Windrad bei Aitrach: Das sind die Argumente der Befürworter und der Gegner

 Im Gemeindewald bei Aitrach will die EnBW eine Windkraftanlge bauen.
Im Gemeindewald bei Aitrach will die EnBW eine Windkraftanlge bauen. (Foto: Symbol: Oliver Berg / dpa)
Johannes Reichert

Es war das vierte Treffen zum Thema Windkraft in öffentlicher Runde, zu dem Bürgermeister Thomas Kellenberger in die Turn- und Festhalle Aitrach eingeladen hatte. Die Gelegenheit, Fragen zu stellen, ist ergriffen worden, wenn auch viel Theoriegeplänkel den zahlreichen Zuhörern viel Konzentration abverlangte.

Der Gemeinderat wird das entscheidende Gremium sein, wenn es um die Verpachtung der Waldfläche für die Windkraftanlage geht. Kellenberger will nicht drängen, aber im ersten Quartal kommenden Jahres soll die Sache entschieden werden.

 Kleingruppen diskutieren die Argumente von Gerd Rosenkranz, der Mitglied der Agora-Gesellschaft in Berlin ist. Bürgermeister Th
Kleingruppen diskutieren die Argumente von Gerd Rosenkranz, der Mitglied der Agora-Gesellschaft in Berlin ist. Bürgermeister Thomas Kellenberger hat sich dazu begeben. (Foto: Johannes Reichert)

Der Info-Abend war gut getaktet. Zuerst Impulsreferate von vier Referenten, dann zu den Info-Ständen in der Halle und im Foyer zum Gespräch mit den Vertretern der verschiedenen Standpunkte und um 20.30 Uhr, also eineinhalb Stunden nach Beginn zurück zur Diskussion. Der Moderator des Abends, Christoph Ewen, hatte ein gutes Händchen mit der Einteilung der Redezeiten.

Gelände im Besitz der Gemeinde

Warum dieser Standort? Die benötigten Flächen, also auch die Zufahrt, sind alle im Besitz der Gemeinde. Bis zur nächsten Bebauung von Pfenders sind 650 Meter Abstand. An der Projektionsleinwand zeigte Michael Soukup (EnBW) die Lage, die möglichen Schattenlinien und die möglichen Schallreichweiten. Mit Aufnahmen aus verschiedenen Standorten, jeweils zwei Kilometern von der projektierten Anlage entfernt, ist die Sichtbarkeit visualisiert worden. Vom Parkplatz der Halle aus wird die Anlage hoch über Aitrach sichtbar sein.

Gar nicht einverstanden mit dem Bau ist das Netzwerk Naturschutz Allgäu-Oberschwaben, vertreten durch Herbert Rentzler. Die Heimat solle nicht Profiteuren zur Ausbeutung überlassen werden, Klimaschutz nur im Einklang mit der Natur. Mit dem Bau beginne eine flächendeckende Industrialisierung in unserer Region mit weitreichenden negativen Folgen für Erholungswerte und Tourismus. Das Eigentum in der Umgebung erleide eine Wertminderung.

„Ist unsinnig“

Rentzler zitierte Reinhold Messner: „Diese Art der Energiegewinnung ist unsinnig, wenn sie genau das zerstört, was man eigentlich bewahren wollte.“ Die eingeräumte Redezeit von zehn Minuten reichte kaum aus, bis er zusammenfassend konstatierte: „Windräder zerstören mehr als sie bringen!“

„Die Energiewende ist unumkehrbar und passiert überall auf der Welt“, hielt Gerd Rosenkranz von der Agora-Gesellschaft in Berlin kräftig gegen die Einwände von Herbert Rentzler. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom April dieses Jahres dem Klimaschutz Verfassungsrang gegeben. „In Zukunft werden wir viel mehr Strom brauchen, schon wegen der E-Mobilität. Ein Großteil muss vom Wind kommen. Die Politik hat die Atomnutzung abgeschrieben, und Kohleverstromung endet im Jahr 2030.“

Jeder Einwand wird geprüft

„Muss es denn so eine Monsteranlage sein, geht es nicht ein paar Nummern kleiner?“ wollte ein Besucher wissen. Peter Neisecke, Leiter der zuständigen Genehmigungsbehörde im Landkreis Ravensburg: „Die Landschaft wird sich ändern, so wie sie auch die Autobahn bekommen haben.“ Im Übrigen prüfe sein Haus genau jeden Einwand, so werde die Gefahr des möglichen Eiswurfs ebenso in Betracht gezogen wie die Frage, ob die Anlage eine 14 Kilometer entfernte Wetter-Radarstation stören könnte.

 Michael Soukup von der EnBW im Gespräch mit Besuchern.
Michael Soukup von der EnBW im Gespräch mit Besuchern. (Foto: Johannes Reichert)

„Dieses ,Whuff-Whuff’ dringt in uns ein“, so formulierte es ein Besucher. Die Frage Gesundheit und Schall dominierte nun eine Stunde lang die Diskussion der Experten, angeführt von dem über Video zugeschalteten Ingenieurbüro Möhler und Partner. Durch psychologische Befragungen sei die Wirkung von Infraschall als unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle nachgewiesen und sei ohne Wirkung auf die Probanden einer Studie.

Die Frage des Schalls

Der Hörschall könne aber als belästigend wahrgenommen werden. Es gebe Regelungen durch den Gesetzgeber, demzufolge nachts 45 dB nicht überschritten werde dürfe. Hier hakte der Fragesteller nach. Die Druckimpulse seien nicht berücksichtigt und die Wirkungen auf den menschlichen Körper völlig ungeklärt. Es seien in der genannten Studie des Ingenieurbüros zu wenige Probanden und keine jahrelangen Langzeitstudien gemacht worden. Die Fachbegriffe und der Streit der Diskutanten füllten Raum und Zeit.

 Das Gremium auf der Bühne.
Das Gremium auf der Bühne. (Foto: Johannes Reichert)

Zur Sprache kam der Energiebedarf zur Stahlerzeugung in Deutschland und die moderne Stadtgestaltung in etwa 30 Jahren. Man stritt sich über die nötige Zahl von Windkraftanlagen in Deutschland, deren Abstände voneinander, ja sogar über die Fähigkeit zum Kopfrechnen. Was vielleicht kein Wunder ist bei den vielen Begriffen von Infra, Ultra, Mega, Giga und Tetra.

Die letzten Fragen

Gegen 22.30 Uhr dann die letzte Fragerunde. Friedrich Thorsten Müller: „Es ist nichts gesagt bis jetzt zu Speicherkapazitäten.“ Ein anderer Gast wunderte sich über die „erbärmliche“ Ausbeute so einer gigantischen Anlage. Man fürchte auch ein Betretungsverbot des Waldstücks. Und der Rotmilan musste auch erwähnt werden, denn die EU habe ein absolutes Tötungsverbot dieses Vogels verhängt.

Die anwesenden Gemeinderäte haben gut zugehört. Sie werden zu entscheiden haben.

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