„Bitte bleiben Sie, Sie sind unverzichtbar“

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 Max Kostka (links) vom Helferkreis Hergatz erzählt Moderator Thomas Bergert, dass die Zusammenarbeit in der Flüchtlingsarbeit m
Max Kostka (links) vom Helferkreis Hergatz erzählt Moderator Thomas Bergert, dass die Zusammenarbeit in der Flüchtlingsarbeit mit dem Landratsamt Lindau effektiv, ziel- und lösungsorientiert sei. (Foto: Susi Donner)
Susi Donner

19 Helferkreise gibt es im Landkreis Lindau in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe. Landrat Elmar Stegmann hat diese ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer aus dem oberen und unteren Landkreis zu einem Empfang mit Podiumsdiskussion in den Löwensaal in Lindenberg eingeladen.

Es sei ein Abend, an dem sowohl der Landkreis als auch der Freistaat Bayern den Ehrenamtlichen „Vergelt‘s Gott für ihr herausragendes Engagement“ sagen wollen, so der Landrat in seiner Begrüßung. Deshalb sei auch Barbara Stamm, die ehemalige Präsidentin des Bayerischen Landtags angereist. Allen seien sicher noch die Bilder präsent, als im September 2015 der Flüchtlingsstrom massiv zunahm, hielt Stegmann Rückschau, und erinnerte daran, wie die ersten Ankommenden in einer der Turnhallen in Lindenberg Notunterbringung fanden. Innerhalb kürzester Zeit wurden 286 Menschen aufgenommen und versorgt, was nur dank vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, Dolmetscher und aller Blaulichtorganisationen gelingen konnte.

Ganz bewusst habe man sich im Landkreis gegen zentrale Flüchtlingsunterkünfte entschieden. Dezentralisierung heiße bis heute das Zauberwort, mit dem Integration gelingen könne. Alle Städte, Märkte und Gemeinden haben sich beteiligt und so konnten die geflüchteten Menschen über den ganzen Landkreis verteilt werden. Stegmann dankte den Bürgermeistern und auch seinen Mitarbeitern, die ebenfalls eine Fülle an neuen Aufgaben zu bewältigen hatten. In den Gemeinden hätten sich die Menschen gefunden, die bereit waren, sich in ihrer Freizeit einzubringen und den Geflüchteten das Ankommen zu erleichtern und ihnen die nötige Hilfestellung zu geben. „Obwohl Sie sicher damals schon geahnt haben, dass Sie diese Aufgabe über Jahre hinweg bindet. Dafür haben Sie meinen ganzen Respekt“, sagte er. Die elementare Grundversorgung sei nämlich erst der Anfang gewesen. Lebten 2013 noch 178 geflüchtete Menschen im Landkreis Lindau in Flüchtlingsunterkünften, so waren es Ende 2015 schon 859. Im Schnitt lebten in den folgenden Jahren etwa 750 Menschen in Unterkünften des Landkreises und der Regierung von Schwaben, gegen Ende dieses Jahres werden es etwa 710 geflüchtete Menschen sein. Sie stammen in erster Linie aus Syrien, Afghanistan, Nigeria, Eritrea und Somalia.

Im Landratsamt selbst seinen aktuell fünf Teilzeitkräfte in der Flüchtlings- und Integrationsberatung tätig. Die Diakonie sei zuverlässiger Partner. Auch die Kreisgremien würden die Flüchtlingsarbeit tatkräftig unterstützen. Den Asylsuchenden stehen Integrations- und Deutschkurse zur Verfügung, die sie auch rege nutzen, so der Landrat. „Hier haben die Helferkreise sehr viel Arbeit geleistet, indem sie Deutschkurse quasi rund um die Uhr angeboten haben.“ Stegmann sprach die ehrenamtlichen Helfer direkt an: „Ohne Sie wären die Asylsuchenden in unserem Landkreis nicht so gut integriert und akzeptiert. Der Staat selbst ist gar nicht in der Lage, die geflüchteten Menschen so intensiv zu betreuen.“ Ziel des Abends sei auch, die Zusammenarbeit zwischen Ehrenamt und Behördenmitarbeitern zu fördern. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Fortbildungen und gemeinsam wurde ein Integrationskonzept für den Landkreis erstellt. Stegmann ermunterte die ehrenamtlichen Helfer, jederzeit auf ihn oder seine Mitarbeiter zuzukommen wenn sie Hilfestellung in ihrer Arbeit benötigen.

Barbara Stamm gratulierte „Herr Landrat, Sie haben wunderbare Menschen in Ihrem Landkreis, die eine Kultur des Hinsehens leben, Menschlichkeit zeigen, Zeit und Hoffnung schenken.“ Sie sei absolute Befürworterin der im Landkreis gelebten Dezentralisierung und wisse, mit wie vielen Hürden die ehrenamtlichen Helfer zu kämpfen haben. Sie sagte aber auch klar, dass es nicht einfacher werden wird. Die wichtige Phase der Integration sei jetzt. Die Bewältigung der Bürokratieberge, Wohnungssuche, Erbringung von Identitätsnachweisen seien nur einige Beispiele. Es gehe um Fördern und Fordern. „Denn nur wer Deutsch lernt, hat eine Chance auf eine eigenständige Zukunft. Wer integriert werden will, muss sich auch integrieren lassen.“ Den Helferkreisen komme hier eine wichtige Brückenfunktion zwischen der Gesellschaft, den Flüchtlingen und den Behörden zu. „Bitte bleiben Sie. Sie sind unverzichtbar geworden“, bat sie die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer.

Durch die Podiumsdiskussion führte Moderator Thomas Bergert. Neben Elmar Stegmann und Barbara Stamm kam Edith Vögel, eine der beiden Integrationslotsinnen des Landkreises zu Wort. Integrationslotsen begleiten und unterstützen die Helferkreise, erklärte sie. Evi Poppe vom Helferkreis Oberreute erzählte, dass in Oberreute die Dezentralisierung voll greife. „Unsere insgesamt zwölf Flüchtlinge sind lauter junge Männer, die Führung und Sicherheit brauchen. Bei uns ist die Integration geglückt, obwohl die Gemeinde wenig Infrastruktur bietet.“ Max Kostka vom Helferkreis Hergatz machte auf die mangelnde Verkehrssituation des ÖPNV im Landkreis aufmerksam. Außerschulische Veranstaltungen und auch die Arbeitsstelle seien für viele Flüchtlinge schwer zu erreichen.

Der Landrat nahm den Ball an und berichtete, dass just an diesem Tag die Bürgermeister des Landkreises ein neues Konzept beschlossen haben, das bis 2023 umgesetzt wird, und die Situation verbessern werde. Gemeinsam trug das Podium Wünsche für die Zukunft in der Flüchtlingsarbeit zusammen. Das waren unter anderem verständliche Bescheide, ausreichend Personal, weniger Bürokratie, mehr Wohnraum, bessere Vernetzung der Behörden untereinander, dezentralisierte Entscheidungsgewalt an der Basis, eine einheitliche Lösung des Asylrechts in Europa und darüber hinaus, faire Verteilung von Flüchtlingen, und vor allem die stärkere Bekämpfung der Fluchtursachen, damit die Menschen ihre Heimat erst gar nicht verlassen müssen. „Ich habe Frau Merkel nie verstanden, warum der Entwicklungsminister nicht viel nachhaltiger unterstützt wird“, sagte Stamm und versprach die Botschaften ins Ministerium nach München zu bringen.

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