Mittelalterliche Folter-Birne kehrt nach Wasserburg zurück

Isabel de Placido

Das Wasserburger Museumsteam ist ebenso überglücklich wie stolz. Ihm ist es gelungen, ein weiteres Stück Geschichte ins Malhaus zu holen, das zwar grausam ist, aber dennoch zu Wasserburg gehört: Mit der sogenannten Wasserburger Birne wurden zu Zeiten der Hexenverfolgungen Menschen aufs Schrecklichste gefoltert und gequält.

Das Malhausteam hat die Wasserburger Birne zurück in das historische Gerichtshaus geholt, um einmal mehr zu zeigen, dass auch dieser unrühmliche Teil der Geschichte zu Wasserburg gehört. Aber wenn ab dem 30. Juni das Museum im Malhaus wieder seine Türen öffnet, gibt es nicht nur diese neue Errungenschaft zu bestaunen. Obendrein hat sich auch das komplette Museum verändert.

Dass sich das mittelalterliche Folterinstrument irgendwo in Kempten befindet, war in Wasserburg seit eh und je bekannt. Eingefädelt hat die Rückkehr nun Sabine Schmid. Seit im November 2019 ein neuer Vorstand die Geschicke des Museums im Malhaus leitet, ist sie Beisitzerin. Gleichzeitig ist sie aber auch in Wasserburg als Gästeführerin tätig.

Ihre Fortbildung zur Kulturvermittlerin führte sie schließlich nach Kempten, wo sie im Zumsteinhaus Christine Müller-Horn begegnete. „Wir wussten ja, dass die Birne in Kempten gelagert ist und da habe ich die Museumsleiterin einfach darauf angesprochen.“ Und wie es der Zufall wollte, war Sabine Schmid bei Christine Müller-Horn genau an der richtigen Adresse. Die Museumsleiterin bestätigte, dass sich die Birne in ihrem Depot befinde. Daraufhin meldete sich Ulrike Schmiedinger-Schenk im Zumsteinhaus. Sie ist die neue Vorsitzende und hatte sich bereit erklärt dieses Amt zu übernehmen als der alte Vorstand abgetreten war.

Nachdem die Wasserburgerin genügend Mitstreiter gefunden hatte, um die Gefahr der Vereinsauflösung abzuwenden, „sind wir jetzt eine ganz harmonische Gruppe“, deren harter Kern „viereinhalb Personen“ umfasse. Und weil im Museum im vergangenen Jahr coronabedingt nicht viel stattfinden konnte, haben sich die Vorsitzende und ihr Mann Bruno Schenk, der Beisitzer ist, mit Unterstützung von Schatzmeisterin Monika Frick und deren für die Technik zuständigen Mann Peter, dem Museum angenommen und vieles ausgeräumt, aufgeräumt und sortiert.

Dieser harte Kern war es denn auch, der alles daran setzte jene Bedingungen zu erfüllen, die die Kemptener Museumsleiterin an eine eventuelle Überlassung der Wasserburger Birne geknüpft hatte. Und diese Bedingungen waren nicht ohne. „Es musste eine Vitrine gekauft werden, das war noch das wenigste.“ Ebenso wenig wie der Abschluss einer Versicherung ein Problem darstellen sollte. Die größte Hürde war das Malhaus selbst. Denn, so erzählt die Vorsitzende, „wir mussten im Haus eine Feuchtigkeit von 45 bis 50 Prozent erreichen“. „Was eigentlich unmöglich ist“, waren sich alle mit Wissen um die feuchten Gemäuer des 1597 erbauten Gebäudes einig.

Doch das Team nahm diese Hürde. „Unser Techniker hat das hinbekommen“, sagt Ulrike Schmiedinger-Schenk nicht ohne Stolz und vergisst dabei auch nicht die Rolle der Sparkasse zu erwähnen, die mit den gespendeten 500 Euro den finanziellen Part übernommen hatte. Nachdem die Voraussetzungen erfüllt waren, stand der Übergabe der Birne nichts mehr im Wege. „Wir haben die Birne nicht nur als Leihgabe, sondern als Dauerleihgabe bekommen“, betont Ulrike Schenk-Schmiedinger. Ausgestellt ist das etwa faustgroße Metallinstrument in einem mit einem feuchtigkeitsregulierenden Granulat versehenem Glaskubus. Ein Sensor wacht über die Luftfeuchtigkeit, den wiederum Techniker Peter Frick über sein Handy im Griff hat.

„Die Birne gehört hierher“, bekräftigt Sabine Schmid und begründet dies mit der dunklen Geschichte des Hauses. 1597 wurde das Malhaus von den Fuggern als Gerichtshaus erbaut und spielte eine wesentliche Rolle bei den Hexenverfolgungen, die wiederum just in die Zeit der Herrschaft der Fugger fielen. So sei die Zeit zwischen 1692 bis 1755 als das Jahrhundert der Hexenprozesse in Wasserburg in die hiesige Geschichte eingegangen. In dieser Zeit war der Raum in der ersten Etage des Malhauses der Gerichtssaal, die fünf Gefängniszellen, von denen heute noch drei als solche zu besichtigen sind, befinden sich im Untergeschoss. „Es gibt in der ganzen Gegend kein Haus, in dem originale Hexenzellen existieren“, ergänzt Ulrike Schmiedinger-Schenk.

Doch nicht nur die originalen Hexenzellen sind das Besondere dieses dunklen Kapitels der Wasserburger Geschichte. Auch die Anzahl der Hexenprozesse und -verurteilungen und dass es nicht etwa nur Frauen waren, sondern vorwiegend Männer, die als Hexen verbrannt wurden, macht Wasserburgs Rolle zu einer besonderen. Speziell ist auch die Funktion der Wasserburger Birne. Denn anders als in anderen Städten war das birnenförmige Gerät aus Eisen kein Folterinstrument beim Verhör, sondern kam erst beim Gang zur Hinrichtungsstätte zum Einsatz.

Der Verurteilte bekam das Spreizgerät in den Mund gesteckt, das dann so weit aufgedreht wurde, dass der Verurteilte den Mund nicht mehr schließen und dadurch nicht mehr sprechen konnte. „Der Verurteilte sollte sein Geständnis auf dem Weg zur Hinrichtung nicht widerrufen können. Denn das Geständnis, diese Urgicht, war die Voraussetzung für die Hinrichtung“, erklärt Sabine Schmid. Die Hinrichtungsstätte befand sich auf der Hegemer Halde. Seit 2009 erinnert daran ein großes Kreuz, das auf Betreiben des erst kürzlich verstorbenen Erich Schäfler sowohl an die 25 dort als Hexen verbrannten Menschen als auch an Verfolgte zu allen Zeiten erinnern und mahnen soll.

Als Sinnbild dessen, wozu Menschen fähig sind, ist auch die Wasserburger Birne zu sehen. Und damit gleichzeitig ihre Bedeutung für das Museum. „Die Birne ist für diese Ausstellung so wichtig, weil man die Grausamkeit nachvollziehen kann, allein, wenn man dieses kleine Eisenteil nur anschaut“, fasst dies Sabine Schmid in Worte. „Man spürt den Schmerz, den es verursacht ebenso wie die Gewalt und das Unrecht, das den Menschen da angetan wurde.“

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