Mundart trifft auf Drehorgel

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Zwei, die über ein großes handwerkliches Können verfügen: (v.li.) Rezitator Pfarrer Mayer-Ehinger und Drehorgelspieler Manfred K
Zwei, die über ein großes handwerkliches Können verfügen: (v.li.) Rezitator Pfarrer Mayer-Ehinger und Drehorgelspieler Manfred Kraus. (Foto: Bay)
Schwäbische Zeitung
Artur K. M. Bay

Helmut A. Mayer-Ehinger, Pfarrer in Rente, und Manfred Kraus haben einen Seniorennachmittag der katholischen Erwachenenenbildung Altshausen gestaltet. Zu hören gab es schwäbische Gedichte, untermalt von den Klängen einer Drehorgel.

Mit dem Namen Josef Eberle können heute vermutlich die wenigsten Schwaben noch etwas anfangen. Wenn aber von Sebastian Blau die Rede ist, dann schon eher. Er war einer der großen schwäbischen Poeten des vorigen Jahrhunderts und der Gründer und langjährige Verleger der Stuttgarter Zeitung. Unter mindestens fünf Pseudonymen hat der 1901 in Rottenburg am Neckar geborene Schriftsteller, Verleger und Philanthrop Josef Eberle seine Werke niedergeschrieben. Veröffentlicht wurden die meisten erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die katholische Erwachsenenbildung Altshausen konnte erneut Pfarrer Helmut A. Mayer-Ehinger gewinnen, der als exzellenter und munterer Rezitator bekannt ist. Musikalisch unterstützt wurde er von einem Drehorgelspieler aus Ravensburg namens Manfred Kraus, der in diesem Genre eine viel gelobte schwäbische Tugend entwickelte, nämlich Erfindergeist. Seine Ideen gaben der Drehorgeltechnik neue Impulse.

Haft im Konzentrationslager

Josef Eberle war in seinem Leben alles andere als auf Rosen gebettet. Aufgrund seiner Heirat mit Else Lemberger, die von einer jüdischen Familie aus Rexingen abstammte, wurde er 1933 zwei Monate im Konzentrationslager auf dem Heuberg inhaftiert. Danach verfasste er erste Gedichte als Sebastian Blau in schwäbischer Mundart. Als Poet war er ein exakter und feinsinniger Beobachter, der bis ins Detail die schwäbische Kultur, ihre ureigenen Idiome und Gepflogenheiten geradezu analytisch zu Papier brachte. „Rottenburg“ ist ein Paradebeispiel seiner Dichtkunst, das bei dem Vortrag fast wie ein Schauspiel anmutete: Aufschlussreich und breit angelegt, vortrefflich gereimt mit einer geradezu verblüffenden Anhäufung schwäbischer Ausdrücke und ganz speziellen Wortschöpfungen, die zum Teil bereits in Vergessenheit geraten sind.

Zu den Gedichten „Dr Gsangverei“ und „D’Bürgerwach“ spielte Manfred Kraus auf der Drehorgel den „Weingartener Narrenmarsch“, sehr zum Vergnügen der Zuhörer, denen dieses Musikstück geläufig war. Natürlich stand die zweistündige Lesung immer wieder im Zeichen uriger Kraft- und anderer Spezialausdrücke, die nur im Schwäbischen geläufig sind. Der „Globa“ beispielsweise ist eine Pfeife, auf der geraucht wird, aber der Ausdruck ist zweideutig. Er bezeichnet auch einen Grobian, sprich ein ungehobeltes Mannsbild. Munter ging es kreuz und quer durch die Seelenlandschaften schwäbischer Manns- und Weibsbilder mit ihren Ecken und Kanten, sei es auf dem Markt, in der Kirche oder in den unterschiedlichsten Berufsgruppen. Am Ende mussten Mayer-Ehinger und Kraus noch ein paar Zugaben auspacken.

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