„Oft leiden die Angehörigen viel mehr“

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 Dr. Stefan Czischke ist Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie und ist Sektionsleiter für Akutgeriatrie in der Rotkreuzklini
Dr. Stefan Czischke ist Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie und ist Sektionsleiter für Akutgeriatrie in der Rotkreuzklinik in Lindenberg. (Foto: Susi Donner)
Susi Donner

Jede Krankheit ist ein Schicksalsschlag, der die ganze Familie betrifft. Für die Demenz trifft das in besonderer Weise zu. Die Gemeinde Wasserburg hat gemeinsam mit dem Seniorenheim Hege zu einem Vortrag über diese heimtückische Erkrankung eingeladen, mit dem Experten Dr. Stefan Czischke, Sektionsleiter für Akutgeriatrie in der Rotkreuzklinik in Lindenberg.

„Das Leben der ganzen Familie verändert sich, wenn ein Familienmitglied an Demenz erkrankt. Tag für Tag betreuen viele Angehörige ohne Klage den Betroffenen. Die Krankheit steht immer im Mittelpunkt und die Familie muss es aushalten, dass sich ein geliebter Mensch verändert und zurückentwickelt. Das geht an die Substanz und verzehrt schnell alle Kraft. Die pflegenden Angehörigen müssen auch auf sich selbst achten, Hilfe suchen und annehmen“, mit diesen einfühlsamen Worten begrüßte Bürgermeister Thomas Kleinschmidt das Auditorium im Bürgerbegegnungshaus. Mit dem Vortrag von Stefan Czischke wolle die Gemeinde pflegenden Angehörigen und beruflich Pflegenden gebündeltes Wissen über die Erkrankung vermitteln, ihnen Mut machen und Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen.

Es hörte sich erstmal hart an, wie der Facharzt für Geriatrie das Wort übersetzte: „De mentia – ohne Geist“. Der Beginn sei ein schleichender – Anfänge von Demenz werden oft nicht bemerkt. Jeder vergisst doch mal eine Telefonnummer oder weiß nicht mehr, warum er gerade ins Wohnzimmer gegangen ist. Wenn aber die intellektuelle Leistungsfähigkeit in mindestens zwei Bereichen (wie Gedächtnis, Konzentration, Orientierung, logisches Denken, Urteilsvermögen) mit Beeinträchtigung bei den Aktivitäten des alltäglichen Lebens abnehme und die Symptome länger als sechs Monate – also chronisch – anhalten, bestehe der Verdacht einer Demenz. Relativ einfach sei der Uhrentest durchzuführen: der Betroffene soll auf ein weißes Blatt Papier eine Uhr malen, mit der Uhrzeit 11.10 Uhr. Wer das schafft, ist eher (noch) nicht an Demenz erkrankt.

Demenz sei überwiegend eine Erkrankung des Alters. 1,7 Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen – das sind rund zwei Prozent der Bevölkerung. Zweidrittel davon sind über 80 Jahre alt. 300 000 Neuerkrankungen gebe es jedes Jahr, 260 000 Menschen sterben jährlich an Demenz, somit werden es Jahr für Jahr rund 40 000 Demenzkranke mehr. 70 Prozent aller Betroffenen leben zu Hause. Stefan Czischke informierte über mögliche Risikofaktoren, die eine Demenz begünstigen, wie das Alter, jahrelanger Bluthochdruck, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, geistige Inaktivität, geringe Bildung in der Jugend, Diabetes Mellitus, Übergewicht und Stoffwechselstörungen.

Ist die Diagnose gestellt, sei es ein erster schwerer Weg, sie zu akzeptieren. Der Experte empfiehlt, rechtliche Regelungen zu treffen, solange der Betroffenen noch zu eigenen Entscheidungen fähig ist. Dann gelte es die zunehmenden Defizite so gut es geht zu kompensieren. Eine Pflegegradeinstufung vorzunehmen. Denn die Demenz sei eine langsam fortschreitende Erkrankung, die zunehmende Verhaltensstörungen mit sich bringe. Von ihrem Beginn bis zum Tod vergehen im Mittel zehn Jahre. Die Alltagskompetenz nehme ab und später sei die Motorik so beeinträchtigt, dass der Erkrankte nicht mehr gehen kann. Für die vielfältige medizinische Therapie sind die Ärzte da, auch eine psychische und soziologische Begleitung sei sinnvoll, so Czischke.

Aber die Hauptlast der anspruchsvollen Pflege, die viel Geduld erfordere, tragen pflegende Angehörige. Sie benötigen dringend Begleitung, um von Beginn der Betreuung an ihre Überlastung zu vermeiden. Sie müssen lernen, wie sie neu, liebe- und respektvoll, feinfühlig, freundlich und verständnisvoll mit ihrem geliebten Menschen, der sich so sehr verändert, umgehen können. Ihm vermitteln „ich verstehe dich und deine Gefühle. Du bist mir wichtig“, mit ihm auf die beste Zeit des Lebens zurückgreifen, mit ihm lachen aber ihn nicht auslachen, mit Blickkontakt sprechen, einfache Botschaften vermitteln, ihm Erfolgserlebnisse verschaffen, in dem sie ihn das tun lassen, was er noch kann. Musik, Tanz, Bewegung, Körperkontakt seien gute Möglichkeiten die Erkrankung positiv zu beeinflussen. Ebenso sei eine verlässliche routinierte Tagesstruktur wichtig, mit Beschäftigungen, die dem Dementen Freude machen.

Und wenn es besonders schwierig wird – denn „es gibt liebe Demente und nicht so liebe Demente“, sagte Czischke – Anschuldigungen und Vorwürfe überhören. Konfrontationen vermeiden, sich auf keine sinnlosen Diskussionen einlassen – lieber ab- oder einlenken. Den Zuhörern wurde mit jedem Wort Czischkes bewusster, vor welcher Herausforderung die pflegenden Angehörigen stehen – und dass deshalb ambulante wie stationäre Entlastungsmöglichkeiten wie die Tagespflege, Kurzzeitpflege, Pflegeheim und Selbsthilfegruppen umso wichtiger sind.

Auf die Frage, ob man den Erkrankten ihre Diagnose mitteilen sollte, antwortete der Experte: „Ich bin ein Freund von Offenheit. Jeder Mensch hat das Recht auf die Wahrheit – vor allem wenn er danach fragt.“ Ohnehin spüren die meisten Betroffenen, dass mit ihnen etwas nicht stimme und die psychische Belastung sei umso größer, wenn nicht mit ihnen darüber gesprochen werde. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten mit Demenz sehr wohl Lebensqualität spüren. Oft leiden die Angehörigen viel mehr.“

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