Ravensburg will Hilfseinrichtungen besser vernetzen

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 Konrad Gutemann, Leiter des Jugendamts Ravensburg, Simon Blümcke, erster Bürgermeister der Stadt Ravensburg, Karlin Stark, Leit
Konrad Gutemann, Leiter des Jugendamts Ravensburg, Simon Blümcke, erster Bürgermeister der Stadt Ravensburg, Karlin Stark, Leiterin des Landesgesundheitsamts und Manfred Lucha, Minister für Soziales und Integration (v.l.n.r.), bei der Überreichung der Beitrittsurkunde zur Landesinitiative. (Foto: cast)
Carolin Steppat

Ein afrikanisches Sprichwort besagt: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Oder wie Manfred Lucha als Landesminister für Soziales und Integration sagte: „Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, dass wir niemanden im Stich lassen und Hilfe zur Selbsthilfe bieten.“ Mit diesen Worten beschrieb er die Aufgabe kommunaler, sozialer und pädagogischer Einrichtungen. Deren Vertreter hatten sich in Amtzell zu einem Fachtag getroffen.

Rund 70 Teilnehmer des Landkreises Ravensburg, aber auch der angrenzenden Kreise, waren im Amtzeller Schloss zusammengekommen, um bestehende Hilfs- und Beratungsangebote künftig besser zu vernetzen. Ziel soll es sein, Kinder von Geburt an die Hilfe zukommen zu lassen, die sie brauchen. Denn, wie der erste Bürgermeister Ravensburgs, Simon Blümcke, erklärte: „Wir brauchen jedes Kind und können uns nicht erlauben, dass irgendjemand auf dem Weg verschütt' geht.“

Laut Blümcke gehöre es dazu, kritisch zu sein und „blinde Flecken aufzudecken.“ Das habe die Stadt Ravensburg gemacht und sich die Fragen gestellt: Wo steht die Stadt? Wie ist dort die Situation von Familien und Kindern? Nun habe man die Trends, jetzt gehe es um eine Verknüpfung der Angebote, um den Kindern bei einer optimalen Entwicklung zu helfen.

Experten aus Dornbirn eingeladen

Um sich anzuschauen, wie eine Hilfe über die Institutionen hinweg aussehen kann, hatte die Stadt Ravensburg Experten aus Dornbirn eingeladen. Dort läuft seit 2016 das Modellvorhaben „Dornbirn lässt kein Kind zurück“. Die Referenten Carla Frei und Simon Burtscher-Mathis zeigten anhand von Beispielen, wie eine lückenlose Begleitung von Kindern in den Bereichen Kinderbetreuung, Bildung, Wohlergehen, Sozialisierung und Freizeit möglich ist. Dabei ging es nicht nur um die großen Themen, die eine Biographie beeinflussen, wie Arbeitslosigkeit, persönliche Krisensituationen oder Armut. Auch die weichen Themen Schule, Beruf und Familienleben sind inbegriffen. Damit ist es Dornbirn gelungen, sogenannte Präventionsketten zu schaffen.

Das Wort „Präventionsketten“ ist sperrig. Lucha fasste es zusammen: „Es geht um ein gesundes Aufwachsen. Bin ich krank, bin ich abgehängt, bin ich gefährdet, arm zu bleiben, arbeitslos zu sein, kann ich an der Gesellschaft nicht mehr teilnehmen.“ Genau das sollen Präventionsketten verhindern, indem möglichst früh mit Familien und Kindern Kontakt aufgenommen und Hilfe angeboten wird. Und das niederschwellig und unbürokratisch.

Konkrete Beispiele aus Dornbirn halfen beim Verständnis. So gibt es dort ein Baby-Start-Paket, das mit hochwertigen Artikeln gefüllt ist. Denn „mit einem Gutschein für Windeln ist es nicht getan“, wie Frei erklärte. Durch dieses Paket, das über 80 Prozent aller Familien abholen, komme ein erster Kontakt mit dem Familienzentrum zustande. Auch habe man acht ehrenamtliche Familienlotsinnen gefunden und ausgebildet. Für diese bekommen alle Familien mit dem Baby-Start-Paket einen Gutschein. Die Lotsinnen kommen nach Terminvereinbarung nach Hause und informieren über Angebote und Förderungsmöglichkeiten der Stadt Dornbirn. Erwähnenswert sei, so Frei, dass eine der Lotsinnen beispielsweise Muslima ist und diese somit „einen ganz anderen Zugang zu muslimischen Familien“ habe. Vorbild für das Dornbirner Modell ist ein Programm aus Nordrhein-Westfalen. Man könne nun Dornbirn nicht mit Nordrhein-Westfalen vergleichen, so Frei, „denn Dornbirn habe keine Brennpunkte wie in Nordrhein-Westfalen“. Aber es sei eine immerhin Stadt mit 118 Sprachen.

Inklusion als gutes Beispiel

Auch Ravensburg ist nicht Nordrhein-Westfalen. Und doch braucht es keine sozialen Brennpunkte, um die Notwendigkeit einer institutionsübergreifenden Vernetzung zu sehen. Ein gutes Beispiel ist das Thema Inklusion, das durch die Reform des Bundesteilhabegesetzes ab Januar 2020 behinderten Menschen mehr Selbstbestimmung und individuelle Hilfe bringen soll. Hier wünscht sich Karlin Stark, Leiterin des Landesgesundheitsamtes, ein Umdenken in der Gesellschaft. Jeder wünsche sich Inklusion, sagte Stark, aber keiner wolle „das schwierige Kind“ in der Schule neben dem eigenen sitzen haben. Doch Kinder würden wachsen an der Vielfalt und Akzeptanz. Stark: „Wir sind schlecht beraten, wenn wir alle ausschließen, die nicht perfekt sind.“ Im Rahmen der Fachtagung, die vom Ministerium für Soziales und Integration gefördert wurde, bekam die Stadt Ravensburg als 38. Mitglied der Landesinitiative „Gesund aufwachsen und leben in Baden-Württemberg“ die Beitrittsurkunde verliehen. Die Landesinitiative unterstützt Städte und Gemeinden bei einer generationenfreundlichen und gesundheitsförderlichen Kommunalentwicklung.

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