Landwirte Stadler und Vochezer nur, dass das nötige Budget zusammen kommt. Damit kaufen sie Tierfutter und Saatgut, bezahlen die Pacht sowie landwirtschaftliche Geräte und Gehälter. „Wenn eine Ernte gut läuft, dann wird auch mal mehr ‚ausgeschüttet‘“, sagt Vochezer.

Direkter Bezug

„Das Ziel des Konzepts ist, dass die Produkte ihren Preis verlieren.“ Das Gemüse werde nicht als Handelsgut gesehen, sagt Marion Stadler. „Die Ernteteiler haben einen direkten Bezug zur Herstellung, den Erzeugern und zum Gemüse selbst.“ Die Produkte haben so einen ganz anderen Wert, der nicht über Geld definiert werde.

„Man weiß, wo das Essen herkommt, und andersrum wissen wir, für wen wir anbauen.“ Die Ernteteiler können zusätzlich beim Anbau und der Ernte helfen. Ein weiterer Vorteil der Solawi sei, dass der Acker dynamisch bewirtschaftet werde.

Auf dem kleinen Grundstück, das in Vochezers und Stadlers Verantwortung liegt, wollen die beiden Landwirte besonders auf die Artenvielfalt achten. Der Gemüseanbau richtet sich nach der ökologischen Bewirtschaftung. „Wir wollen als Solawi eine alternative Möglichkeit der Bewirtschaftung aufzeigen und Bewusstsein schaffen“, sagt Stadler.

Für die Zukunft plant Vochezer weitere Maßnahmen für einen ökologischen Ackerbau. „Nächste Saison wollen wir Esel als Zugtiere einsetzen“, sagt er. Die Tiere sollen den Boden traditionell pflügen.

Qualität wird geschätzt

Ulrike Petzuch ist seit einem Jahr an der Landwirtschaft beteiligt. Sie schätzt vor allem die hochwertige Qualität der Produkte. „Das Gemüse ist biologisch, saisonal und nicht in Plastik verpackt“, sagt sie während sie eifrig ihre Kiste mit frischen Produkten vom Feld packt.

Petzuch hat dieses Mal ihre Nachbarskinder mitgenommen. Die befreundete Nachbarfamilie beteiligt sich ebenfalls. Die Kinder seien gerne auf dem Hof und helfen auch mal mit.

 Ulrike Petzuch ist in Begleitung ihres Nachbarkindes gekommen. „Die Kinder finden es gut, dass das Gemüse nicht in Plastik verp
Ulrike Petzuch ist in Begleitung ihres Nachbarkindes gekommen. „Die Kinder finden es gut, dass das Gemüse nicht in Plastik verpackt ist“, sagt sie. (Foto: Milena Sontheim)

„Viele der Ernteteiler bilden zudem Fahrgemeinschaften“, sagt Vochezer. So entstehe eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit und ein freundschaftlicher Austausch. Das mache die Lebensmittel noch wertvoller.

Jeden Freitag können die Mitglieder bei der Ernte oder dem Anbau mithelfen. „Gerade im Sommer sind wir auf Erntehelfer angewiesen“, sagt Vochezer. Zusätzlich findet jeden ersten Samstag im Monat der „Mitmachsamstag“ statt. Für das Jahr 2020 sucht Vochezer noch Menschen die sich an dem Projekt beteiligen möchten. Denn die Solawi hat für kommendes Jahr noch 15 freie Anteile, die verfügbar sind.

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