Die Hilfe aus dem Allgäu für den Libanon geht weiter

Lesedauer: 10 Min
Dieses Video steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Kommunales Know-How für Nahost: Amtzeller reisen in den Libanon
„Kommunales Know-How für Nahost“. So heißt ein Projekt der Bundesregierung. Kommunen aus Deutschland sollen dabei ihr Wissen im Umgang mit Flüchtlingen an Kommunen im Nahen Osten weitergeben. Zum Beispiel im Libanon. Mit dabei waren auch drei Vertreter aus Amtzell im Allgäu. Marlene Gempp hat mit ihnen über ihre Erfahrungen im Libanon gesprochen.
Schwäbische Zeitung

„Es gab einen Abend, da bin ich nur noch ins Bett gefallen und konnte mit den Emotionen nicht mehr umgehen.“ So beschreibt Verena Mayer einen Tag ihrer Reise in den Libanon, die sie zusammen mit 14 weiteren Delegierten aus fünf Allgäuer Gemeinden vor ziemlich genau einem Monat unternommen hat. Hilfe zur Selbsthilfe will das Projekt „Kommunales Know-how für Nahost“ im Libanon aufbauen. Ein deutschlandweit bisher einzigartiges Unterfangen im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (die SZ berichtete).

Besonders eindrücklich sei der Ort Ghazze im Osten des Libanon gewesen, erzählt Mayer vom Helferkreis Amtzell. Vor allem wegen des Bürgermeisters, der nach Hilfe bat: „Bitte geht nach Deutschland zurück und sagt, wir brauchen Hilfe.“Seit sieben Jahren statt wie erwartet ein paar Monate leben dort 36 000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Dabei hat die Gemeinde selbst nur 7000 Einwohner. Bisher funktioniere das einigermaßen, vor allem weil der Bürgermeister sich engagiert für die Flüchtlinge einsetze und weil das Zusammenleben der Menschen im Ort freidlich sei. „Zum Teil leben die Menschen aber seit sieben Jahren in einfachen oder einfachsten Behausungen, eng zusammen gepfercht. Und der Winter ist ähnlich wie im Allgäu“, erklärt Paul Locherer, ehemaliger Bürgermeister von Amtzell. „Man möchte sich wirklich nicht vorstellen, wie die Verhältnisse sind, sobald ein halber Meter Schnee liegt“, ergänzt Verena Mayer.

Eine verlorene Generation

Besonders Beeindruckt habe ihn die Gemeinde Al-Mohammara, erzählt Arno Leisen. Neben den 10 000 syrischen Flüchtlingen leben dort nämlich seit 70 Jahren bereits 40 000 palästinensische Geflüchtete. „Das sind drei Generationen. Wenn man durch so ein Lager geht und die vielen Kinder sieht – die tun einem richtig Leid. Das ist eine verlorene Generation“, erzählt Leisen. Jetzt im Winter sei die Lage besonders kritisch. Denn die vielen Flüchtlinge bekämen zwar Zelte gestellt, müssten aber selbst für Heizkosten aufkommen. „Und woher das Geld nehmen? Die Arbeitslosigkeit ist hoch.“ Denn bisher hat der Libanon viele Produkte wie Obst oder Oliven nach Syrien exportiert. Durch den Krieg im Nachbarland ist dieser Absatzmarkt allerdings eingebrochen. Die Landwirte haben keine Arbeit mehr, die Flüchtlinge nehmen Jobs für extrem niedrige Löhne an. „Und dann sind die vielen kleinen Kinder da. Das geht einem schon an die Nieren“, schildert Leisen weiter.

Konkrete Schritte geplant

Der erste Kontakt ist nun also geknüpft. Und jetzt soll es mit konkreten Projekten weitergehen. „Wir haben noch bevor die Maßnahmen anlaufen bereits sehr viele Eindrücke gewinnen können“, erklärt Locherer. „Und wir haben gesehen, dass wir als Kommunen wirklich viel direkt vor Ort bewirken können.“ Unter aderem habe sich die Delegation Schulgebäude vor Ort angeschaut. Die Kinder werden im Schichtbetrieb unterrichtet, berichtet Locherer. Hier könnten die Allgäugemeinden zum Beispiel für mehr Schulraum sorgen: „Die Idee von Zeltschule steht im Raum.“ Ein anderes Thema, bei dem konkret Hilfe an die libanesischen Gemeinden gehen kann ist die Abwasserentsorgung und -reinigung. „Wenn plötzlich so viele Menschen beieinander leben, fällt unglaublich viel Abwasser an“, erklärt Locherer. Um die Trinkwasserversorgung zu sichern, wollen die Allgäuer Tipps und Technik zur Verfügung stellen. Und das Besondere dabei: Die Hilfe geht direkt von Kommune zu Kommune und läuft nicht über Land oder Bund.

Und ganz nebenbei schweißt das Projekt zusammen, erklärt Locherer: „Die Zusammenarbeit der bayerischen und baden-württembergischen Gemeinden funktioniert hervorragend.“ Eine Basis für die kommenden Aufgaben.

Finanzierung und Akzeptanz des Projekts

60 Kommunalpolitiker haben darüber beraten, wie das Projekt weitergehen soll und was ihnen dabei am Wichtigsten ist. Zu den bisher 15 Deligierten sollen je Gemeinde drei weitere Vertreter dazugekommen. Wichtig dabei ist, dass die Entscheidungsgewalt bei den Kommunen bleibt.

Nachhaltigkeit: Laut Entwicklungsministerium ist dies ein Grundsatz des Entwicklungsprojekts und wird bei der Antragsprüfung besonders beachtet. Wichtig ist es dem Ministerium deshalb, dass kommunale Verbindungen und Strukturen zum Wissenstransfer entstehen.

Akzeptanz deutscher Hilfe im Libanon: Die ist durch die persönlichen Kontakte auf Ebene der Kommunalpolitiker gegeben. Anders als bei großen internationalen Initiativen sind die Gemeinden eingebunden. So haben die libanesischen Gemeindevertreter den Besuch ihrer Kollegen aus dem Allgäu als positiv wahrgenommen.

Finanzierung: Laut Entwicklungsministerium werden Zuschüsse innerhalb von acht Wochen nach der Antragsstellung ausgezahlt. Die Gemeinden müssen also nicht vorfinanzieren.

Rolle des libanesischen Staates bei der Finanzierung kommunaler Aufgaben: Auf Regierungsebene gibt es laut Vertreterin des Entwicklungsministeriums Gespräche bezüglich verlässlicher Steuersysteme und Korruptionsbekämpfung im Libanon. Die Prioritäten des Entwicklungsministeriumsliegen aber auf humanitärer Hilfe, da Gemeinden, die viele Geflüchtete aufgenommen haben, mit akuten Problemen zu kämpfen hätten.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen