Schule trotz Schnee-Gefahren: Mütter werfen dem Lindauer Landrat Fahrlässigkeit vor

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 So sahen die Gehwege im Umfeld der Weißensberger Grundschule zumindest am Montagmorgen aus, als dort ganz normaler Unterricht a
So sahen die Gehwege im Umfeld der Weißensberger Grundschule zumindest am Montagmorgen aus, als dort ganz normaler Unterricht angesetzt war. (Foto: privat)
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Auch für die Grundschule Weißensberg hätte der Landkreis zu Wochenbeginn schulfrei geben müssen. Davon sind Mütter überzeugt, die sich an die Lindauer Zeitung gewandt haben. Denn anders als vom Landrat und den Bürgermeistern behauptet, seien auch in Weißensberg und Sigmarszell die Schulwege bis zum Mitte der Woche gefährlich gewesen.

Einige Mütter haben sich bereits zu Beginn der Woche an die zuständigen Stellen gewandt. Doch nachdem Landrat Elmar Stegmann mit Vorwürfen gegen die Stadt Lindau an die Öffentlichkeit gegangen ist, wenden sie sich an die Lindauer Zeitung. Aus ihrer Sicht war es richtig, dass die Stadt Lindau Kinder und Jugendliche vor einem gefährlichen Schulweg bewahrt und auf ein paar Tage schulfrei gedrängt hat. Ein Fehler sei es aber gewesen, für Weißensberg nicht das gleiche zu entscheiden. Da habe der Landrat fahrlässig die Gesundheit der Kinder aufs Spiel gesetzt.

 Unter Bäumen am Waldrand verläuft der Schulweg einiger Kinder, die zu Beginn der Woche in Weißensberg zur Schule gehen mussten.
Unter Bäumen am Waldrand verläuft der Schulweg einiger Kinder, die zu Beginn der Woche in Weißensberg zur Schule gehen mussten. (Foto: privat)

Die Mütter wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie Nachteile für ihre Kinder befürchten. Umso eindeutiger sind sie in ihren Berichten über die Schulwege nach den heftigen Schneefällen vom Wochenende. Tatsächlich seien die Straßen in Weißensberg und Sigmarszell am Montag weitgehend frei gewesen, Schulbusse sind gefahren, auch Haltestellen waren geräumt. Die Gehwege dorthin aber nicht. Die Kinder mussten also auf den Fahrbahnen laufen. „Das war auch am Dienstag und in Bösenreutin bis Donnerstag der Fall“, berichtet eine Mutter.

Mütter widersprechen der Behauptung des Landrats

Sie widersprechen damit vehement der Behauptung des Landrats, der den Winterdienst der Stadt Lindau kritisiert und auf Nachbargemeinden verwiesen hatte, in denen die Straßen zum Schulbeginn geräumt gewesen seien. Zumindest in Weißensberg und Sigmarszell entspreche das überhaupt nicht der Wahrheit.

In einer E-Mail haben besorgte Eltern das Landratsamt am späten Montagabend über die Gefahren informiert, nachdem sie auf schwäbische.de gelesen hatten, dass Erik Jahn als rechtlicher Leiter des Schulamtes die Schulwege in Weißensberg und Sigmarszell als sicher beurteilt hatte. Dabei verweisen die Eltern auf nicht geräumte Gehwege und andere Gefahren: „Die Kinder von Oberhof müssen über die Halde durch einen Wald. Die Astbruchgefahr ist enorm. Der Bahnweg von Rehlings ist dunkel und ebenfalls nicht geräumt und von Bäumen umgeben.“

In der Pause lasse die Schulleitung die Kinder nicht nach draußen, weil das zu gefährlich sei, aber der Schulweg gelte als gefahrlos, „obwohl er tatsächlich die größere Gefahr darstellt“, wundern sich die besorgten Eltern, die weitere Straßen aufzählen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht geräumt waren.

Dieser Gefahr wollten die meisten Eltern ihre Kinder nicht aussetzen und haben sie deshalb lieber mit dem Auto zur Schule gebracht. Das galt auch für viele Kinder, die sonst mit dem Schulbus fahren. Das habe vor der Schule, die am Ende einer Sackgasse liegt, zum Verkehrschaos geführt. Wo sich alle Busse aus Niederstaufen, Schwatzen und Bösenreutin sowie die Autos der Eltern treffen, sei es schon ohne Schnee gefährlich.

Eltern haben am Montag das Landratsamt informiert

Eltern haben nach eigenen Worten am Montag telefonisch das Landratsamt und den Weißensberger Bürgermeister informiert. Die Lindauer Behörde habe auf die Räumpflicht der Gemeinde verwiesen, der Bürgermeister auf die Verantwortung der Schulleitung, des Landratsamts und seines Sigmarszeller Kollegen, der Vorsitzender des Schulverbands ist. Außerdem habe er über die Verantwortung der Eltern gesprochen, die trotz Schulpflicht ihr Kind daheim lassen könnten, wenn sie den Schulweg als zu gefährlich ansehen.

Am Dienstag hat eine Mutter erneut mit dem Landratsamt telefoniert, das gesammelte Informationen gefordert habe, die einen unsicheren Schulweg belegen. Erst am Dienstagnachmittag hat das Landratsamt auf seiner Homepage erstmals ausdrücklich Eltern freigestellt, Kinder trotz Schulpflicht daheim zu lassen, wenn sie den Schulweg für zu gefährlich halten. Die Mitteilungen des Landratsamts vom Sonntag und Montag enthalten diesen Hinweis nicht. Die Eltern verweisen auf Presseberichte der jüngsten Zeit, dass gemäß Rechtslage die Eltern rechtliche Probleme bekommen, wenn sie auf eigene Faust die Ferien um einen Tag verlängern.

Die Bürgermeister Hans Kern (Weißensberg) und Jörg Agthe haben – wie berichtet – bereits eingeräumt, dass aus ihrer Sicht am Montag auch der Schulweg nach Weißensberg gefährlich war. Wenn das Landratsamt gefragt hätte, hätten sie geraten, auch dort die Schule zumindest einen Tag länger geschlossen zu halten. Das Landratsamt hat aber nicht gefragt, und die Bürgermeister sind ihrerseits nicht auf die Idee gekommen, sich dort zu melden, wie es der Landrat im Nachhinein anmahnt. Stegmann verweist auf die Verantwortung der Eltern, die ihre Kinder keiner Gefahr aussetzen müssten.

Mütter fühlen sich und ihre Kinder im Stich gelassen

Das Fazit der Mütter ist eindeutig: „Es ging und geht in dieser Diskussion nicht allein oder überhaupt um die Sicherheit unserer Kinder auf dem Schulweg, sondern lediglich darum, möglichst die Verantwortung auf andere abzuwälzen.“ Der Landrat habe zwar – offenbar auf Drängen der Stadt Lindau – im Sinne der Lindauer Schüler entschieden, die Kinder der Landgemeinden aber im Stich gelassen. Die Schneemassen hätten auch dort die Entscheidung erfordert, die Schule ein paar Tage länger zu schließen. Und nun habe niemand die Größe zuzugeben, dass man einfach einen Fehler gemacht habe. Frustriert fasst eine Mutter zusammen: „Alles in allem fühlt man sich hier einfach im Stich gelassen.“

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