Der Kapitän der „Felicitas“ geht von Bord

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 Johannes Maginot und das Dampfboot „Felicitas“ (linkes Bild Mitte und mittleres Foto): 27 Jahre lang waren die beiden ein einge
Johannes Maginot und das Dampfboot „Felicitas“ (linkes Bild Mitte und mittleres Foto): 27 Jahre lang waren die beiden ein eingespieltes Team. Jetzt geht der Kapitän, auf dem Bild rechts auf dem Dampfboot, von Bord. (Foto: Hildegard Nagler)
Hildegard Nagler

27 Jahre lang waren sie ein eingespieltes Team: Johannes Maginot aus Wasserburg und das Dampfboot „Felicitas“. 25 536 Kilometer hat er in all den Jahren mit ihr zurückgelegt und dabei 12 961 Fahrgäste über den See geschippert. Dieses Jahr wird er nicht mehr Kapitän auf dem Dampfboot sein. „Irgendwann ist Schluss“, sagt der 79-Jährige.

Fotos über Fotos stapeln sich in seiner fein säuberlich aufgeräumten Werkstatt. Auf allen: „Felicitas“. Einmal von der einen, einmal von der anderen Seite. Einmal mit Johannes Maginot am Steuerrad, dann mit Gästen. Keines der vielen Fotos hat der Wasserburger selbst gemacht. „Sie sind mir geschenkt worden“, sagt er und strahlt. „Felicitias“ – sie als die Liebe seines Lebens zu bezeichnen, wäre etwas vermessen. Und doch spürt man sofort die besondere Beziehung zwischen den beiden, wenn der Wasserburger mit dem Erzählen beginnt. „,Felicitas’ ist ein ganz tolles Boot. Die Zeit mit ihr zusammen war einfach traumhaft“, schwärmt Johannes Maginot. „Ich werde sie nie vergessen.“

1992 wird der gebürtige Wasserburger, der zuletzt bei den Heeresfliegern Bordtechniker des Hubschraubers CH 53 war, pensioniert, kommt fest an seinen Geburtsort zurück, baut sein Haus um. Eine Nachricht klingt in seinen Ohren besonders interessant: „Der Wirt vom Haus des Gastes hat sich ein Schiff bauen lassen“, erzählt seine Mutter. Als Johannes Maginot eines Tages beim „Portner“ ist, kommt der Wirt – es ist Karl Schmid – auf Johannes Maginot zu, schwärmt ihm von seinem Dampfboot vor, das gerade in Hard gebaut wird, und zwar nach einem auf Bodensee-Größe hochgezogenen Originalplan aus dem Lake Windermere -Museum in Schottland. Schmid war bei der Marine Koch auf der „Deutschland“, ist Schiffsfan geblieben. Als er bei einem Dampfboot-Treffen in Bodman das Dampfboot „Stefanie“ sieht, war für ihn klar: Auch ich möchte ein Dampfboot mein Eigen nennen.

Ein Dampfboot? Johannes Maginot, der Technikfreak, fängt Feuer. Hilft mit, das Boot, das zu drei Viertel gebaut ist und fünf Tonnen schwer sei wird, fertig zu stellen. Per Handschlag versichert Johannes Maginot Karl Schmid: „Ich mache so lange weiter, wie ich kann.“

Zehn Jahre vergehen von der Idee Karl Schmids bis zur Fertigstellung, vier Jahre davon sind Bauzeit. Dann, am 12. September 1992, ist der große Tag: „Felicitas“, benannt nach der Frau von Karl Schmid, wird getauft. Weitere eineinhalb Jahre braucht es, bis das Dampfboot so wie heute fährt. „Ich kenne das Boot in- und auswendig“, sagt Johannes Maginot und erwähnt ganz nebenbei, dass er selbst 120 Meter Kabel auf der „Felicitas“ verlegt hat.

Wann immer Karl Schmid ausfahren möchte, ist Johannes Maginot da. Bis zu dessen unerwartetem Tod im Jahr 1998. Der Wasserburger Technikfreak übernimmt alles, fährt die „Felicitas“ weiter. Nach Schaffhausen, nach Altenrhein, oder beispielsweise zum Konstanzer Seenachts-Feuerwerk. An Bord: Brautpaare, ein paar 90-jährige Damen, die auf der „Felicitas“ ihren Geburtstag gefeiert haben. „Die hatten ihre Gesellschaft voll und ganz im Griff“, sagt Johannes Maginot beeindruckt. Und viele andere Fahrgäste. „Einmal ist eine Familie an Bord gekommen. Die Mutter war schwanger, der Vater trug ein kleines Kind auf seinem Arm. Der fünfjährige Sohn der Familie meinte, an Bord das Kommando übernehmen zu können“, erzählt Johannes Maginot. „Doch ich habe ihm gesagt, dass es an Bord nur einen Kapitän gibt, und das bin ich!“ Der Vater habe erleichtert reagiert: „Endlich sagt’s ihm einer.“

Unfallfrei waren Johannes Maginot und „Felicitas“ über all die Jahre unterwegs, haben stets ohne fremde Hilfe wieder den Heimathafen erreicht. Mindestens 150 Jahre alt könne das Dampfboot bei liebevoller Pflege werden, ist er überzeugt. „Für mich ist mit dem Dampfboot ein Jugendtraum wahr geworden“, sagt Johannes Maginot. 27 Jahre lang war er während der Saison – also etwa von Mitte April bis Mitte Oktober – mindestens ein Mal am Tag bei dem Dampfboot. Und jetzt? In seiner Werkstatt – ein Traum für alle Werkzeugbegeisterten, in der er viele Sonderanfertigungen für die „Felicitas“ gemacht hat – wird Johannes Maginot noch immer häufig zu finden sein. Falls nicht, zieht es ihn ans Wasser. Schiffe anschauen oder auch mit ihnen fahren.

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