Die Stunde der Schnäppchenjäger

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Die Stunde der Schnäppchenjäger
Die Stunde der Schnäppchenjäger (Foto: isa)
Isabel de Placido

Zum ersten, zum zweiten und zum dritten. Bei der traditionellen Versteigerung der Fundstücke, die im Laufe des vergangenen Jahres im Wasserburger Rathaus abgegeben worden sind, ging es spannend zu. Mussten zwar die Schnäppchenjäger in diesem Jahr wegen Corona auf die beliebten Badehandtücher verzichten, gab es unter den Fahrrädern doch das ein oder andere Modell, um das sich die Bieter rissen. Ebenso wie beim Schmuck, wo so manches wertvolle Goldstück unter den Hammer kam. Dagegen entpuppten sich Brillen und Uhren als Ladenhüter.

„Dieses Jahr versteigern wir nur Fahrräder und kleine Gegenstände“, sagt Markus Ketschei. Der Mitarbeiter der Verwaltung hat unter anderem das Fundamt unter sich und bringt seit über 20 Jahren alles unter den Hammer, was der Mensch im Laufe des Jahres so alles in Wasserburg verliert, vergisst oder schlichtweg einfach nur liegen lässt. Und weil Markus Ketschei diesen Job schon von seinem Vorgänger übernommen hat, spricht er zu Recht davon, dass die Fundsachenversteigerung bereits zur Tradition geworden sei. Und das, obwohl, so betont er, die Gemeinde dazu nicht verpflichtet sei. Nachdem sie die Fundstücke das vorgeschriebene halbe Jahr verwahrt habe, könnte sie sie genauso gut entsorgen. Genauso eben, wie sie es heuer, wegen Corona, mit den Badetüchern gemacht hat, die im Laufe des Sommers im Aquamarin vergessen wurden.

Demnach ist es also Corona geschuldet, dass heuer auch bei dieser traditionellen Versteigerung alles ein bisschen anders ist als sonst. So landeten nicht nur die beliebten Handtücher im Müll, auch die Versteigerung selbst fand später im Jahr statt als sonst. Und überhaupt musste sich jeder Besucher erst einmal registrieren lassen, bevor er in die Sumserhalle durfte. Und das natürlich nur mit Mundschutz.

Gut zehn Interessierte sind es, die vor dem eigentlichen Beginn der Versteigerung die Fahrräder und Gegenstände inspizieren, die übersichtlich und je nach Art sortiert, auf einem Tisch ausgestellt sind. Wenige Sonnenbrillen, dafür mehr optische Brillen sind dabei und Brillenetuis. Armbänder scheinen ebenso gerne verloren zu gehen wie Ringe oder die ein oder andere Uhr. Am interessantesten sind jedoch die Fahrräder. Immerhin sind es insgesamt zehn Stück in unterschiedlichem Zustand, die einen neuen Besitzer suchen. Ganz abgesehen von den beiden weiß-rosa-farbenen Tretrollern, die aussehen, als hätten sie gestern noch im Laden gestanden.

„Ich wollte mal sehen, wie so eine Fundsachen-Versteigerung funktioniert“, verrät Maximilian, der eigentlich just zu dieser Stunde hier in der Halle seinen Sportunterricht gehabt hätte. Und weil seine Motivation ja eine andere war, ist es nicht so tragisch, dass der Neunjährige unter den Fundstücken nichts entdeckt hat, was er hätte unbedingt haben wollen.

Dagegen haben Andrea Batke und ihre Tochter Karin ein konkretes Ziel: „Meine Tochter hat gestern ihren Mietvertrag für ein Studentenzimmer in Augsburg unterschrieben und da haben wir gesagt, da könnte sie doch gut ein Stadtfahrrad gebrauchen.“

Doch bis die Räder dran sind, dauert es noch ein Weilchen. Nachdem Markus Ketschei die Besucher begrüßt hat, beginnt er mit den Brillen. Doch die Begeisterung hält sich in Grenzen. „Will denn überhaupt jemand Brillen?“, fragt er, nachdem sich auch nach der fünften Brille kein Bieter gefunden hat. Nein, Brillen will keiner. Und auch bei den Uhren, von denen manche sogar noch funktionieren will, ruft keiner „hier“. Schleppend gestaltet sich anfangs auch die Versteigerung der Schmuckstücke. Erst als Markus Ketschei ein Lerderarmband hoch hält und für 50 Cent anbietet, schlägt eine Frau zu und er kommt zum ersten Mal an diesem Tag dazu zu sagen „zum ersten, zum zweiten und zum dritten“. Dem Armband folgen noch zwei Armkettchen und als Goldohrringe an der Reihe sind, treiben zwei Herren den Anfangspreis auf sechs Euro hoch. „Zum ersten, zum zweiten und zum dritten.“

Als die Fahrräder an der Reihe sind, ist die Stimmung aufgelockert. Das erste Mountainbike allerdings will keiner. Weder für 40 Euro, noch für 30 Euro und auch nicht für 20 Euro. Die Schmuckkäufer haben die Halle schon verlassen, als Markus Ketschei ein Herrenrad mit sieben Gängen für zehn Euro versteigert hat und zu jenem schicken Sportrad kommt, auf das es offensichtlich mehrere abgesehen haben. Aufgerufen für 30 Euro treiben Andrea Batke, eine andere Dame und zwei Herren den Preis zuerst in zehner Schritten, dann in fünfer, in die Höhe. Bis es einem Mann zu lang wird. „115“, beendet er die Gebote und Momente bevor Markus Ketschei „zum ersten, zum zweiten und zum dritten“ sagt, herrscht Totenstille. Andrea Batke ist die Verwunderung ins Gesicht geschrieben. Gleich beim nächsten Rad, einem pinkfarbenen Mountainbike, versucht sie ihr Glück noch einmal. Und wird zum zweiten Mal überboten. Die Räder, die danach kommen, will keiner mehr haben. Nur einer der beiden Roller, geht noch für fünf Euro über den Tisch. „Dann sind wir jetzt fertig. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind“, beendet Markus Ketschei die Versteigerung nach gut 20 Minuten.

„Irgendwie ging mir das zu schnell. Ich war vorher noch nie bei einer Versteigerung“, sagt Andrea Batke, ohne übermäßig enttäuscht zu sein. Dagegen freut sich Steffen Adler über das Schnäppchen, das er mit dem Sportrad gemacht hat.

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