So fromm ist die fromme Helene nicht

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 Toitoitoi für die Premiere (von links): Hans Steiger, Wirt und Bürgermeister (Martin Heider), Josef Heiss, Gemeinderat (Otto Ka
Toitoitoi für die Premiere (von links): Hans Steiger, Wirt und Bürgermeister (Martin Heider), Josef Heiss, Gemeinderat (Otto Kaeß), Wolfi, Sohn von Hans und Emmi (Michael Zirn), Peggy, des Pfarrers Nichte (Melanie Branovics), Emmi Steiger, die Frau von Hans (Doris Fuhge), Pfarrer Rutzmoser (Günter Mennig), Rudi Küchle, Gourmet- und Fernsehkoch (Matthias Kaeß), Leni, ehemalige Pfarrhausere (Barbara Heider). Wen man auf der Bühne nicht sieht: Lisa Zirn und Sarah Wochner (Souffleusen), Iris Ebendorf (Maske und Frisuren), Günter Heider, Fritz Lang, Matthias Lachmann, Robert Zirn (Bühne), sowie Roland Branivics (Technik). (Foto: Susi Donner)
Susi Donner

Die „Fromme Helene“ ist das 22. Stück, das der Theaterverein Achberger Bühne präsentiert. Es ist eine Bauernkomödie in drei Akten von Cornelia Willinger, der Spielleiterin Barbara Heider in ihrer Überarbeitung regionale Atmosphäre und heimeligen Dialekt verliehen hat. Am Samstag, 12. Oktober, 19 Uhr, ist Premiere.

Es wuselt munter in der Achberghalle. Die Schauspieler werden geschminkt, die Bühne hergerichtet, Requisiten zusammengesammelt. „Wo ist denn das Ministrantendings?“, ruft jemand. Und „Wer macht jetzt die Glocke?“, ruft ein anderer, der als Antwort ein fröhliches „Bim Bam“ bekommt. Gekonnte Improvisation ist eben alles. Und dann geht das Probenspiel los, und schnell ist klar: So fromm geht es gar nicht mal zu in „Die fromme Helene“. Das liegt unter anderem gewiss an der Liebe, die hier und dort aufblitzen darf, aber durchaus auch an der einen oder anderen Gaunerei. Es geht um so Sachen wie Absolution. Gebetsautomaten in Wangen. Pfarrer ärgern. Berge von unten, Kirchen von außen und Wirtschaften von innen anschauen. Angewärmtes Taufwasser. Den Monaco Franze, geschniegelte Gewürzmischungen und noch viel mehr. Eine spannende und dichte Geschichte. Witzige Dialoge.

Was darf überhaupt erzählt werden, von einem Theaterstück, das sich noch in der Probenzeit befindet, das die Zuschauer überraschen soll, und überraschen wird? Die Bühne loben, die liebevoll und durchdacht gebaut worden ist, mit einem Kirchturm (neben dem Wirtshaus), bei dem sogar an die nötige Patina gedacht ist? Die Charaktere vorstellen, ohne zu viel zu verraten? Ja, das geht wohl. Da ist also ein Dorf. Nennen wir es Achberg. Sein Bürgermeister heißt Hans Steiger. Den Martin Heider in all seiner sympathischen Verschlagenheit sehr glaubwürdig mimt. In der Rolle seiner Frau Emmi brilliert, liebt, leidet und triumphiert Doris Fuhge. So echt, dass scheinbar sogar ihre Mitspieler vergessen, wer sie ist und sie in der Probenpause Emmi nennen. Der Sohn der beiden ist ein echtes „Herzele“: Wolfi. Verliebt und anscheinend lebensweiser und vernünftiger als die Erwachsenen. Michael Zirn spielt den lausbübischen Liebhaber mit einer überzeugenden Sanftheit. Wem sein junges Herz gehört? Das soll natürlich noch nicht verraten werden. Das ist geheim.

Die resolute Leni

Damit die Geschichte – eigentlich sind es ja mehrere Geschichten in einer – rund wird, ist Leni notwendig. Barbara Heider gibt die enttäuschte, verärgerte, weil nicht mehr benötigte und aufs Abstellgleis gestellte, oder halt ins Altersheim abgeschobene Pfarrhaushälterin echt, entschlossen, verzweifelt oder gerissen – wie es die Situation gerade erfordert. Immerhin hat sie 45 Jahre lang dem alten Pfarrer den Haushalt geschmissen. „Dann haut der einfach ab.“ Undank ist halt der Welt Lohn. Oder doch nicht? Der neue Gemeindepfarrer Rutzmoser, in dessen Soutane und Trainingsanzug mit viel geistlicher und auch unternehmerischer Würde und Energie Günter Mennig schlüpft, hat jedenfalls seine liebe Not mit der resoluten Leni. Und mit Hans, der gewillte Kirchgänger in seine Wirtsstube zum Kartenspielen umleitet. Und mit seiner Nichte Peggy, alias Melanie Branovics, die ihn mit ihrem mädchenhaften Charme auf Trab hält. Und nicht nur ihn. Was braucht ein Dorf noch, um völlig aus den Fugen zu geraten? Genau: einen Gemeinderat. Den verkörpert ein tiefenentspannter Otto Kaeß als Josef Heiss. Und als dann auch noch Matthias Kaeß als Gourmet- und Fernsehkoch Rudi Küchle auftaucht, das ehemalige Herzebobbele von Emmi, das sie „damals“ aber zugunsten von Hans verschmäht hat, sind immer mehr Turbulenzen vorgezeichnet.

Mehr wird von der Geschichte nun nicht verraten. Sonst bekommen wir es mit Leni – besser Barbara Heider zu tun, der die Rolle der Leni auf den Leib geschrieben ist. 1998 war es, als diese quirlige, energische, drahtige Person zum ersten Mal ein Theaterstück in Achberg inszeniert hat. Und seither in jedem Jahr ohne Pause. Dass sie es gut macht, zeigt unter anderem die Tatsache, dass einige ihrer Schauspieler von Anfang an dabei sind.

In der Probe wird vor allem eines klar: Sie ist vielfachbegabt. Nicht nur, dass sie Regie führt, selbst eine Rolle mit vielen Auftritten und Text hat, sie hat ihre Augen und Ohren gleichzeitig überall. Ohne aus dem Spiel zu fallen, sieht sie alles, hört sie alles, gibt sie so ganz nebenbei Tipps zu Mimik, Positionen und Worten, dirigiert den Vorhangschluss, singt das erforderliche Lied, weil die Technik kurz ausfällt. Und das alles heiter, gelöst und ausgeglichen.

Seit Juni probt die Truppe, mit kurzer Sommerpause zweimal pro Woche. In der Woche vor der Premiere werden es drei Proben sein. Damit am Ende auch jeder Einsatz perfekt sitzt. Denn auch auf Kleinigkeiten kommt es an. Wie beispielsweise auf den Koffer, der nicht leer ist. „Das sieht man nämlich, wenn jemand einen angeblich vollen Koffer hebt, und da ist nichts drin“, sagt Heider. Was den Achberger Theaterverein ausmacht, weiß die Regisseurin ganz genau: „Wir sind wie eine Familie und halten zusammen. Jeder übernimmt mehrere Funktionen, bringt sich ein mit dem, was er kann, engagiert sich, wo er kann.“

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