Einbaum-Untersuchungen bestätigen: Wasserburg ist älter als vermutet

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Alt, älter, Einbaum: Der bislang älteste Bootsfund am Bodensee geht auf das Konto von Hobbyschnorchler Christoph Schmid. (Foto: dpa)
Hildegard Nagler

Der 3150 Jahre alte Wasserburger Einbaum birgt noch immer Geheimnisse. Weil sie mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen, sie mit ins Boot holen möchten, sind gleich zwei Wissenschaftler nach Wasserburg gekommen:

Forschungstaucher Tobias Pflederer von der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie, der die Taucharbeiten geleitet hat, und Heiner Schwarzberg von der Archäologische Staatssammlung München, die die Hebung technisch konzipierte und nun für die Konservierung des bronzezeitlichen Bootes zuständig ist.

Große Freude bei den Experten 

Die beiden haben über den aktuellen Stand und Planungen zu Bayerns ältestem Wasserfahrzeug referiert.

Man merkt es nicht nur den beiden Wissenschaftlern an, sondern auch den Zuhörern, die ins Pfarrheim gekommen sind:

Die Geschichte des Einbaums zieht in ihren Bann – auch wenn kein kompletter Einbaum, sondern ein „Rest“ davon geborgen werden konnte; 6,87 Meter ist der älteste Schiffsfund im Bodensee noch lang und 1,05 Meter breit, ursprünglich könnte er eine Länge von bis zu 14 Metern gehabt haben.

„Allergrößte Hochachtung“ verdiene Christoph Schmid, dass dieser das archäologische Objekt schnorchelnd entdeckt habe, sagt Tobias Pflederer.

Wozu der Einbaum genau verwendet wurde? „Die Nutzung ist unklar. Er könnte eine Transportfunktion gehabt haben“, antwortet der Forschungstaucher und gibt den Einbaum im Miniformat als 3D-Modell durch die Reihen.

Wir sind immer daran interessiert, dass Exponate dort ausgestellt werden, wo sie herkommen.

Archäologe Tobias Pflederer 

Auffallend sei die maulartige Aussparung am Bug, der allerdings bisher keine eindeutige Funktion zugeordnet werden konnte.

Tobias Pflederer lässt mit Hilfe von Fotos und einem Film die schwierige Bergung des Einbaums Revue passieren.

Erleichtert seien er und seine Kollegen gewesen, dass das Wasserfahrzeug dabei nicht in zwei Stücke zerbrochen ist.

„Es war ein magischer Moment, als der Einbaum aus dem Wasser aufgetaucht ist“, sagt Heiner Schwarzberg. Der Archäologe erklärt, warum die Konservierung des Fundes aufwendig ist und viel Zeit braucht:

An der Luft trocknen lassen geht nicht, weil das Wasserfahrzeug sonst in Teile zerfallen würde. Also wird das wertvolle Stück mit Polyethylenglykol, einem Wachs auf Alkoholbasis, konserviert.

Der Experte geht davon aus, dass der Einbaum, der mittlerweile Eigentum des Freistaats ist, Ende 2021 in einem „ausstellungsfähigen Zustand“ sein wird.

Wo er dann gezeigt wird, sei „völlig offen“, so Heiner Schwarzberg. „Wir sind immer daran interessiert, dass Exponate dort ausgestellt werden, wo sie herkommen“, betont der Archäologe.

Fundort liegt auf gleicher Höhe wie Pfahlbauten von Hagnau

„Wichtig ist aber, dass die Bedingungen, insbesondere das Raumklima, stimmen, damit keine Schäden entstehen.“

Noch Jahre werde die Arbeit rund um den Einbaum dauern, sagt Tobias Pflederer. Im Herbst wollen der Forschungstaucher und seine Kollegen wieder nach Wasserburg kommen.

Suchtauchgänge, aber auch Bohrprogramme in tiefen Schichten stehen an. Denn dass am bayerischen Bodenseeufer im Gegensatz zum baden-württembergischen bisher keine Pfahlbausiedlungen gefunden wurden, könnte am Eintrag des Eschbachs und der Bregenzer Ache liege.

Es gibt nach wie vor Geheimnisse

„Interessant ist, dass der Einbaum mit 392 Metern über Normalnull auf dem demselben Höhenniveau wie die nächstgelegenen Pfahlbausiedlungen von Hagnau und Unteruhldingen-Stollenwiesen gefunden wurde“, sagt Tobias Pflederer.

„Vielleicht gibt es dort in der Nähe der Einbaum-Fundstelle eine bislang unentdeckte Pfahlbausiedlung.“ Ein Zusammenhang mit Hemigkofen (heute Kressbronn), wo seit 1911 nahe der Kirche immer wieder Gräber des 13. und 12. Jahrhunderts vor Christus aus der sogenannten Urnenfelderzeit entdeckt wurden, liege nahe.

Drei Männer stehen vor einem Hauseingang
Fridolin Altweck vom Verein „Museum im Malhaus“ (Mitte) freut sich, dass Forschungstaucher Tobias Pflederer (rechts) von der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie und Heiner Schwarzberg von der Archäologischen Staatssammlung München im Jubiläumsjahr des Vereins zu einem Vortrag rund um den Einbaum nach Wasserburg gekommen sind. (Foto: Hildegard Nagler)

„Schon 50 Jahre bevor es mit den Bronzezeit-Siedlungen losging, war der Einbaum da“, sagt der Forschungstaucher. „Wir würden gerne wissen, wo er dazugehört hat.“

Wasserburg schon früher besiedelt

Die erste urkundliche Nennung von Wasserburg stammt aus dem Jahr 784. Wasserburg war jedoch schon früher besiedelt.

Das belegen die Ergebnisse von Untersuchungen, die im Umfeld des Einbaum-Fundortes gemacht und jetzt von den beiden Wissenschaftlern bekannt gemacht wurden.

Im Dezember 2018 hatten Taucharchäologen eine Schädelkalotte entdeckt und diese in einem 40 auf 40 Zentimeter großen Block geborgen. Dabei kamen Holzkohle und bearbeitete Holzstücke, die auf eine menschliche Tätigkeit in nächster Nähe schließen lassen, ans Tageslicht.

Holzboot aus der Bronzezeit aus dem Bodensee geborgen
Mehr als 3000 Jahre lang lag es auf dem Grund des Bodensees. Nun ist vor Wasserburg das älteste Boot geborgen worden, das jemals im Bodensee gefunden wurde. Der sogenannte Einbaum stammt aus der Bronzezeit und soll nun in einem aufwändigen Verfahren konserviert werden.

Während die Datierung des Schädelteils noch aussteht – man geht davon aus, dass es sich um eine blonde, etwa 35 Jahre alte Frau handelt - ist man bei der Holzkohle und den Holzstücken weiter: Sie stammen zwar nicht aus der Bronzezeit, aber doch aus dem Jahr 630 nach Christus und belegen damit eine frühere Siedlungstätigkeit in Wasserburg als bisher durch die Urkunde angenommen.

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