Beteiligt an der Kooperation: die Eichenwald-Werkrealschule.
Beteiligt an der Kooperation: die Eichenwald-Werkrealschule. (Foto: Lang)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Bad Wurzach

„Das Experiment klappt. Wir sind der Versuchsballon und bekommen das dafür schon sehr gut hin.“ Hartmut Forstner, kommissarischer Leiter der Eichenwald-Werkrealschule Aichstetten, zieht nach einem halben Jahr ein positives Fazit der Kooperation mit der Sprachheilschule Arnach.

Für die Aichstettener war diese Zusammenarbeit mit Arnach der Rettungsanker. Die Werkrealschule war wegen zu wenig Anmeldungen für die fünfte Klasse in ihrem Bestand akut bedroht. Nur dadurch, dass fünf Schüler aufgrund der Kooperation nach der vierten Klasse von der Sprachheilschule nach Aichstetten wechselten, erhielt die Schule eine Bestandsgarantie. „Für die nächsten Jahre sind wir auf der sicheren Seite“, sagt Forstner.

So glücklich er darüber ist, so stolz ist er gleichzeitig darauf, wie gut es in der Inklusionsklasse läuft. Denn als Pädagogen mit Leib und Seele geht es ihm nicht nur um die Schule selbst, sondern in allererster Linie ums Wohl der Kinder.

Das stellt auch Heidi Doubek, Leiterin der Arnacher Sprachheilschule, über alles. „Als Einrichtung haben wir keinen direkten Vorteil von der Kooperation. Aber für die Kinder ist es eine sehr gute Lösung, und für die Kinder sind wir ja da.“

Und mit dem Kindswohl schaut es sehr gut aus. Von den 19 Mädchen und Jungen in der Klasse fünf der Eichenwaldschule sind fünf von der Sprachheilschule gekommen, zwei sind Flüchtlingskinder, der Rest sogenannte Regelschüler. „Es gibt keine Gruppenbildung, es gab sie von Anfang an nicht“, hat Forstner beobachtet.

Aufgrund der Kooperation wird die Klasse von zwei Lehrerinnen betreut: Stefanie Göbel von der Sprachheilschule und Nora Steinbach von der Werkrealschule, die zuvor im Hörsprachzentrum Wilhelmsdorf beschäftigt war und daher ein gerüttelt Maß an Vorkenntnis mitbrachte. Von der doppelten Betreuung profitieren alle in der Klasse, die Inklusionskinder wie die Regelschüler. Denn intensiver als üblich werden alle betreut.

„Wir können in kleinen Gruppen arbeiten und so parallel zum Unterricht eine individuelle Betreuung garantieren“, sagt Stefanie Göbel und hebt hervor: „Zwei Lehrer, das sind auch zwei Sichtweisen, die sich ergänzen. Der eine bemerkt, was der andere vielleicht übersehen hätte, und so können wir aus jedem Kind das Bestmögliche herausholen.“

Wichtig ist Nora Steinbach zu betonen, dass entgegen mancher Befürchtung der bessere Schüler nicht etwa unterfordert wird. „Gerade, weil wir eine Inklusionsklasse mit doppelter Betreuung haben, können wir auch den Starken fordern und fördern.“ Und schließlich habe eine Sprachbehinderung nichts mit der Intelligenz zu tun, betont Stefanie Göbel. „Es gibt klügere und weniger kluge sprachbehinderte Kinder, so wie es klügere und weniger kluge Kinder überhaupt gibt.“

Beiden Lehrerinnen und dem Schulleiter ist in den vergangenen Monaten positiv aufgefallen, dass die Kinder selbst ihr Miteinander in der Klasse, um die die Erwachsenen so großes Aufsehen machen, als ganz selbstverständlich nehmen.

„Die Besseren helfen den nicht ganz so Guten, ganz unaufgeregt, ohne jede Spur der Besserwisserei“, berichtet Nora Steinbach aus dem Unterricht.

„Dieser soziale Aspekt ist uns ganz wichtig“, sagt Forstner. „Mit Menschen, die anders sind, normal umgehen. Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Vermitteln, dass es nicht schlecht sein muss, wenn jemand anders ist. Dass jeder sein Päckchen durchs Leben zu tragen hat, der eine ein größeres, der andere ein etwas kleineres.“

„Wir hoffen, dass wir die Zusammenarbeit mit Arnach fortsetzen können“, sagt Forstner. Anfang April steht wieder der Anmeldetermin fürs nächste Schuljahr an, dann wird sich entscheiden, ob es wieder eine Inklusionsklasse fünf geben wird. Die Eltern von fünf Kindern ihrer jetzigen vierten Klasse hätten Interesse gezeigt, berichtet Heidi Doubek.

Die jetzige Fünfte in Aichstetten wird dann zur Sechsten. Das Experiment wird also auf jeden Fall noch ein Jahr fortgesetzt. Und es erweckt, da sehr selten in der Region (die nächste Kooperationsschule befindet sich in Niederwangen), Interesse. Die Pädagogische Hochschule in Weingarten, bei der Inklusion auch auf dem Lehrplan für die Lehramtsstudenten steht, hat Kontakt zur Eichenwaldschule aufgenommen. Studenten haben bereits den Unterricht besucht, um einen Eindruck von Inklusion in der Praxis zu gewinnen. Diese Kooperation soll weitergeführt werden.

„Noch so ein Versuchsballon“, freut sich Forstner, dass seine fast schon tot geglaubte Schule plötzlich so viel Aufmerksamkeit erfährt.

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