In dieser Kurve der B 32 bei Amtzell-Korb hatte ein betrunkener Transporter-Fahrer zwei Tramper angefahren. Einer der beiden sta
In dieser Kurve der B 32 bei Amtzell-Korb hat am 8. Juni 2016 ein betrunkener Transporter-Fahrer zwei Tramper angefahren. Der 33-Jährige erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. (Foto: Mek)
Melanie Kräuter

Acht Monate sind vergangen seit ein 23-jähriger Transporter-Fahrer im Juni mit 1,63 Promille im Blut auf der Bundesstraße32 bei Amtzell zwei Tramper, die auf dem Grünstreifen liefen, angefahren und einen der beiden tödlich verletzt hat. Nach der Tat war der betrunkene Mann von der Unfallstelle geflüchtet und wurde kurze Zeit später in Ravensburg von der Polizei gefasst. Seitdem sitzt der gebürtige Pole in Untersuchungshaft.

Das Amtsgericht Wangen hatte den Mann im Oktober zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Vor dem Landgericht Ravensburg ging es im Berufungsverfahren am Mittwoch darum, ob die Strafe ausgesetzt wird und der Angeklagte auf Bewährung frei kommt. Das Urteil des Richters und der beiden Schöffen: Die Berufung wird verworfen.

Übergriffe gegen den Angeklagten

„Ich glaube nicht, dass ihre Berufung Aussicht auf Erfolg hat“, sagte Richter Axel Müller schon am Anfang der knapp dreistündigen Verhandlung zu den Verteidigern. Und so kam es dann auch. Die zweijährige Strafe ohne Bewährung bleibt bestehen. „Da ist jemand tot. Der ist weg, der kommt nie wieder“, machte Müller den „Schuldgehalt“ der Tat deutlich. Außerdem habe der Angeklagte „noch einen draufgesetzt“ und sei nach dem Unfall weggefahren. Die Kollisionsgeschwindigkeit habe bei 40 bis 70 Stundenkilometern gelegen. Der Tramper, der überlebte, sei 13 bis 21 Meter durch die Luft geschleudert worden.

Der Angeklagte, der mit Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt wurde, war im Gesicht ähnlich blass wie sein hellblaues Hemd. Reue und eine gewisse Hilflosigkeit waren ihm ins Gesicht geschrieben. Regungslos verfolgte er das Gesagte in der polnischen Übersetzung der Dolmetscherin. Seine Eltern waren auch gekommen, seine Mutter war die ganze Zeit über den Tränen nah.

Richter Axel Müller, der auch für die CDU für den Bundestag kandidiert, verlas zunächst das Urteil des Richters in Wangen. Mehrere Anklagepunkte hätten zu dem Strafmaß von zwei Jahren ohne Bewährung geführt: fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort und Trunkenheit am Steuer. Zugunsten des Angeklagten wurde schon bei der Verhandlung in Wangen genannt, dass er bisher weder strafrechtlich noch verkehrsrechtlich aufgefallen war, dass er sich vollständig geständig und reuig zeigte und „im Rahmen seiner kleinen Möglichkeiten“ monatliche Zahlungen an den Vater des Verstorbenen sowie an den überlebenden Tramper geleistet habe und diese auch weiter zu leisten bereit sei.

Die Verteidigung legte dennoch Berufung gegen das Urteil ein und forderten eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung. Zur Begründung führte sie auch „besondere Umstände“ ins Feld, die zum Teil erst nach der „erstinstanzlichen Entscheidung“ und dem jetzigen Zeitpunkt eingetreten seien. Sie sagten, dass der Angeklagte, seit er in Untersuchungshaft sei, mehrmals „verbal und tätlich angegriffen“ worden sei. Ihm sei auch mit „Racheakten“ gedroht worden.

Vor zwei bis drei Monaten habe ein anderer Inhaftierter der JVA Hinzistobel in der Werkstatt, in der Bohrer verpackt würden, den Angeklagten ohne Vorwarnung „mit einem Zehn-Kilo-Bohrer gegen den Kopf geschlagen“, ließ der Angeklagte übersetzen. Der Werkstattleiter habe das gesehen und den 23-Jährigen zum Arzt gebracht. Die Wunde habe mit mehreren Stichen genäht werden müssen, sagten die Verteidiger. Obwohl dieser Vorfall wahrscheinlich noch von der Polizei bearbeitet werde und darum noch nicht der Staatsanwaltschaft vorlag, schätzte Richter Müller diese Aussage als glaubwürdig ein.

Wie bei der Befragung dessen Vaters herauskam, hatte der verstorbene 33-Jährige mehrmals wegen kleinerer Delikte in der JVA gesessen. Die Übergriffe auf den Angeklagten seien wohl von einigen Inhaftierten aus „falsch verstandener Solidarität mit dem Verstorbenen“ begangen worden, sagte Müller. „Das bedauern wir außerordentlich, so etwas darf nicht passieren“, sagte er. Ob die Verteidigung denn beantragt habe, den Angeklagten in eine JVA oder in ein anderes Bundesland zu verlegen, wollte Axel Müller wissen. Da man sich andererseits auch gut um den Angeklagten kümmere, habe der Angeklagte entschieden, in Ravensburg zu bleiben, erklärte der Verteidiger.

Angeklagter will wieder fahren

Eine Zeugin, die über die Übergriffe in der JVA berichten sollte, war wegen Krankheit nicht anwesend. Richter Müller befragte daraufhin den Angeklagten. Was denn jetzt mit dem Transporter und seinem Unternehmen sei? Seine Eltern hätten den Wagen reparieren lassen und momentan erledige ein anderer Fahrer die Auftragsarbeiten. Sobald er wieder frei sei, wolle er selbst wieder fahren, gab der Angeklagte an.

Der Mann habe eine günstige Sozialprognose, sagte der Richter. Bis jetzt habe er aber nur ein Drittel der Strafe in Untersuchungshaft verbüßt. Nach einem Jahr in Haft könne es sein, dass er nach Polen abgeschoben werde.

„Keine ausreichende Strafe“

Das Amtsgericht Wangen hatte bei dem Strafmaß auch die Fluchtgefahr als gegeben gesehen. Diese sahen die Verteidiger nicht mehr. Auch sehe das Gesetz vor, dass man EU-Ausländer nicht diskriminieren dürfe. „Bei einem Inländer würde keine so lange U-Haft angeordnet“, sagte einer der Verteidiger. Er beantragte auch, dass der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt werde, aber dass es eine Meldeauflage und eine Haftkaution gebe. Die Staatsanwältin sah nach wie vor die Fluchtgefahr als gegeben an. In ihrem Plädoyer wog sie die Punkte, die zu Lasten des Angeklagten sprachen, höher. Sie wehrte sich gegen eine Strafaussetzung zur Bewährung.

Dem folgten der Richter und die Schöffen in ihrem Urteil. „Das Urteil vom Amtsgericht Wangen ist schon sehr milde gewesen“, befand Müller. „Wir sind nicht der Meinung, dass seine Büße nach acht Monaten schon ausreichend ist.“ Außerdem sei es „einer vernünftig denkenden Öffentlichkeit nicht zu vermitteln“, wenn ein Berufskraftfahrer „wie ein Wahnsinniger durch die Gegend rast, einen Menschen tötet und einen verletzt und dann noch flüchtet“ und dass dieser dann nach acht Monaten wieder frei komme. „Man kann niemanden weismachen, dass das eine ausreichende Strafe ist.“

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