Forscher wollen Wasserburger Einbaum nachbauen

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Hildegard Nagler

Die Vorstellung des rund 3150 Jahre alten Einbaums, der im Bodensee vor Wasserburg gefunden wurde, war im April 2018 eine Sensation. Im Januar 2019 folgte eine weitere: Ein halber Schädel wurde vor Wasserburg gefunden. Jetzt warten Forscher mit einer Aufsehen erregenden These auf: Sie vermuten, dass der Einbaum Teil eines sehr großen Schiffes war. Grund genug für das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen, sich dieser These in Form von experimenteller Archäologie anzunähern: Heute, Mittwoch, wird eine mächtige Eiche mit einem Stammdurchmesser von 1,13 Meter, einer Länge von rund zehn Metern und einem Gewicht von zwölf Tonnen im Pfahlbaumuseum angeliefert. Sie soll für den Nachbau des Original-Einbaums dienen.

Schon bei der Präsentation des Einbaums hatte Franz Herzig, Experte für Altersbestimmung beim Bayerischen Landesdenkmalamt für Denkmalpflege bezweifelt, dass die Menschen dereinst mit dem Einbaum über den Bodensee gefahren sind. „Zu instabil bei Wellen, wie sie der Bodensee nun mal haben kann“, sagte der erfahrene Experte mit Blick auf den ältesten Schiffsfund im Bodensee, der auch zugleich Bayerns ältestes Wasserfahrzeug ist. Eine Vermutung, die die Wissenschaftler in Deutschland nicht hat zur Ruhe kommen lassen. Jetzt, mit der Anlieferung des mächtigen Holzstamms, gehen sie mit ihrer These an die Öffentlichkeit. „Es gibt Indizien, dass der Einbaum Teil eines Schiffes war“, sagt Dr. Gunter Schöbel, Direktor des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen stellvertretend für seine Forscher-Kollegen. „Beim Einbaum-Fund könnt es sich um den Kiel eines Schiffes handeln. Es gibt Kanten und kleine Löcher im Corpus, die vielleicht mit einer Aufplankung der Bordwand zu tun haben könnten. Zudem ist der Boden an den gut erhaltenen Stellen sehr dick. Und: Die Höhe des Freibords ist vergleichsweise gering.“

Wie das Schiff genau ausgesehen haben könnte, darüber gibt es derzeit nur Vermutungen: Eventuell hatte der Einbaum Ausleger. Eventuell wurden auch zwei Einbäume als eine Art Katamaran zusammengebunden und mit einem Aufbau versehen. Eventuell wurden Einbäume auch durch eine spezielle Konstruktion segelbar gemacht. „Die Menschen sind damals sicherlich auch auf und über den See gefahren“, sagt Schöbel im Brustton der Überzeugung. „Die Frage ist nur: Womit und wie?“ Nachgewiesen für die damalige Zeit sei der Felchenfang, „und die kann man ja bekannterweise nicht am Ufer fangen“.

Suche nach Baum ist nicht einfach gewesen

Schon damals, führt der Experte weiter aus, habe es „riesige Gemeinschaften“ mit 400 bis 500 Menschen gegeben, die in Ufernähe gewohnt hätten. Hochentwickelt seien sie gewesen, was beispielsweise in Zürich der Bau einer Brücke über den See belege. Und der Handel sei bis nach Palästina, Irak, Iran und bis nach Mesopotamien sei für die Bronzezeit nachgewiesen. Es habe sich, erklärt Schöbel, also um einen „transkontinentalen Handel“ gehandelt. „Da glaube ich nicht, dass die Menschen am Bodensee nur am Ufer rumgefahren sind. Der Einbaum könnte ein Indiz für den Bootsbau am Bodensee sein. Es muss auch richtige Häfen gegeben haben. Wir müssen sie finden.“

Schöbel ist glücklich, dass er jetzt mit der Anlieferung des Stamms die Grundlage für den Einbaum-Nachbau in Originalgröße hat – dieser soll weitere Erkenntnisse ermöglichen. Es sei nicht einfach gewesen, einen so mächtigen Baum zu finden, betont er. Einen gesunden habe man nicht fällen wollen. „Da hat es gut gepasst, dass Revierleiter Peter Schmiederer vom Amt für Waldwirtschaft im Landratsamt Ortenaukreis eine alte Eiche hatte, die im vergangenen Jahr aufgrund der Trockenheit vollständig abgestorben ist. Sie stand in unmittelbarer Nähe eines bebauten Grundstücks. Da komplett abgestorbene Eichen innerhalb weniger Jahre umstürzen, musste sie gefällt werden.“ Der Baum aus dem Illenauer Wald entspreche auch aufgrund seiner Schädigungen dem historischen Vorbild. „Das Original hat einseitig einen ziemlichen Schlag gehabt“, führt Schöbel aus. „Vielleicht wurde er durch einen Blitz verursacht.“ Der jetzt angelieferte Baumstamm erfülle auch deshalb die Anforderungen, weil er aufgrund seiner Länge und Breite bei der Bearbeitung nicht reißt oder sich spaltet.

Bevor in Unteruhldingen richtig Hand an den Baum gelegt wird, laufen die theoretischen Untersuchen am Bodensee und in der Halle einer Außenstelle der archäologischen Staatssammlung nahe München, wo der Wasserburger Einbaum derzeit konserviert wird, weiter – in München selbst würde er in keines der Gebäude der Archäologischen Staatssammlung passen. Und: Auch mit am Federsee gefundenen Einbäumen wird experimentiert. „Wir wollen zwei zusammengebundene testen. Und wir wollen welche mit Ausliegern versehen“, sagt Schöbel.

Selbst wenn die Wissenschaftler ihre These belegen können, bleiben Fragen offen. Darüber ist sich der Direktor des Pfahlbaumuseums im Klaren. „Wie wurde das Schiff gesteuert? Und von wem? Wir stehen vor einem Riesenpuzzle.“

„Wasserburg“, führt der Experte weiter aus, „hat für die Klärung aller möglichen Fragen aus der Bronzezeit, der Römerzeit und der Christenzeit aufgrund seiner topografischen Situation noch Ressourcen“. Funde wie der des Einbaums oder des halben Schädels seien „Geschenke. Sie ermöglichen es jedem, sich über die eigene Geschichte zu identifizieren. Wir erhoffen uns durch weitere Tauchuntersuchungen und durch unsere experimentelle Archäologie weitere Ergebnisse.“

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