Die grauenhafte Geschichte einer schwerkranken Frau

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Johannes Dillinger bei seinem Vortrag in Eglofs.
Johannes Dillinger bei seinem Vortrag in Eglofs. (Foto: HeimatVerein)
Schwäbische Zeitung

Die Zeit der großen Hexenverfolgungen war längst vorbei, als Katharina Reitterin 1743 in Eglofs als Hexe verbrannt wurde. Dabei wurde sie Opfer ihrer selbst und eines Gerichts, das zwar gewissenhaft, aber „in der entscheidenden Phase zu simpel“ agierte, wie Johannes Dillinger in einem kurzweiligen Vortrag und in angeregter Diskussion am Freitagabend im voll besetzten Eglofser Rathaussaal ausführte. Der Historiker hat sich mit Katharina Reitterin intensiv befasst, er lehrt in Oxford und in Mainz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Geschichte der Hexenverfolgung. Er sprach auf Einladung des Geschichts- und Heimatvereins Eglofs.

Der Fall Katharinas ist dank der erhaltenen Prozessakten bestens dokumentiert. Katharina stammte aus einer bettelarmen Familie, war Magd und verdingte sich viele Jahre lang in Weingarten, bevor sie zurück nach Eglofs ins Haus ihrer Stiefmutter zog. Sie galt einerseits als sehr fromm, andererseits hatte sie Affären und wurde schon 1730 wegen Unzucht belangt. Dass sie mit ihrer Stiefmutter im Streit lag und das Haus für sich haben wollte, war im Dorf bekannt.

Als 1743 die Stiefmutter starb und die beiden Stiefbrüder erkrankten, kamen Gerüchte auf. Katharina gestand schnell den Giftmord an der Stiefmutter sowie die Mordversuche an den Brüdern. Als einer der beiden Buben starb, war Katharina eine Doppelmörderin – und „so gut wie tot“, wie Dillinger ausführte. In den Verhören bezichtigte sich Katharina, ohne Druck oder gar Folter, plötzlich selbst der Hexerei, gestand alles, was dazu gehört: Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Schadenzauber, Teilnahme am Hexensabbat und blasphemische Taten.

Nun wurden die Ermittlungen ausgeweitet. Das Gericht suchte nach Zeugen, fahndete nach Komplizen und konsultierte, wie es üblich war in dieser Zeit, einen Rechtsexperten aus Wangen. Der argumentierte nach Reichsrecht aus dem 16.Jahrhundert, hatte offensichtlich längst publizierte Bücher gegen Hexenprozesse nicht zur Kenntnis genommen und hegte keine Zweifel daran, dass die Giftmörderin Katharina eine Hexe sei. „Damit hört die juristische Debatte auf. Das ist typisch für alle Hexenprozesse. Sie halten Debatten nicht aus“, so Dillinger.

Noch andere Dinge seien typisch im Fall Katharinas. Hexenprozesse, so zeigen historische Forschungen, wurden geführt gegen schwache Personen, die am Rand der Gesellschaft standen, die in Konflikt mit den Menschen ihrer Umgebung lagen. Sie gab es am häufigsten in kleinen Territorien, in denen die Rechtsprechung einfachen Gerichten oblag. Mit der Konfession hatte dies nichts zu tun. Dillinger hat die Fälle in Europa gezählt. 25 000 waren es auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik und damit weitaus am meisten in Europa.

Dass Katharina sich selbst bezichtigt hat, sei typisch für sehr späte Hexenprozesse. Warum sie es getan hat, bleibt ein Rätsel. „Ich denke, dass sie geistig krank war“, sagte Dillinger. Verteidigt habe Katharina sich von Anfang an nicht. Als Hexe wurde sie nach Reichsrecht von 1532 verurteilt: mit glühenden Zangen gerissen, die rechte Hand abgeschlagen, geköpft und schließlich verbrannt.

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