„Ohrfeige ins Gesicht einer aufgeklärten Gesellschaft“

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Carl Herzog von Württemberg hat beim Neujahrsempfang am Sonntagvormittag in der Alten Remise im Schloss Altshausen vor Falschmeldungen, sogenannten Fake-News, gewarnt. Insbesondere bei Wahlen könnten diese ihre schädliche Wirkung entfalten, sagte er mit Blick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen im Herbst. Auch ging er auf die Situation der Flüchtlinge in Altshausen und das 500. Reformationsjubiläum ein, das 2017 vor allem von der evangelischen Kirche gefeiert wird.

„Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen für die 50 verbleibenden Wochen des Jahres alles erdenklich Gute – und insbesondere inneren und äußeren Frieden“, sagte der 80-Jährige. Er selbst habe das Jahr aufgrund des terroristischen Anschlags in der Türkei am frühen Neujahrsmorgen sehr nachdenklich begonnen. „Keinesfalls aber resigniert“, sagte er. So wolle er hoffnungsvoll in das neue Jahr gehen. 2016 sei ein Schaltjahr gewesen, in dem auch so mancher Schalter umgelegt worden sei. „Eine ganz besondere Entwicklung des Jahres ist dabei die der gezielten Falschmeldungen gewesen“, sagte er.

Dabei zielte er nicht etwa auf Aprilscherze, Zeitungsenten oder ungewollte Fehler in der Berichterstattung ab. Vielmehr meinte er Falschmeldungen, die gezielt in Umlauf gebracht werden. Das Internet zeige mehr und mehr seine Defizite. „In welcher Geschwindigkeit sich dann solche Fake-News verbreiten und vervielfältigen, ist bemerkenswert und erschreckend zugleich“, sagte Herzog Carl. Denn die Fülle an Informationen lasse sich vor allem auch in den sozialen Netzwerken inzwischen gar nicht mehr zuordnen. „Einst als soziale Netzwerke bezeichnet und gefeiert, würde, in meinen Augen oft genug auch die Bezeichnung asoziales Netzwerk zutreffen“, brachte er es auf den Punkt. „Denn was an Lügen, Intrigen und Verleumdungen kursiert, ist eine Ohrfeige ins Gesicht einer aufgeklärten Gesellschaft.“

Gefährliche Stimmungsmache

Strategisch eingesetzt werde mit Halbwahrheiten auch in der Politik Meinung gemacht. „Manche schaffen es sogar zum Präsidenten“, sagte Herzog Carl. „Nicht mehr Argumente und Fakten zählen, es reichen Stimmungen.“ Und Stimmungen seien schneller erzeugt als überprüft. Diese Stimmungsmache könne auch Abstimmungen beeinflussen, auch in Europa und Deutschland. „Bleibt zu hoffen, dass all diese anstehenden Wahlen dem Einfluss von Fake-News nicht unterliegen“, sagte er.

Am Ende seiner Rede ging er auf die großen Epochen der Menschheitsgeschichte in Bezug auf die Wirtschafts- und Gesellschaftsform ein: das Agrarzeitalter, das Industriezeitalter und das Informationszeitalter. „Stehen wir nun mitten im Informationszeitalter oder bereits an der Schwelle zu einer vierten Epoche, dem Desinformationszeitalter?“, fragte er. „Eine sehr gefährliche Entwicklung zeichnet sich da ab. Wir alle sind gefordert, diesem Trend Einhalt zu gebieten.“ Scherze, wie sie am 1. April üblich seien, sollten natürlich weiterhin möglich sein. Dennoch sollte jeder darauf achten, dass sich Wahrheit und Klarheit durchsetzen, appellierte der Herzog an seine Zuhörer.

Einige seiner Gäste begrüßte Herzog Carl in seiner Ansprache persönlich, darunter die Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger, die Landtagsabgeordneten Manfred Lucha und August Schuler, Landrat Harald Sievers und Andreas Brand, Oberbürgermeister der Stadt Friedrichshafen. An Altshausens Bürgermeister Patrick Bauser gewandt sagte er, dass die Unterbringung von Flüchtlingen vor gut einem Jahr eine kurzfristige Herausforderung war. „Die Integration aber ist die eigentliche, die langfristige Aufgabe.“ Viele Bürger setzten sich vorbildlich ein: der Helferkreis, Vereine, aber auch Betriebe, die einen Einstieg in die Arbeitswelt ermöglichen.

Christliches Miteinander

Auch betonte er, dass im Luther-Jahr auch Altshausen im Zeichen des Kirchenreformators steht. Der Glaube an Christus sei das Fundament der Kirchen. Deshalb freue er sich, dass diesen Sommer Laienschauspieler konfessionsübergreifend vor dem Schloss ein Freilichttheater zur Aufführung bringen werden. „Sie leisten nicht nur einen Beitrag zum kulturellen Kalender der Gemeinde, sondern auch zum christlichen Verständnis und zum Miteinander“, sagte er.

Musikalisch umrahmt wurde der Neujahrsempfang vom Klarinetten-Quartett Holzart, bestehend aus Carmen Hugger, Bernd Buck, Georg Buck und Gerold Schmid. Mit dem Stück „Czárdás“ von Vittorio Monti leiteten die Musiker zum geselligen Teil des Vormittags über.

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