Kunst als Balsam für die Seele

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Stephan Rustige (im Bild) ist ein vielgestaltiger Künstler, der auch Musik macht. Hier in seiner Ausstellung im Kunstbahnhof Was
Stephan Rustige (im Bild) ist ein vielgestaltiger Künstler, der auch Musik macht. Hier in seiner Ausstellung im Kunstbahnhof Wasserburg. (Foto: bac)
Babette Caesar

Kunst stellt bekanntlich Fragen und diejenige von Stephan Rustige macht es gleich in vielerlei Hinsicht. Zusammen mit der Kunsthistorikerin Ursula Winkler, die in das Werk einführte, hat er seine Ausstellung „Du wirst dich für einen Augenblick in meiner Seele verfangen“ im Kunstverein Wasserburg am Freitagabend eröffnet. Anne Meßmer-Steinmann aus dem Beirat stellte den im Allgäu lebenden Künstler kurz vor.

„Malerei, Skulptur, Materialarbeiten“ lautet der Untertitel und dieser ist wortwörtlich zu nehmen. Denn das Spektrum, das Stephan Rustige in den vier Ausstellungsräumen präsentiert, ist inhaltlich und formal kaum unter einen Hut zu bringen. Woran ihm auch nicht gelegen ist. So trifft der Neugierige im Foyer auf einen überdimensionalen Linoldruck aus Acryl mit dem Titel „Verwirbelt“. Ein orangefarbener Grundton ist durchzogen von gelben wie hin gewischten Zeichen, die mal mehr und mal weniger ab- und auftauchen. Der Titel gibt wieder, was das Bildmotiv optisch vermittelt. Doch so einfach lassen sich längst nicht alle Arbeiten aufschlüsseln. Schon gleich daneben tun sich erste Rätsel auf beim Anblick eines schiefen, aus Draht gefertigten Turms, den ein wolkenartiges Wachsgebilde oberhalb umschließt. Der Titel: „Ein dunkler Tag in Peking“.

Dass Objekt und Titel sich mehrheitlich gegenseitig bedingen, ist Tenor der Ausstellung. Das birgt aber auch Fragen, deren Antworten möglicherweise tiefer gehen. Wie im Falle der Wandarbeit „Die Himmel sind mir geneigt“, was seinen bildnerischen Ausdruck in übereinandergeschichteten halbmondförmigen Holzplatten findet, deren vorderen Kanten in Pastelltönen gefasst sind. Oder eine auf dem Boden installierte Metallplatte in changierenden Blautönen. Mittendrin ein Frosch im vertrockneten Zustand. „Das ist ja schon symbolisch“ oder „Muss man den noch retten?“ fragten sich neugierige Besucher. „Große Vögel“ lautet der Titel, die sich schemenhaft im Blau der Farbe abzeichnen. Das mag die Fantasie anregen, wirkt auf der anderen Seite aber auch vordergründig.

Anne Meßmer-Steinmann sprach von einem weit gestreuten Schaffen, für das Rustige 1996 den Kunstpreis der Stadt Kempten erhielt. 1945 in Stuttgart geboren, hat Rustige an der Technischen Universität Darmstadt Architektur studiert, anschließend Malerei an der Akademie der Bildenden Künste München. Mit Heinrich Franz Gaudenz von Rustige hat er einen Historienmaler der Düsseldorfer Malschule als Urgroßvater in der Familie, der Professor und Direktor der Königlichen Staatsgalerie in Stuttgart war. Zugleich war er Dichter, woher Rustiges künstlerisch-lyrische Wurzeln stammen könnten. Seit mehr als 30 Jahren lebt er abgeschieden auf einem Bauernhof in Trunzen nahe Kempten.

Was das „Allround-Genie“ aus Trunzen beflügelt

Ursula Winkler, die ihn seit 1998 kennt, nannte ihn einen Künstler, der keineswegs schön malen wolle, sondern einen, der jemanden berühren möchte. Sie sprach ihm einen Sinn für das Absurde und eine unendliche Lebenslust zu, einen goldigen Humor und eine Verschmitztheit. Was das „Allround-Genie“ beflügele, sei der Umgang mit Pigmenten, großen Formaten, Gewichten und Atmosphären. Von einer besonderen Kraft und Präsenz war die Rede, bei dem die Architektur, also das Gebaute, eine Rolle spielt. Sichtbar wird das an Wandobjekten wie „Lebenslinien“. Bestehend aus zehn quer übereinandergesetzten Brettern, auf denen jeweils einzelne Maserungen farblich in Grün, Orange, Blau, Rot und Violett nachempfunden sind. Rustiges Arbeiten vermitteln Botschaften – mal mehr, mal weniger offen liegende. Wie in der Draht-Installation „Passwort zum letzten Geheimnis“, bei der die Buchstaben aus den Fugen geraten sind und die Botschaft lautet, sich über Sinn und Unsinn von Passwörtern im digitalen Zeitalter Gedanken zu machen. Als zentrales Werk stellte Winkler „Die Verheißungen der Nacht“ vor. Dabei handelt es sich um einen Baumstamm, einen „gefallenen Helden“, worin Rustige ein Geschenk der Natur sieht. Dieses liegt nun auf zwei Böcken in einer roten und goldfarbenen Fassung. Noch warte das Werk auf seine finale Bestimmung, ist es doch für die Wand vorgesehen. Dieser kunstvolle Umgang mit einem alten Baum, so Winkler, sei ein Zeichen, in dem sich die Seele verfangen kann.

Worin sich die Seele am Abend so richtig verfing, war in seiner Musik. Zusammen mit Pit Kinzer am elektronischen Windinstrument und Dieter Serfas an Schlagzeug und Percussion inszenierte Rustige sich neben Posaune und Trompete am Alphorn. Das Trio „Zseitenspringer“ mit ihrer „open music“ aus Jazz und hochrhythmischer Improvisation war das Highlight dieses Abends. Nur leider so spät, dass viele Besucher schon gegangen waren.

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